Vom Träumen im Verborgenen
Das Open Art Museum St.Gallen beteiligt sich an der Archivöffnung der Schweizer Psychiatrien und rückt Kunst aus therapeutischem Kontext ins Zentrum des Kunstbetriebs.
Die Ausstellung zeigt Bilder aus den Archiven der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (Bild: pd/Daniel Ammann)
Mit «Ein Traum von einem Ballkleid» eröffnet das Open Art Museum Zugang zum rund 5000 Werke umfassenden Bilderlager der Universitären Psychiatrischen Kliniken (UPK) Basel und macht eine Welt sichtbar, die sich dem öffentlichen Bewusstsein sonst entzieht. Die Schau ist Teil der Reihe «Verborgene Schätze aus Schweizer Psychiatrien» und wurde bereits im Kunstraum der UPK Basel gezeigt. In St.Gallen verleiht das Museum den Bildern eine neue künstlerische Weihe.
Nicht umsonst bezeichnet sich das Museum als «Zentrum für Outsider Kunst»: Gezeigt wird hier Kunst, die jenseits etablierter Massstäbe des musealen Kunstbetriebs und Kunstmarkts entsteht – ergänzt durch sogenannte naive Kunst und Art Brut. Gerade diese Begriffe bleiben bis heute unscharf und werden in kunstgeschichtlichen Debatten immer wieder neu verhandelt.
Jean Dubuffet prägte den Begriff der Art Brut in der Nachkriegszeit als anti-intellektuelle Gegenbewegung zur kanonisierten westlich-akademischen art culturel. Zugleich haftete der Art Brut lange das Stigma einer art moyen an – einer illegitimen, peripheren Kunstform. Mit diesem Blick möchte das Open Art Museum heute aufräumen und zugleich zur Enttabuisierung psychischer Erkrankungen sowie künstlerisch-heiltherapeutischer Maßnahmen beitragen, die seit den 1980er Jahren unter dem Begriff Kunsttherapie bekannt sind.
Die Ausstellung fordert den Blick aber nicht nur durch die Vielzahl der gezeigten Werke, sondern auch durch den historischen und therapeutischen Kontext sogenannter Healing Art. Gezeigt werden Arbeiten, die zwischen den 1960er- und 1990er-Jahren entstanden sind, eingebettet in die Geschichte der Psychiatrie und das Interesse an psychoanalytischen Behandlungsformen, wie sie etwa der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung vertreten hat.
Viele der Werke stammen von Autodidakt:innen (Bild: pd/Daniel Ammann)
Im Mittelpunkt stehen die zwölf ausgestellten Künstler:innen – überwiegend Autodidakt:innen – und ihre Werke, die oft ganze Bildserien umfassen und persönliche Perspektiven entfalten. Vermittlungsziel ist nicht ein rein kunstästhetisches Urteil, sondern ein tieferes Verständnis für ausdruckszentriertes Arbeiten. Damit lotet das Open Art Museum die Grenzen des Kunstbegriffs neu aus und setzt auf Diversität im musealen Kontext. Soweit es mit dem Datenschutz vereinbar ist, rückt das Museum die künstlerischen Ausdrucksformen und Lebenswege bewusst in den Vordergrund.
Das Ausstellen von Kunst aus klinischem Kontext bringt besondere kuratorische Tücken mit sich: Unsichere Urheberschaften, fehlende Einwilligungen oder nicht mehr kontaktierbare Künstler:innen erfordern sensible Lösungen. Signierte Werke ohne Einverständnis werden etwa mit einem schwarzen Karton «zensiert», viele andere anonymisiert gezeigt, sodass die künstlerische Aussage erhalten bleibt und zugleich Datenschutz sowie ethische Richtlinien gewahrt werden.
Das Open Art Museum leistet zudem auch einen Beitrag zur Provenienzforschung: Das Bildlager der UPK wird kontinuierlich aufgearbeitet, und die Forschung in Zusammenarbeit mit der Kunstkommission der UPK sowie staatlichen Archiven wird über die Ausstellung hinaus fortgeführt. Heute werden dort keine Bilder aus kunsttherapeutischen Sitzungen mehr gesammelt.
Der Titel der Ausstellung «Ein Traum von einem Ballkleid», nach einem Werk von B.W., erinnert an eine literarische Miniatur – eine kurze, oft in einem Satz erzählte Geschichte – und thematisiert die Sehnsucht nach einer Normalität, die sich inzwischen ausser Reichweite befindet. Die Interieurszenen der Werkreihe von B.W. zeigen Besitztümer, die im Klinikalltag zu Sehnsuchtsorten werden.
Der Film Selbstbildnis Béatrice S. von Béatrice Schweizer (Bild: pd/ Daniel Ammann)
Die gezeigten Bilder fungieren als gesellschaftliche Seismografen, Zeugnisse des stetigen Ringens um die passende Form und das richtige Material, und schaffen ein «Zwischenreich für Nichtfunktionierer» – wie es die kuratierte Reihe von Bildern der Schweizer Schauspielerin und Zeichnerin Béatrice Schweizer beschreibt.
Die ausgestellte Serie von Schweizer umfasst unter anderem Arbeiten, die auf EEG-Diagrammen basieren, also der Messung von Gehirnströmen mittels Nadel auf Papier. Die feinen Linien, die Schweizer den Diagrammen aufträgt, brechen mit ihrem zackigen Muster aus dem messbaren Bereich aus und verwandeln sich zu teils düsteren Gestalten, die scheinbar aus dem Papier hervortreten. Begleitet wird die Reihe von dem Film Selbstbildnis Béatrice S., der zu einem intensiven Eintauchen in die Welt der inneren Dämonen der Künstlerin einlädt und ihre Suchterkrankung aus autobiographischer Perspektive reflektiert.
«Ein Traum von einem Ballkleid. Werke aus dem Bilderlager der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel»: bis 22. Februar, Open Art Museum, St.Gallen.saiten.ch/kalender
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