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Weiblichkeit nachbauen

Dragshows haben manchmal etwas Komisches an sich, weil Weiblichkeit dort oft eine Art Pointe darstellt. Das Problem liegt aber andernorts, wie Anna Rosenwasser in ihrer Novemberkolumne erklärt und beschreibt, wie sie Frieden schloss mit der «liebsten Kunstform der queeren Community».
Von  Gastbeitrag

Es ist schwierig, einen kritischen Text über Drag zu schreiben. Drag ist eine der liebsten Kunstformen unserer queeren Community. Drag sagt: Schaut mal! Euer elendes Gender ist so konstruiert, dass wir es an einem einzigen Abend dekonstruieren können!

Es gibt ein fantastisches Lied über diese jahrhundertealte Tradition: Drag von Dorian Electra. «Gender’s a game, but the rules have got to change. Transcend it and blend it and bend till it breaks – you are what you create.» Er sagt also in etwas schönerer Sprache: Gender ist Lego. Du kannst damit spielen, Altes nachbauen oder Neues erschaffen.

In Drag gibt es alles: komplett neu erfundene Wesen. Und das Nachbauen alter Konstrukte. Das gilt als Klassiker: Drag, wo Männer sich als Frauen verkleiden, Weiblichkeit ad absurdum treiben und den Schein so trügerisch machen, bis man fast drauf reinfällt.

Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.

Am Anfang hat mich das ganz schön zum Nachdenken gebracht. Ich sass in irgendeiner Dragshow in Zürich und dachte mir: Wie fragil ist unser Konstrukt vom Frausein, wenn ein talentierter Make-Up-Artist mit guten Schneider-Kenntnissen Weiblichkeit quasi nachbauen kann? Wenn es bloss die richtigen Legosteine braucht?

Okay cool, klassische Weiblichkeit ist einfach nachbaubar, aber … ist das nicht einfach Reproduktion von etwas, das wir eigentlich ausweiten wollen? Wenn Drag-Kultur das Frau-Sein zelebriert … warum fühl ich mich dann in meiner eigenen Weiblichkeit unwohl in klassischen Dragshows?

«Ja, Dragshows geben mir auch kein allzu gutes Gefühl, und ich weiss nie so recht, warum», antwortet eine Bekannte von mir, als ich diese Gedanken äussere. «Vielleicht», fährt sie fort, «weil Weiblichkeit dort oft eine Art Pointe ist? Aber bei mir könnte es auch daran liegen, dass ich immer Angst hatte, ich würde wie eine Drag Queen aussehen, wenn ich transitioniere.» – «Verständlich, wenn man bedenkt, wie viele Leute glauben, dass Drag Queens und trans Frauen dasselbe sind», entgegnete ich. «Drag ist aber hier nicht das Problem. Unser Problem ist eine Gesellschaft, die nichts weiss über queere Kultur.»

Dann waren wir beide an einer Dragshow, und zwar jenseits der Normen: Ray Belle, eine Drag Queen, gespielt von einer Frau, legte eine urfeministische, radikal politische Performance hin. Jo DyKing, ein Drag King, war anrüchig, elegant und gleichzeitig jenseits aller Normen. Und dann kam Paprika: ein Mann im Frauen-Gewand, der Klassiker. Ich dachte noch kurz: Irgendetwas ist anders. Und dann breitete sie ihre Flügel aus, riesige, schneeweisse Flügel, die ganze Bühne war erfüllt von diesem anmutigen Flügelschlag.

Niemand konnte so richtig erklären, woran es lag, aber: Das gesamte Publikum war seltsam berührt. Ich auch, von Kopf bis Fuss. In diesem Moment, mit der fast fliegenden Paprika auf der Bühne, fühlte ich: Wir sind frei. Wir sind einen Flügelschlag von der Freiheit ent- fernt. Und dieses Gefühl … verdanke ich wohl auch Drag.

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