Es ist schwierig, einen kritischen Text über Drag zu schreiben. Drag ist eine der liebsten Kunstformen unserer queeren Community. Drag sagt: Schaut mal! Euer elendes Gender ist so konstruiert, dass wir es an einem einzigen Abend dekonstruieren können!
Es gibt ein fantastisches Lied über diese jahrhundertealte Tradition: Drag von Dorian Electra. «Gender’s a game, but the rules have got to change. Transcend it and blend it and bend till it breaks – you are what you create.» Er sagt also in etwas schönerer Sprache: Gender ist Lego. Du kannst damit spielen, Altes nachbauen oder Neues erschaffen.
In Drag gibt es alles: komplett neu erfundene Wesen. Und das Nachbauen alter Konstrukte. Das gilt als Klassiker: Drag, wo Männer sich als Frauen verkleiden, Weiblichkeit ad absurdum treiben und den Schein so trügerisch machen, bis man fast drauf reinfällt.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Am Anfang hat mich das ganz schön zum Nachdenken gebracht. Ich sass in irgendeiner Dragshow in Zürich und dachte mir: Wie fragil ist unser Konstrukt vom Frausein, wenn ein talentierter Make-Up-Artist mit guten Schneider-Kenntnissen Weiblichkeit quasi nachbauen kann? Wenn es bloss die richtigen Legosteine braucht?
Okay cool, klassische Weiblichkeit ist einfach nachbaubar, aber … ist das nicht einfach Reproduktion von etwas, das wir eigentlich ausweiten wollen? Wenn Drag-Kultur das Frau-Sein zelebriert … warum fühl ich mich dann in meiner eigenen Weiblichkeit unwohl in klassischen Dragshows?
«Ja, Dragshows geben mir auch kein allzu gutes Gefühl, und ich weiss nie so recht, warum», antwortet eine Bekannte von mir, als ich diese Gedanken äussere. «Vielleicht», fährt sie fort, «weil Weiblichkeit dort oft eine Art Pointe ist? Aber bei mir könnte es auch daran liegen, dass ich immer Angst hatte, ich würde wie eine Drag Queen aussehen, wenn ich transitioniere.» – «Verständlich, wenn man bedenkt, wie viele Leute glauben, dass Drag Queens und trans Frauen dasselbe sind», entgegnete ich. «Drag ist aber hier nicht das Problem. Unser Problem ist eine Gesellschaft, die nichts weiss über queere Kultur.»
Dann waren wir beide an einer Dragshow, und zwar jenseits der Normen: Ray Belle, eine Drag Queen, gespielt von einer Frau, legte eine urfeministische, radikal politische Performance hin. Jo DyKing, ein Drag King, war anrüchig, elegant und gleichzeitig jenseits aller Normen. Und dann kam Paprika: ein Mann im Frauen-Gewand, der Klassiker. Ich dachte noch kurz: Irgendetwas ist anders. Und dann breitete sie ihre Flügel aus, riesige, schneeweisse Flügel, die ganze Bühne war erfüllt von diesem anmutigen Flügelschlag.
Niemand konnte so richtig erklären, woran es lag, aber: Das gesamte Publikum war seltsam berührt. Ich auch, von Kopf bis Fuss. In diesem Moment, mit der fast fliegenden Paprika auf der Bühne, fühlte ich: Wir sind frei. Wir sind einen Flügelschlag von der Freiheit ent- fernt. Und dieses Gefühl … verdanke ich wohl auch Drag.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.