Das Figurentheater St.Gallen und das Theater Jetzt führen in «@alice.snow.white oder Der letzte Follower» Alice in die Welt der Sozialen Medien ein und lassen sie im Nichts verschwinden.
Eine Klasse mit Schüler:innen in jugendlichem Alter besetzt die meisten Plätze des Figurentheaters St.Gallen am Donnerstagabend. Das Verwenden von Smartphones während der Aufführung ist ausdrücklich erwünscht. Die Schüler:innen dürften die Probleme in Verbindung mit Social Media bereits kennen, schenken ihre Aufmerksamkeit dennoch Alice, die alleine in ihrem Zimmer ein Reel für ihre Follower dreht.
Kurzerhand erhält sie Besuch von Algo, Rhythmus und Nutzungsbedingung, die selbstverständlich akzeptierte Gäste sind. Sie verlangen Alices Identität, Unabhängigkeit und Kontrolle und versprechen ihr im Gegenzug viele Follower. Ein «mephistophelischer Pakt» eben, wie es im Dialog zwischen Alice und Nutzungsbedingung heisst.
Ein spielerisch-spassiges Experiment
Unter dem Motto «Ich bewege mich und mit mir bewegt sich die ganze Welt» tanzt, posiert und hüpft Alice in ihren Videos und scheint dabei ordentlich Spass zu haben. Hier wird aber eigentlich genau mit dieser Haltung gespielt. Alices beste Absichten, die Follower zu motivieren und gute Laune zu verbreiten, werden von ihrer Eitelkeit und dem Wunsch, «durch die Decke zu gehen», untergraben, bis sie die Position ihres Avatars – einer Holzpuppe, die der Schauspielerin erstaunlich ähnlich sieht – einnimmt und völlig entstellt auf der Bühne erscheint.
Den Weg dahin bestimmen die Zuschauer:innen als ihre Follower, die im Übrigen aufgefordert werden, @alice.snow.white auf Instagram zu folgen. Wir dürfen also bestimmen, wie Alice nach ihrer Umwandlung aussehen soll. Und doch fühlt es sich an, als wäre uns dieses Mitspracherecht bereits genommen worden: «Ihr entscheidet, wie sie aussehen soll, und wir entscheiden, was ihr entscheidet», erklärt die leibhaftige Nutzungsbedingung, die mal fordernd, mal lustig, immer aber ehrlich auftritt.
Dramaturgie der Entstellung
Huhn und Ei im Kontext von Social Media also: Schauen wir Alice an, oder schauen die Nutzungsbedingung, Algo und Rhythmus, die musikalisch und humoristisch die Stimmung des Stücks gekonnt begleiten, uns an? Das Publikum wird so weit miteingebunden, dass es Mitschuld an Alices Zerfall trägt und mit einem bitteren Nachgeschmack entlassen wird. Die anfängliche Leichtigkeit schwingt plötzlich und auf grausame Art in tiefe Sozialkritik um, bringt das Schicksal von Alice ganz nah ans Publikum heran und versetzt es in ein Gefühl des Schauers.
@alice.snow.white oder Der letzte Follower ist ein Stück für Jung und Alt und hält uns einen Spiegel vor, der uns nichts über die oder den Schönste:n im ganzen Land verrät, sondern vielmehr unsere Ohnmacht gegenüber den Mechanismen von Social Media präsentiert, denen wir mit jedem Klick zustimmen.
@alice.snow.white oder Der letzte Follower ist am 5. und 6. April jeweils um 19 Uhr im Jugendkulturraum Flon zu sehen.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.