Simon Deckert legt mit «Siebenmeilenstiefel» ein märchenhaftes Debüt vor: Es ist ein Entwicklungsroman. Hier meldet sich eine eigenwillige literarische Stimme zu Wort.
Die Geschichte beginnt in einem abgelegenen Dorf in Vorarlberg. Andrea ist 22 und steht vor dem Abschluss der Berufsmatura. Ihre Familie besteht aus: keiner Mutter, sie hat sich vor zehn Jahren aus dem Staub gemacht, dem Bruder Michl, 18, einem Schulversager, der gern Rockmusiker wäre, und dem Vater, der sich invalid gesoffen und schliesslich mit seiner Brennerei im Keller das ganze Haus abgefackelt hat. Also leben die drei beim Onkel, einem Fuhrunternehmer, und dessen Frau, die mit dem Vater ein Verhältnis hat.
Aber diese Geschichten gibt es eigentlich gar nicht, denn: Alle hier sind grosse Schweiger.
Nach wenigen Seiten schon steht einem diese verkapselte dörfliche Enge deutlich vor Augen. Das Dorf ist aber auch das Land der Kindheit. Und dazu gehört noch eine andere Art von Lebensgeschichten: Märchen.
Viele klassische Märchen erzählen davon, dass jemand in die Ferne zieht, weil hier irgendetwas fehlt oder dort ein Schatz verborgen ist. So auch das Märchen vom entlaufenen Rösslein, in dem ein Drache eine Schuppe verliert und jemanden braucht, der sie für ihn findet. Für derartige Aufgaben gibt es im Märchen Helfer wie zum Beispiel Feen, die einen mit Siebenmeilenstiefeln ausrüsten.
Der Drache und die Fee
«Ich arbeite gern mit Vorgaben», sagt Simon Deckert in einem Interview mit dem Literatursalon Lichtenstein. Das Thema beginne dann in seinem Kopf Gestalt anzunehmen und irgendwann «kann ich ihm ein wenig über die Schwelle zu meinem Bewusstsein helfen, indem ich Notizen mache, aufschreibe, was mir durch den Kopf geht, im Schreiben meine Gedanken ordne.» So entstehe eine neue Geschichte.
Dieser gedankliche Kern des vorliegenden Romans ist das Buch Vergessenes Österreicher Volksgut – eine Fiktion. Aber der Drache auf dem Deckel und die Fee auf der Rückseite wie auch Auszüge aus den Geschichten werden immer wieder erinnert und erzählt und grundieren damit die gesamte Handlung.
Simon Deckert gehen die alten Sagen und Märchen schon länger im Kopf herum. Zu seinen diversen Veröffentlichungen in Zeitschriften und Anthologien gehören jedenfalls auch mehrere «Sagenhafte Geschichten» für die BiblioThekenTour (Vaduz). Der Autor ist 1990 in Österreich geboren und in Liechtenstein aufgewachsen, er hat am Literaturinstitut in Biel studiert und lebt jetzt als Musiker und Autor in St.Gallen. Mit Siebenmeilenstiefel ist aus dieser Liebe zu den alten Geschichten nun auch sein erster Roman geworden.
Simon Deckert: Siebenmeilenstiefel. Roman. Rotpunktverlag, Zürich. Fr. 32.–
Lesung: 9. September, 20 Uhr, Literaturhaus Liechtenstein
Magisches Erzählen
Es ist ein märchenhaftes Debüt: Andrea und Michl ziehen in die Welt hinaus. Mit mehr Glück als Verstand landen sie in Basel bei der Schwester der verschollenen Mutter. Aber während Michl dort mit seinem Drachenschuppen-Plektrum auf der Gitarre schnell Fortschritte macht, bleibt Andrea mit einem Stiefel in ihrer Märchenwelt gefangen. Sie wittert überall Geheimnisse und dunkle Absichten, sucht diffus nach einem Schatz.
In ihrem Kopf schieben sich Wirklichkeit, Geschichten und Träume ineinander. Im Text sind die Übergänge sehr fliessend, Deckert wechselt oft unmerklich vom realen Erleben in die Märchenwelt. Hier ist alles Erzählen, einziger Bezugspunkt ist der Text, nichts, was man als «wahr» bezeichnen könnte.
Der Preis dieses Erzählens ist, dass diese Andrea nicht greifbar wird. «Man kommt ihr nicht auf die Schliche. Und sie liefert einem wenig Gründe, es zu versuchen», heisst es einmal. Das geht den Lesenden nicht anders.
Der Lohn aber sind wundersame Geschichten, in denen sich Gestalten auf magische Art und Weise verwandeln: Die Siebenmeilenstiefel schrumpfen zu Kindergummistiefeln, die Wasserhexe ist vielleicht eine Schauspielerin, eine Ärztin oder aber eine geflügelte Frau, «die nachts in den Gängen der Psychiatrie das Abheben übt».
Simon Deckert, 1990, wuchs in Liechtenstein auf und lebt heute in St.Gallen. Nach zwei Semestern Anglistik und Philosophie wechselte er 2009 ans Schweizerische Literaturinstitut in Biel, wo er 2013 abschloss. 2017 absolvierte er den MA Contemporary Arts Practice an der Hochschule der Künste Bern. Seine Texte wurden in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht; daneben ist er als freier Lektor, Mentor und Musiker tätig.
Nicht einmal das Bett ist ein sicherer Ort: «Es ist ein Bett wie eine fleischfressende Pflanze. Wenn man eingeschlafen ist, klappt es über einem zusammen und verdaut die Träume.»
Diese Geschichten sind manchmal witzig und manchmal traurig, immer aber von grosser Fantasie. Trotzdem verfällt Deckert nicht in sprachliche Arabesken. Seine Prosa ist gelegentlich gewollt etwas kindlich, insgesamt aber sehr geradlinig, auf jedes Wort achtgebend.
Entwicklungsroman der anderen Art
«Ich bin gegangen und gegangen und habe mir immer Sorgen gemacht, dass ich irgendwann über diese Grenzlinie treten könnte, und jetzt, wo es mir einfällt, mich einmal umzudrehen, liegt sie schon hinter mir.» Ungefähr so geht es einem beim Lesen. Man überlässt sich gern dem stetigen Fluss dieses Texts, taucht irgendwann auf und reibt sich die Augen: Was war das? Keine Hochzeit zum Schluss, keine neue Weltordnung?
Deckert erzählt in Siebenmeilenstiefel einen Entwicklungsprozess – mit Märchen, aber nicht als Märchen, also ohne Ziel und Moral. Aus purer Lust am Erzählen.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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