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«Wir erleben eine soziale Revolution»

Politisch zerrissen – und die Wunden von Tschernobyl noch nicht verheilt: Urs Fitze hat Anfang Juni die Ukraine bereist. Und dort auch Leute wie Iryna getroffen, die hofft, die Revolution auf dem Maidan könnte das Land einen. Denn die soziale Not trifft alle.
Von  Gastbeitrag

«Ich bin bis vors höchste Gericht gegangen. Es gab mir recht mit meinem Anspruch auf eine Rente, die achtmal höher sein muss als die Mindestrente in der Ukraine. So steht es schliesslich auch im Gesetz für die Entschädigung der Tschernobyl-Opfer. Das war vor fünf Jahren. Dann kam Janukowitsch an die Macht. Und alles war nur noch Makulatur. Schlimmer noch. Auch mein Anspruch auf eine freie medizinische Versorgung wurde gestrichen. Jetzt muss ich wie alle Ukrainer auch noch meine Arzt- und Spitalrechnungen selber bezahlen. 20 Krankheiten sind an mir diagnostiziert. Ich wurde damals wie viele verstrahlt. Täglich schlucke ich ganze Schachteln an Medikamenten. Wie soll ich das nun bezahlen mit einer Rente, die kaum reicht für das Allernötigste? Ich hoffe, es wird nun alles besser. Aber ich glaube nicht mehr daran.»

Geschichten wie jene der 62-jährigen Zinaida Gorban liessen sich hunderttausendfach in der Ukraine erzählen, sagt Iryna Gasanavo. Die Polit-Journalistin hat ihren gut bezahlen Job bei einem ukrainischen Ableger eines russischen Wirtschaftsmagazins geschmissen. Sie habe es nicht mehr länger ausgehalten, zu verschweigen, was in der Ukraine wirklich geschieht, als das Volk auf dem Maidan zu protestieren begann, und sich den Aktivisten angeschlossen. Unvermittelt stand sie in vorderster Reihe einer Front von Polizisten gegenüber, mit vier Molotow-Cocktails in der Hand. «Ich hätte genausogut sterben können wie jene, die von den Kugeln getroffen wurden.»

Jetzt schlägt sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, unter anderem als Redenschreiberin im Wahlkampf. «Eine einzige Lügengeschichte. Das Land liegt am Boden. Und die Politiker, die wieder gewählt werden wollen, behaupten allen Ernstes, sie hätten einen guten Job gemacht.»

Iryna glaubt an den Neuanfang

Maidan_Kiew

Demonstration auf dem Maidan in Kiew

Wegen dieser Lügen und der grossen sozialen Not sei es zum Volksaufstand auf dem Maidan gekommen. Nur vordergründig sei es um den Streit zwischen dem nach Russland orientierten Osten und dem europäisch ausgerichteten Westen gegangen. «Was wir hier erleben, ist eine soziale Revolution. Das habt ihr Westeuropäer nicht verstanden. Ihr redet immer nur von den grossen Mächten, die mit uns ihr schmutziges Spiel treiben. Das stimmt schon, und ich wünschte mir, vor allem Putin wäre bald Geschichte. Russland schadet damit vor allem sich selbst. Aber ich habe auch mit eigenen Augen gesehen, wie der US-amerikanische Vizepräsident Joe Biden einige der Aktivisten auf dem Maidan wie alte Freunde begrüsst hat. Sie haben sich wohl artig bedankt für allerlei Hilfen der Amerikaner, so wie schon 2004 bei der orangen Revolution. Doch die Ukraine ist auch als Staat gescheitert. Wir müssen neu anfangen, in der Politik und in der Wirtschaft. Das wird ein langer, steiniger Weg. Aber die Ukrainer haben am Maidan bewiesen, dass sie sich das nicht mehr länger gefallen lassen.»

Man ist geneigt, der 43-jährigen zu glauben, die in einer Familie der sowjetischen Nomenklatur aufgewachsen ist, mit einem Grossvater, der noch als Offizier des gefürchteten NKWD unter Stalin gedient hatte. 23 Jahre nach der Unabhängigkeit ist das Land kaum einen Schritt weiter gekommen. Oligarchen und korrupte Politiker haben es zersetzt, die Grossmächte trugen mit ihren Ränkespielen das ihrige zur Destabilisierung bei, und wohin der Weg nach der Annexion der Krim durch Russland und den anhaltenden Kämpfen im umstrittenen Ostteil, dem Donbass führen wird, ist völlig offen.

Und man fragt sich, wie es möglich ist, dass in der Ukraine bis heute keine Krankenversicherung existiert, und auch kein Rentensystem, das wenigstens ansatzweise nachhaltig genannt werden könnte. Die wichtigste Abgabe ist die 20prozentige Mehrwertsteuer, die die Armen weit mehr belastet als die Reichen. Stattdessen lebt die Politik von Versprechen, die nicht eingehalten werden.

Aber man kann dies auch als Geburtswehen eines Gemeinwesens deuten, das Aufgaben zu bewältigen hat, an der auch die reifen, satten Demokratien Europas scheitern würden. Wie stände die Schweiz da, wäre es 1986 zu einem, wie wir heute wissen, durchaus möglichen Super-Gau in Beznau oder Mühleberg gekommen, mit einem in weiten Teilen verstrahlten Land, mit Hunderttausenden, die aus den nicht mehr bewohnbaren Gebieten umgesiedelt werden müssten, mit Zehntausenden, die unter den Folgen der Verstrahlung litten? Man wagt es nicht auszudenken. Die Ukraine muss damit leben. Für Jahrhunderte.

«Liquidator» Vassili Alexejewitsch

Vassili Alexejewitsch Marchinko war damals dabei. Es treibt ihm noch heute die Tränen in die Augen, wenn er beschreibt, wie er am Tag nach der Katastrophe von der Arbeit im AKW nach Hause kam – und eine leere Stadt Prypyat vorfand. Niemand hatte ihn über die Evakuierung informiert. Seine Familie sah er erst Wochen später wieder. Der heute 67-jährige wurde vom Spezialisten für die Reinigung radioaktiver Abwässer im Kraftwerk zum «Liquidator».  800‘000 vorwiegend junge Menschen wurden damals für die Aufräumarbeiten eingesetzt, darunter knapp 400‘000 aus der Ukraine. Von ihnen lebt noch etwa die Hälfte, bei jenen, die in den ersten Monaten nach der Katastrophe eingesetzt wurden, sind es noch weniger.

Die Überlebenden, auch die rund 120‘000 Evakuierten, unter ihnen viele Kinder, leiden fast alle an chronischen Krankheiten, verursacht durch «Tschernobyl Aids», eine strahlungsbedingte Immunschwäche. Viele sind seit Jahren arbeitsunfähig.

Ein Bild aus der guten, alten Sowjetzeit mit Vassili Alexejewitsch Marchinko, der schon bei den Bauarbeiten der vier Blöcke des AKW Tschernobyl dabei war. Trotz Super-Gau hält der Ingenieur die Kernenergie auch heute für unabdingbar – am liebsten mit einem Sowjetstaat.

Sie waren Helden wider Willen gewesen, die mit ihrem Einsatz noch viel Schlimmeres verhinderten. Wäre es nicht gelungen, die anhaltenden nuklearen Kettenreaktionen im zerstörten Reaktor zu stoppen, es wäre noch über Jahre zur Freisetzung von Radionukleiden gekommen, die der Wind in alle Welt verteilt hätte. So wurden Länder wie die Schweiz vom Fallout nur gestreift. Marchinko ist als «homo sovieticus» bis heute stolz auf seine Leistungen im AKW Tschernobyl, in dem auch jährlich 1,2 Tonnen Plutonium zum Bau von Atombomben produziert wurden. Er sagt: «Damals gab es wenigstens noch einen starken Staat, die Sowjetunion, die in der Lage war, auch eine solche Krise zu meistern. Für die heutige Ukraine ist der Super-Gau wie der Untergang von Pompej im alten Rom.»

Da mag etwas gar viel Sowjet-Nostalgie mitschwingen. Aber im Kern hat der Mann nicht Unrecht. Der junge Staat erging sich nach der über Nacht gekommenen Unabhängigkeit in einem eigens erlassenen Gesetz in Versprechungen an die Liquidatoren und Evakuierten, die er nicht einmal ansatzweise einhalten konnte. So wartet Nicolai Isayev, Präsident der Tschernobyl-Partei, des politischen Armes der Überlebenden, bis heute auf das versprochene Gratis-Auto. Das könne er ohne weiteres verschmerzen, «aber die Streichung der freien medizinischen Leistungen trifft uns ins Mark, für manche kommt es einem Todesurteil gleich».

Politische Zyniker würden einwenden, die Tschernobyl-Betroffenen würden damit gleich behandelt wie die übrige Bevölkerung, die ihre Arztrechnungen auch selber berappen muss – eine Normalisierung auf tiefstem Niveau. Eine unrühmliche Rolle spielen dabei auch internationale Organisationen wie die Internationale Atomagentur IAEA oder das UNO-Strahlen-Expertenkomitee UNSCEAR, die in ihren Berichten mit fast schon boshaft anmutender Hartnäckigkeit  behaupten, die gesundheitlichen Probleme der Menschen aus Tschernobyl hätten andere Ursachen – Alkoholismus, Drogenmissbrauch, Arbeitslosigkeit. Damit spielen sie jenen in die Hände, die in einem faktisch bankrotten Staat nach Gründen suchen, um dessen Leistungen zu streichen.

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Die an vielen Stellen in der Sperrzone extrem hohe Strahlung verschont auch das Genom der Bäume nicht. Viele zeigen bizarre Deformationen.

Am Nationalen Forschungszentrum für Strahlungsmedizin in Kiew sucht David Belyi, Leiter der Kardiologie, seit Jahren den Gegenbeweis. Das ist eine wissenschaftlich kaum zu bewältigende Aufgabe, denn es fehlt vor allem am Geld, um die aufwendigen Studien aufzugleisen, die den in Gremien wie der IAEA oder UNSCEAR geforderten Standards entsprechen.

Timothys Rauchschwalben-Projekt

Der amerikanische Biologe Timothy Mousseau schlägt sich mit ähnlichen Problemen herum. Die Hälfte seiner Zeit gilt dem Fundraising, um etwa die Studien an Rauchschwalben in der 30 Kilometer-Sperrzone von Tschernobyl zu finanzieren. Die Zugvögel sind nur zu Brutzeiten dort. Doch schon geringe Strahlungsdosen führen zu hohen Sterberaten, in stärker verstrahlten Gebieten sind die Männchen steril, in den am stärksten betroffenen Regionen überlebt kein einziger  Vogel. Mousseaus Kollege Anders Mòllir sagt, einer von zwanzig Vögeln in Tschernobyl leide an einem Tumor. «In Dänemark habe ich in 44 Jahren als Forscher bei keinen einzigen Vogel mit solchen Krankheiten gesehen.»

Doch eigentlich könne das niemanden überraschen. «Seit Madame Curie wissen wir ja, dass radioaktive Strahlung gefährlich ist. Doch niemand will davon hören. Ich hätte gescheiter meinen Vorsatz, die Krim zu besuchen, umgesetzt. Dafür ist es jetzt zu spät.»

Das Titelbild zeigt die seit den 1970er-Jahren gebaute Satellitenstadt Trojaschina am Stadtrand von Kiew. Hierher wurden Zehntausende Menschen aus der heutigen Sperrzone, vor allem aus der Stadt Prypyat, umgesiedelt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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