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Wir vergehen, zersetzen und verschwinden

Die Genferin Vanessa Billy zeigt mit «We Dissolve» in der Kunsthalle St.Gallen ihre bisher grösste Einzelausstellung. Sie thematisiert darin die Produktionsweise und deren Reproduktion, Recycling und Obsoleszenz.
Von  Michael Felix Grieder
So sah in den neunziger Jahren jeder Schreibtisch aus: das Werk «Keeping it real (bundle)» von Vanessa Billy, 2016.

Einige Menschen, darunter Saitens Grafikabteilung, stehen freitagabends vor einer weissen Wand und betrachten diese. Wie im Kunstfeld üblich vermeidet man, diese eigentlich klug aussehenden Leute aufgrund solcher Tätigkeit vorschnell für verrückt zu erklären, und tritt stattdessen näher, betrachtet nun selbst die weisse Wand. Und ist der Künstlerin damit ins Netz gegangen, denn ein hauchdünnes Fischerei-Utensil bedeckt die ganze südwestliche Innenwand der Kunsthalle. Kleinste daran haftende Plastikstücke erinnern, wie das Kuratorium vermutet, an toxische Abfälle in den Weltmeeren. Die Künstlerin selbst zwingt einem diese Assoziation aber keinesfalls auf, die Anfang und Ende der Halle einfassenden Netze Dissolution A & B lassen vieles offen und nehmen einen trotzdem gefangen.

Produktionsweise vs. Körper

Eine aus Acrystal, Sand, Dreck und Pigmenten gegossene Skulptur zeigt eine Frau, die mit Blick zum Boden auf ihrem schwangeren Bauch balanciert (wird). Der Schwerpunkt liegt auf dieser Metapher für Hoffnung, die grösste Belastung allerdings auch. Niemand könnte eine solche Lage körperlich ertragen, instinktiv fühlt man Schmerzen beim Betrachten. Vanessa Billy zeigt mit der Skulptur, die sie Centuries nennt, ein Sinnbild für die unglaubliche Anspannung, unter welcher die Reproduktion der Arbeitskraft zu geschehen hat. Das Werk von 2016 widerspiegelt stark die Jetztzeit, die Babyboomer-Generation ist in denkbar weite Ferne gerückt.

Die Skulptur korrespondiert mit einer zweiten Frauenskulptur im selben Raum. Dear Life ist allerdings eine von jeglicher Spannung befreite Polyurethan-Hülle, die ausgepumpt über einem laufenden Motor liegt. Wieder liegt es nahe, an Marx zu denken: Einerseits geht es um Entfremdung, die, bildlich gesprochen, einen nur als die Impulse der Maschine aufnehmende Hülle hinterlässt, andererseits gerade darin um das Maschinische, um die Frage nach dem Wie der Kooperation in der vorherrschenden Produktionsweise.

Zwar liesse sich die Skulptur als Symbol für Industrialisierung und Fordismus lesen, doch lässt sich auch ein grosses Fragezeichen hinsichtlich des Toyotismus feststellen: Der Körper als optimale Verlängerung der Maschine reagiert dann am idealsten auf die Erwartungen, wenn er als widerstandslose Hülle deren Vibrationen wahrnimmt. Solche Motoren sind heute vermehrt tragbar und auf ein Hosentaschenformat reduziert. Ebenso viel Flexibilität wird vom Körper erwartet.

Die Werke «Centuries», «Stuck in Motion» und im Hintregrund: «Dear Life». Photo: Kunsthalle, Gunnar Meier.

Die Werke «Centuries», «Stuck in Motion» und im Hintergrund: «Dear Life». Photo: Kunsthalle, Gunnar Meier.

Das Leben, unaufhaltsam?

Eher absurd oder «kontraintuitiv» muten über den Köpfen der Betrachtenden angebrachte Lastwagenreifenschläuche an, welche die Künstlerin Stuck in Motion nennt und die drei Säulen der Halle umarmen. Was war zuerst da? Säule, Schlauch oder doch die Sintflut? Einen Hinweis liefert der Saaltext: Es geht um die «fortlaufende Technisierung», um einen «unaufhaltsamen, unumkehrbaren und sich wiederholenden Prozess». Wagt man ein Inne- und Festhalten, kommen vermeintliche Sicherheiten durcheinander, und der scheinbare Sinn löst sich auf in einer grotesken Momentaufnahme.

Living Memory im zweiten Raum lässt ein Kleinkind im Publikum vor Entzückung springen: Die Aufnahme eines anderen Kleinkindes auf einem Bildschirm, das im Loop von Bohnengrösse zu einem universalen Bauchnabel herangezoomt wird, gereicht dem kunstinteressierten Nachwuchs zu spontanem Höchstvergnügen. Untermalt von Atemgeräuschen wird daraus eine Installation, welche in der Wiederholung das Unaufhaltsame thematisiert. Ob es dabei wieder um Hoffnung geht, ist fragwürdig, bleibt aber offen. Das erfreute Kind, das inzwischen vor Lachen absitzen musste, deutet das Werk auf seine eigene Weise, und erntet dafür den höchsten Respekt der fragend blickenden älteren Semester.

Die totale Obsoleszenz

Weniger lustig ist’s im hintersten Raum. Kabelsalat in untiefen Wasserschalen und der Gitterturm Stalker verbreiten eine Aura, die nicht mal mehr morbid ist: Tod könnte man zumindest riechen. Mit postapokalyptischem Charme erinnern die Werke Keeping it real (loop) & (bundle) an die Problematik der geplanten Obsoleszenz, der gezielten Sabotage, oder netter formuliert; dem Unhaltbarmachen von Produkten als Verkaufsstrategie. Angefangen bei der Glühbirne lebt die Elektronikbranche von solchen Tricks, und hinterlässt giftige Abfallberge z.B. in Ghana.

Einige der von Vanessa Billy verwendeten Kabel waren in den späten neunziger Jahren notwendig, heute nützen sie höchstens noch einem Museum für Computergeschichte. Während unsere Körper zergehen, hinterlassen unsere Spielzeuge und Arbeitsgeräte Tonnen von Abfall, welcher dann mit Netzen aus den leergefischten Meere gezogen werden kann. Nach uns – hilft auch keine Sintflut mehr.

Das titelgebende Thema macht an der Vernissage (gewollt?) auch vor der Bratwurst nicht halt, kann doch dank einer Tube Senftunke das Fleischabfallerzeugnis durchaus geschmackvoll den Weg zur biologischen Zersetzung in Angriff nehmen. Der dissolute Kreislauf wäre damit geschlossen.

Vanessa Billy: «We Dissolve», Kunsthalle St.Gallen, bis 13. November.

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