Bücher lesen, koste es, was es wolle. In unserer multimedialen Welt wirkt das schnell einmal anachronistisch. Die Biografie von Jakob Senn aus Fischenthal ZH führt in eine Zeit, in der das noch ganz anders war. Die Aktivitäten zu seinem 200. Geburtstag eröffnen dazu eine reiche Welt. Es gibt sogar spannende Bezüge zur Stadt St.Gallen. Gefeiert wird mit einer Wanderausstellung, einem Theaterstück, einem Dokumentarfilm und einer eigens kreierten Website – 2024 ist der Zugang zu Jakob Senn (1824–1879) multimedial, wie es sich für unsere Zeit gehört. Und mit einem Buch.
Die Neuauflage von Senns Roman Hans Grünauer, erstmals erschienen 1888, kann da leicht in den Hintergrund geraten, sollte es aber nicht. Mit der Lektüre des Buches taucht man nämlich ganz konkret in die Welt ein, in die es den Bauernsohn aus dem Zürcher Oberland schon in die Kindheit gezogen hat: in die Welt der Bücher. In die Welt der Wörter, Sätze und Kapitel.
Gegen alle Widerstände
Jakob und sein Bruder Heinrich lasen, was ihnen in die Finger kam, fingen bald selber an zu schreiben. Im kleinbäuerlichen Elternhaus stiessen sie damit auf vollkommenes Unverständnis. Nur schon aus finanziellen Überlegungen: Schreibwaren, Tinte, Lampenöl – das alles kostete.
An Schulbildung erhielten die beiden Brüder nicht viel. Und so mussten sie sich alles selber erkämpfen und die Lesestunden dem Arbeitsalltag in Landwirtschaft und Heimweberei abtrotzen. Heinrich Senn notiert am 19. Oktober 1850 in seinem Tagebuch: «Wir schreiben stets in frühen Morgenstunden von 1 bis 5 Uhr, wenn die Leute gewöhnlich noch schlafen.»
Bessern sollten sich die Schulbildung und das Angebot an Büchern und Zeitungen auf dem Land erst ab den 1850er-Jahren. Mit anderen Worten: Die Geschichte der beiden Brüder aus Fischental ZH eröffnet faszinierende Einblicke in die Alphabetisierung und Literarisierung der Schweizer Landbevölkerung im frühen 19. Jahrhundert.
Lesen und schreiben – um jeden Preis
Texte entziffern und verstehen, Bücher lesen, selbst schreiben: Woher dieser Drang, diese Faszination bei den beiden Bauernsöhnen kam, weiss man nicht, sagt Matthias Peter, Senn-Spezialist und hauptberuflich Leiter der Kellerbühne St. Gallen. Sie war einfach da, und beide haben sie gelebt. Jakob, dessen 200. Geburtstag dieses Jahr zu feiern ist, machte es allerdings radikaler, ging aufs Ganze. Er brachte viel zustande, scheiterte zuletzt aber.
Zunächst arbeitete er auf dem väterlichen Hof und als Heimweber. 1856 ging dann ein Traum in Erfüllung: Senn wurde in Zürich Gehilfe eines Buchhändlers. Zwei Jahre später erschien sein erster Gedichtband: Bilder und Asichte vo Züri. Weitere Publikationen folgten. Dann machte er sich selbstständig, arbeitete als Schriftsteller und Verleger. In dieser Zeit entstand auch der erwähnte Roman Hans Grünauer, eine Mischung von Autobiografie und Fiktion, die bis heute fasziniert, zu Senns Lebzeiten aber keinen Verleger finden sollte.
Eine Hommage an Gottfried Keller
Der Titel ist eine Verneigung vor Gottfried Kellers Roman Der Grüne Heinrich, der 1854/55 erschienen war, ebenfalls eine Mischung aus Autobiografie und Fiktion. Der Grüne Heinrich gehört längst zur Schweizer Nationalliteratur, oder soll man sogar sagen zur Schweizer Weltliteratur? Hans Grünauer ist heute ein Klassiker der Schweizer Volksliteratur. Es lohne sich, in beiden Literaturen zu lesen, meint Matthias Peter. Das Bild werde reicher, spannender.
Interessantes Detail am Rande: Das einzige bekannte Foto von Jakob Senn stammt von 1862, aus der Zeit, als er an Hans Grünauer arbeitete. Das dürfte kein Zufall sein, meint Matthias Peter. Jakob Senn präsentiert sich auf dem Foto stolz als der Schriftsteller, der er nun endgültig geworden ist.
St.Gallen, Uruguay und Zürich
Als Jakob Senn finanziell in die Krise geriet, zog er nach St.Gallen. Von 1864 bis 1868 war er hier, zusammen mit seiner Frau, als Wirt tätig, zunächst in der Wirtschaft «Hinter Mauern», dann in der Wirtschaft «Vor Speisertor». Die erstere gibt es heute noch – sie heisst seit 1865 «Zum Zeughaus» –, die zweite wurde Ende der 1970er-Jahre abgebrochen.
Senn war auch in St.Gallen literarisch tätig, veröffentlichte zwei Biografien über Persönlichkeiten der Zürcher Geschichte und eine 600-seitige Sammlung von St.Galler Kriminalgeschichten. Mit Rat und Tat unterstützt wurde er dabei von einem angesehenen St.Galler: Wilhelm von Gonzenbach, Leiter des Stiftsarchivs St.Gallen. Senn arbeitete dort sogar, und vermutlich war Gonzenbach auch der Hauptlieferant für die 41 haarsträubenden Kriminalfälle in der erwähnten Sammlung. Gonzenbach hatte zehn Jahre als Verhörrichter gearbeitet.
Dann geriet Senn auch in St.Gallen ins finanzielle Trudeln. 1868 wanderte er mit seiner Frau nach Uruguay aus. In Montevideo und Umgebung arbeitete er als Buchhalter, Gärtner, Koch, Buchbinder und Maler. 1878 kehrte er in die Schweiz zurück, um im Auftrag der Regierung von Uruguay ein Auswanderungsbüro zu eröffnen – und scheiterte ein weiteres Mal. Das war einmal zu viel: Geistig verwirrt suchte er wenig später den Freitod in der Limmat. Am 5. März 1879 wurde seine Leiche aus dem Fluss gezogen. Seinem Tagebuch hatte er zuvor diese vielsagenden Verse anvertraut: «Innere Zerrissenheit / sondern Friede / machte, ach, mich vor der Zeit / müde, müde.» Er wurde knapp 55 Jahre alt.
Ein Leben wie ein Roman – ohne Happy End
Aus dem Rückblick mutet das Leben von Jakob Senn selber wie ein Roman an. Ein Roman allerdings, dem ein Happy End versagt blieb. Theatermacher Matthias Peter spricht von Tragik und meint damit insbesondere einen Punkt: Senn habe grossartige Texte geschrieben. Als Autodidakt habe ihm aber die Bildung gefehlt, um in der literarischen Welt wirklich anzukommen, akzeptiert zu werden und voranzukommen.
Mitverantwortlich dafür war offenbar auch der Dorfpfarrer von Fischental, ein Aristokrat aus der Stadt Zürich, der seine Vorurteile gegenüber der Landbevölkerung nicht ablegen konnte. Der junge Jakob Senn durfte seinetwegen nicht in die Sekundarschule. Solche Steine werden Jugendlichen übrigens bis heute in den Weg gelegt. Bildungsfeindliche Eltern oder Milieus gibt es nach wie vor. Davon ist immer wieder zu lesen und zu hören. Noch gravierender ist aber ein ganz anderer Punkt, sagt Matthias Peter: Die Leseschwäche unter den Jugendlichen in der Schweiz nehme weiter zu. 2023 zeigte die neueste Pisa-Studie, dass jeder vierte Schweizer Jugendliche ausgesprochen schlecht lesen kann und Texte nicht richtig versteht.
Jakob Senn geht auf Tournee
Wie wurde Matthias Peter zum Senn-Spezialisten? Er hat familiäre Wurzeln in Fischenthal, ist mit der Familie Senn über ein paar Ecken verwandt. Bekannt war ihm das schon lange. Erst in den späten 1990er-Jahren stiess er allerdings konkret darauf, über die Tagebücher von Heinrich Senn. Seither haben ihn die Senns nicht mehr losgelassen: als Journalist, Publizist, Historiker und Theatermann. Das Programm zum 200. Geburtstag von Jakob Senn bezeugt das eindrücklich.
Die Veranstaltungen in St.Gallen:
Ausstellung: 14. Februar bis 9. März, Bibliothek Hauptpost St.Gallen
Theateraufführungen in der Kellerbühne: Jakob Senn – Der «Grüne Heinrich» von Fischenthal: 14. und 16. Februar, 20 Uhr; 25. Februar, 11 Uhr; 3. März, 17 Uhr
Website des Gesamtprogramms: jakob-senn-200.ch
Neuausgabe des Romans: Jakob Senn: Hans Grünauer, Limmat Verlag, Zürich 2024. Mit einem Nachwort von Matthias Peter.
Beim Realisieren der Jubiläumsprojekte halfen auch glückliche Zufälle mit, zum Beispiel beim viertägigen Dreh des Dokumentarfilms, den er zusammen mit dem St. Galler Videoproduzenten Werner Tobler realisierte: Als sie in Zürich das Haus suchten, wo Senn als Antiquariatsgehilfe gearbeitete hatte, entdeckten sie in der unmittelbaren Nachbarschaft ein heutiges Antiquariat. Kurz entschlossen betraten sie das Geschäft: «Grüezi, dürften wir bei Ihnen ein paar Filmszenen drehen?» – «Aber klar», so die Antwort. Und den Ort für die Schlussszene an der Limmat entdeckte Matthias Peter beim Spazieren. Dass er im einstündigen Film die Rolle von Jakob Senn spielt, versteht sich von selber – er macht das nicht zum ersten Mal, und jetzt auch in der kleinen, aber feinen Theaterproduktion zum 200. Geburtstag von Jakob Senn. Aufgeführt wird sie an den sechs Gastorten der Wanderausstellung und in ausgewählten Kleintheatern.
Wer sich noch ausführlicher mit der Welt von Jakob und Heinrich Senn beschäftigen will: 2004 veröffentlichte Matthias Peter das dickleibige Buch Jakob und Heinrich Senn – Zeitbilder der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert. Dort zeichnet er Jakob Senns reale Biografie anhand der Tagebuch-Aufzeichnungen von Heinrich Senn nach, und stellt den Roman Hans Grünauer an ihre Seite.
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