Das muss einer erst einmal beschreiben können: Mit welch unübertrefflicher Souveränität die Kellnerin im Jugendstilcaffè an der Via della Pace in Rom die Tauben wegscheucht…
…mit diesem strengen Blick im Jugendstilgesicht, der sie noch schöner macht und als eine entlarvt, die schon früh von Altrömerinnen in die geheimen Gesetze der Luftströmungen eingeführt wurde und nun also in dieser kleinen Bewegung der rechten Hand grossen Jugendstil verrät, kurz stehen bleibt mit dem Tablett in der linken und den flüchtenden Tauben mit ebendiesem wissenschaftlichen Blick nachschaut, Vogelblick, der sie als Wesen enthüllt, welches in sich das Wissen eines Vogels trägt, und du denkst, dass es dies ist, was den Römerinnen zu diesem Geschick verhilft im Umgang mit allem, was mit Luft zu tun hat, dass sie ihre Fächer wie Vogelflügel handhaben und, wenn es denn sein müsste, vom Boden abheben und davonfliegen könnten, es aber nicht tun, weil dies Ungutes verheissen würde.
Ein langer, ein wie ein Vogelflug dahinziehender Satz. So sind fast alle Sätze in der kurzen Erzählung von Adrian Riklin mit dem Titel Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt. Es sind lauter Nebensätze mit «dass». Der Hauptsatz heisst: «Du hast gesehen… ». Und das Fazit des Gesehenen: «…dass dies, wie alles, seinen tieferen Grund hat.»
Wut auf die Vespa
Im Sommer 2003 – ein glühend heisser Sommer, wie man im Lauf der Geschichte erinnert wird, bis 41 Grad, «romafricanesco » – war Riklin mit einem Atelierstipendium der Stadt St.Gallen in Rom. Und hat, aufmerksam für Geräusche, Gesichter, Luftbewegungen und Begegnungen, notiert, was diese Stadt ausmacht. Die Hitze. Die schönen Nebensächlichkeiten. Die Augensprache und die Augenaussprache. Die Nonne hinter den geschlossenen Fensterläden, die Mammine in den Hinterzimmern der Tabacchi, die touristischen Sonderlinge, zu denen sich der Erzähler selber zählt.
Und dann: Gregory Peck und Audrey Hepburn auf der Vespa, Mann von Welt und Prinzessin, ein Herz und eine Krone. Im Auge des Betrachters vervielfachen sich die Liebenden auf der Piazza Navona, multipliziert sich der legendäre Filmkuss zum «Geblend und Gebrumm und Geschmatz und Geküss und Gequietsch». Die so grandiose wie quälende «Abendvorstellung» erinnert ihn an die Trompetenspielerin, seine grosse Liebe vor der Abreise nach Italien, die ihn allein ziehen liess, ihn, den «weltfremden Melancholikus».
Helen Ebert und Adrian Riklin
Vierfache Typografie
Stadtimpressionen und Selbstzweifel machen die Doppelspur dieser wunderbar schwebenden Erzählung aus. Das lässt sich im Buch gleich mehrfach auskosten – Buchgestalterin Helen Ebert hat den Text in vierfacher Gestalt, mit unterschiedlicher Typographie und wechselnden Schriften gesetzt. «Es gibt nicht die eine Form, es gibt mehrere», lautet ihre simple Begründung für das unkonventionelle Unterfangen.
Variante 1 bringt den Text in konventionellem Blocksatz, die Varianten 2 und 3 gliedern Riklins verschachtelte BabuschkaSätze dann mehrfach anders. Das schafft eine eigentümliche dritte Lesedimension, manchmal flimmern die Augen wie der Asphalt der Römer Strassen in der Sommerhitze. Variante 4 schliesslich strapaziert die Leserin mit allerhand Schrift-Wildwuchs und aufwendiger Links-Rechts-Typographie – gewöhnungsbedürftig. Im Ganzen macht die vierfache Gestaltung aber raffiniert auf die Möglichkeiten heutiger Buchgestaltung aufmerksam. Das Spiel mit Schriftgraden hat so zweifellos, wie alles, seinen tieferen Grund.
Adrian Riklin und Helen Ebert: «Warum es in Rom keine Hochhäuser gibt», Eigenverlag, Fr. 37.90. St.Galler Buchpremiere: Samstag, 31. Januar, 20 Uhr, Point Jaune St.Gallen. Infos: die-kassette.ch, postpost.ch.
Bilder: die-kassette.ch.
Dieser Text erschien in etwas längerer Form im Januar-Heft von Saiten.
Erste Halbzeit ausgeglichen, zweite Halbzeit soeben gestartet. Und schon geht der FCZ in Führung. Die Verteidiger der Espen nur mit Geleitschutz für den Torschützen.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.