Aby Warburg - nie gehört? Die Bildungslücke lässt sich jetzt in St.Gallen schliessen. Wer sich die Zeit dafür nimmt, gerät in einen umwerfenden Bilder- und Bildungsstrudel.
Auf den ersten Blick sind es alte Helgen. Hunderte, eng gehängt und liebevoll aufgenadelt auf schwarzen Riesentafeln. Sternenhimmel, antike Göttinnen und Götter, Kosmologien aller Art, Renaissance-Kunst. Am Anfang die Weltkugel, am Ende Botticellis «Geburt der Venus». Und dazwischen das Skelett einer mehrere Meter langen Anakonda.
Aby Warburg (1866-1929) war ein fanatischer Sammler von Büchern und Bildern und ein Verächter jener «grenzpolizeilichen Befangenheit», die er der Kunstgeschichte seiner Zeit vorwarf. So galt eine seiner bis heute bekanntesten Forschungen dem Symboldenken der Hopi-Indianer, die er 1896 besuchte (im Bild Warburg und ein Pueblo-Indianer in der Ausstellung, Foto: Marcel Elsener).
Von den Hopi kam Warburg dann zurück zur Antiken- und Renaissanceforschung («alles Vettern», stellte er dazu munter fest: alles hängt mit allem zusammen). Seine Büchersammlung, die Warburg Bibliothek wurde legendär in ihrem alle Grenzen sprengenden Horizont, ebenso seine Bildersammlung, der Atlas Mnemosyne. Der blieb allerdings Fragment, weil Warburg früh an einem Herzinfarkt starb. Der Hamburger Salon 8 hat ihn rekonstruiert, rund die Hälfte der ursprünglich 73 Bildtafeln mit über 1000 Bildern ist jetzt in St.Gallen zu sehen, dank Vermittlung durch den Warburg-infizierten Künstler Peter Kamm.
Was da zu entdecken ist, versuchte Warburg-Kenner Roberto Ohrt an der Vernissage im Kulturraum am Klosterplatz in einem Schnelldurchlauf zu erklären. Wie kommt die Venus von Botticelli zu ihrem fliegenden Faltenwurf und Haar, zu ihrem, in Warburgs Worten, «bewegten Beiwerk»? Wie schafften es überhaupt die antiken Götter in die italienische Renaissance? Die Frage tönt verschroben, ihre Antwort jedoch ist frappierend: Warburg entdeckte in den tausenden Bildern die Transportwege der kulturgeschichtlichen Überlieferung, von Griechenland über den arabischen Orient und Spanien nach Italien, aber auch den Norden Europas. Die alten Götter, die ihrerseits Kinder der Planeten waren, verloren auf diesen Jahrhunderttrips zwar Namen und Gestalt, aber sie belebten sich dafür immer wieder neu.
Was Warburg seine «Bilderfahrzeuge» nannte und minutiös untersuchte, waren Transportmittel einer kulturellen Globalisierung, bevor noch jemand das Wort kannte. Die Aussstellung im Kulturraum ist damit mehr als eine Rekonstruktion – sie ist zugleich ein Plädoyer für offene Grenzen und den freien Austausch von Bildern und Wissen. Der hat in St.Gallen auch tatsächlich stattgefunden: Stiftsbibliothek, Vadiana und Sitterwerk haben zur Ausstellung passende Bücher und Objekte beigetragen.
Warburgs Botschaft, auch wenn er selber sie in seiner skrupelhaften Detailversessenheit sicher nie so plakativ formuliert hätte, könnte man so ins Heute übersetzen: In einer «Festung Europa», wie sie gerade politisch und kulturell aufgemauert wird, wäre die Venus nie bis zu Botticelli gelangt.
Aby Warburg: Mnemosyne Bildertafeln Atlas, Kulturraum am Klosterplatz St.Gallen, bis 17. November. Dieses Wochenende 19./20. Oktober erläutern Roberto Ohrt und Philipp Schwalb den Bilderatlas (jeweils 11 bis 16 Uhr). Mehr zu Aby Warburg im Novemberheft von Saiten.
Notizen zu Christopher Nolans The Odyssey
Anja Braun lebte bereits 18 Jahre in der Schweiz, als sie sich gemeinsam mit ihrer Familie entschied, sich einzubürgern. Es war ein logischer Schritt. Das Verfahren war es nicht immer.
Neues Buch
Bereits 1971 eröffnete Ursula Krinzinger ihre erste Galerie in Bregenz. Bis heute prägt sie die Kunstszene weit über die Bodenseeregion hinaus. Nun befasst sich die Bregenzer Sommerausstellung im Palais Thurn und Taxis mit der Galeristin.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 5: Emil Brunner – «Berg Kind Welt», Rapid Openair und Kulturufer.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.