An alle, die nicht im Palace waren: Ha ha! Connan Mockasin gab ein Privatkonzert am Ende der Welt.
Oh, wenn das nur gut geht – dachten sich am Donnerstag im Palace wahrscheinlich alle der nicht mal 100 Leute, die den Neuseeländer, der irgendwie aussieht wie eine nette Variante Klaus Kinskis, zuvor schonmal live gesehen hatten. Viele Fans gab es nicht, das sah man. Keine Euphorie vor Konzertbeginn, kein besonderer DJ, draussen Schneeregen. Tief in die Plüschsessel versunken, schauten St.Galler der Gruppe kritisch nach, wie sie auf die Bühne stieg (ungefähr so kritisch wie einem Zebra, das über den Marktplatz geht). Und alle blieben im Plüsch sitzen („zeig mir, was du so kannst, Zebra“). Und dann schon der Kippmoment: «Oh gosh, what can we do here? Hm..», fragte Connan sichtlich überfordert ins Publikum. Paris, Berlin, London, Vorband für Radiohead, … und dann Palace St. What?!
Es kippte aber ins Gute: Scheu bat Connan, dunkel in feinen Stoff gekleidet, die Leute, sich auf den Boden zu setzen, und auch die Band hockte, soweit möglich, auf den Bühnenrand und setzte zum ersten Song, von der vorletzten Platte «Forever Dolphin Love» an. Fast andächtig war die Stimmung zu Beginn, so still, dass man die Eiswürfel im Glas des Trinkers hinten an der Bar hören konnte.
«It’s awfully strange» fand auch Connan nach dem Stück, «so quiet here.» Von der ersten Verwirrung an und mit der Erkenntnis, dass es – auch wenns nicht so aussieht – die Ostschweizer schon kapieren würden, was die Band da oben macht, wuchs aber die Freude der Gruppe an diesem Konzert. Kamen da etwa Erinnerungen an die Zeit auf, als die Band noch im neuseeländischen Hinterwäldlerkaff lebte? «So .. you wanna slowdance?» war dann der nächste Schritt in der Reihe der grossen Interaktionen zwischen Musiker und Publikum. Und tatsächlich, die Luft getränkt von warmer Liebe, tanzten die Paare, er mit ihr, sie mit ihr, er mit ihm und so weiter. Und nicht mal der grösste Romantikhasser stänkerte.
Sowieso ist stänkern doof, und auch die Gestänker-Kritik um Connans neustes Album «Caramel» muss revidiert werden. Viele lehnten es ab, dass der Neuseeländer von seiner träumerischen Psychedelik-Schiene der vorherigen zwei Alben einen Abstecher in halbschlüpfrige Porno-Soul Gefilde gemacht hat. Oder in aktuellen Videos sich daran übt, so verführerisch reinzuschauen, wie man von einem 1.60 Meter-Kinski einfach nicht angeschaut werden möchte (sorry Connan!).
Doch die selbstironischen Gesten, mit welchen die Band im Palace diese Momente still kommentierte, merzten alles Widerliche aus: Die bordellesken Momente wurden nicht von künstlichem Sex aufgeladen, sondern beispielsweise vom Lachen übers Scheitern, als Gitarrist und Drummer ihre Jobs austauschten und während des Songs merkten, dass sie das besser nicht gemacht hätten. Schmunzeln und nette Sätze im Publikum: «So eine sympathische Band!». Stimmt: Keine Nerv-Attitüden, keine Arroganz, viel Respekt, und vor allem Freude am eigenen Schaffen.
Ein Teil der Leute sass unterdessen auch schon im Schneidersitz auf der Bühne, Connan dank langem Mikrofonkabel im Publikum, zwischendurch wieder Arm in Arm mit seiner japanischen Freundin in schönem Kimono. Der Club verwandelte sich in ein sinkendes Schiff in dieser Winternacht, in der man gemeinsam einfach noch eine gute Zeit verbringen wollte. Ein Privatkonzert am Ende der Welt. Und der grossen Ironie noch nicht genug, fragte der langhaarige Gitarrist kurz nach 11 nach der Zeit. «Okay, dann müssen wir noch 50 Minuten spielen, dann schaffen wir’s bis Valentinstag». Der Hit «Forever Dolphin Love» schaffte das nicht ganz, aber der ruhig-schnell-leise-laute, wunderschön psychedelische Poptrip schlug das Publikum 30 (!) Minuten in Bann. Schön, wenn Konzepte nicht aufgehen, Konzerte ungeplant und gefährlich sein können. Und genau deswegen nicht in die Hose gehen.
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