Sponsored by Migros: Das galt noch vor kurzem für zahlreiche Museen, in der Ostschweiz etwa für den Kunstverein, für die Kunsthalle St.Gallen, das Textilmuseum oder das Museum im Lagerhaus. 2012 jedoch kippte die Migros Genossenschaft Ostschweiz ihre Fördertätigkeit für die Bildende Kunst – jetzt kommt die Unterstützung zumindest als Kulturvermittlung durch die Hintertür der Abteilung Kultur und Soziales des Kulturprozents teilweise zurück.
Auslöser ist das Projekt «Generationen im Museum» (GiM). Es ist 2013 von der Migros ins Leben gerufen worden. Über 400 Gäste in 31 Museen nahmen teil und erfanden Geschichten rund um frei gewählte Museumsobjekte. Letzte Woche ist das Buch zum Projekt im Kunstmuseum St.Gallen präsentiert worden. «Auf Augenhöhe», im Verlag Hier und Jetzt, stellt alle beteiligten Museen, vom Bahnmuseum Albula bis zur Sukkulenten-Sammlung Zürich, mit je einer Geschichte und im Bild vor, ergänzt um Aufsätze von Fachleuten. Komplett findet man die insgesamt 150 Geschichten zudem online auf dem Blog gim-geschichten.ch.
Das Buch liest sich unterhaltend und amüsant. Der «Austausch im Möglichkeitsraum» Museum, wie einer der Beiträge im Buch betitelt ist, hat unterschiedlichste Stories hervorgebracht.
Sinnieren über Sonnier
Im Kunstmuseum St.Gallen ist es ein Gemälde von Keith Sonnier, das die Fantasie anregt. Aus den bräunlichen Latexschlieren auf dem Bild «In Between II» von 1969 werden in der Bild-Geschichte von Daniel (14) und Oliver (33) kurzerhand Kaffeespuren. Ihre Geschichte lautet:
«An eine Kaffeeparty in St.Gallen wurden 50 Gäste eingeladen, die aber nicht erschienen. Die Organisatoren waren sehr enttäuscht. Aus Wut spritzten sie den Kaffee an die Wand. Danach schauten sie sich die Wand genauer an und bemerkten, dass das gar nicht so schlecht aussah. Also beschlossen sie, dies als Markenzeichen zu benutzen. Sie montierten eine grosse Glasscheibe auf die Kaffeewand und hängten zwei Lampen daneben. Schnell sprach sich das herum. Nächstes Jahr werden nicht 50, sondern 500 Gäste kommen.»
Neben dem St.Galler Kunstmuseum sind aus der Ostschweiz auch das Museum im Kornhaus Rorschach und die Ziegelhütte Appenzell vertreten. Die Versuchsanordnung lautete überall gleich: Je zwei Menschen mit mindestens 15 Jahren Altersunterschied sind miteinander im Museum unterwegs und denken sich zu einem selbst gewählten Objekt eine Geschichte aus.
Solche «partnerschaftlichen Generationenbeziehungen» seien angesichts des demographischen Wandels in der Schweiz dringend nötig, sagt Jessica Schnelle, beim Migros Kulturprozent für das Projekt zuständig: Die Babyboomer dominieren, die Zahl der «neuen Alten» nimmt zu, jene der Jungen ab – und alle seien aufeinander angewiesen.
«Authentische Seherfahrung»
Was GiM für die Museen selber bedeutet, strich Katrin Meier, die Leiterin des St.Galler Amts für Kultur, an der Buchvernissage heraus: Fachleute gäben hier einen Teil ihrer «Deutungshoheit» über die ausgestellten Objekte ab und teilten ihre Autorität mit den Besuchern. Roland Wäspe, Direktor des St.Galler Kunstmuseums, sah es ähnlich: Dank dem Boom der Bildenden Kunst seien Kunstmuseen heute in einer «Poolposition», die dazu verpflichte, das Museum als Kommunikationsort neu zu denken und weiteren Kreisen zu öffnen.
Mehr noch: «Im Zeitalter unbeschränkt verfügbarer Bilder durch die Medien und das Internet werden die authentische Seherfahrung und das Wissen um deren Funktionsweisen und deren Manipulationsanfälligkeit zu einem Schlüssel für ein autonomeres Weltbild», sagte Wäspe. Museen seien einer der wenigen Orte, die solche authentische Erfahrung «vor Originalen und ohne Filter» heute leisten könnten.
Was bei solchem filterfreien Sehen herauskommen kann, zeigt auch die Geschichte von Annina (27) und Laurin (9) – die abstrakte «Komposition in Gelb, Schwarz, Oliv» des Appenzeller Malers Carl Walter Liner wird gegenständlich:
«Max fährt wie jeden Sonntag mit seinem gelben, schnellen Motorrad von Appenzell nach Eggerstanden, um im Funpark Tricks zu üben. Dort fährt er über Schanzen und Rampen und macht allerhand Verrücktes. Auf dem Bild sitzt Max kopfüber auf seinem Motorrad. Zum ersten Mal schafft er heute sogar einen Salto.»
Auf Augenhöhe, Verlag Hier & Jetzt, Zürich 2014, Fr. 34.90
Die GiM-Veranstaltungen im Kunstmuseum St.Gallen fotografierte Ladina Bischof.
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