Wenn der HSG-Campus abgeriegelt und mit weissen Zelten übersät ist, wenn Dutzende Sicherheitsleute im Einsatz und alle Parkplätze voll sind, dann ist Symposium an der HSG – «das kleine Davos», wie es manche auch nennen. Immer im Mai treffen sich die «Leaders of Today», mehrere Hundert Spitzenkräfte aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft, zum Dialog mit den «Leaders of Tomorrow», einer handverlesenen Gruppe von 200 Studierenden aus aller Welt. Ihr Ziel: die «Förderung einer liberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung ». Am 8. und 9. Mai findet das Symposium zum 45. Mal statt, fast 1000 Personen aus über 50 Nationen sind involviert. Eröffnen darf Bundesrat Johann Schneider-Ammann.
«Viele meiden die Uni an diesem Wochenende», sagt Till*. Er studiert seit drei Jahren an der HSG. Der reguläre Studienbetrieb sei lahmgelegt, die Räume entweder geschlossen oder den «Leaders» vorbehalten. «Studierende, die nicht zu den Helfern gehören, haben ohnehin nur sehr beschränkt Zutritt.» Er selber hat 2013 mitgeholfen, als Chauffeur: «Meistens bin ich zwischen Flughafen, Bahnhof, Hotel und Uni hin- und hergefahren, ansonsten hatte ich Bereitschaftsdienst.» Sein Wagen: ein Premium-Modell von BMW. Die Fahrgäste: ein Industrieller aus Zürich und zwei deutsche Jungunternehmer. «Die Autos reflektieren sozusagen den Status der Passagiere. Was nicht heisst, dass sich alle entsprechend benehmen. Es soll nämlich Herren geben, die unflätig werden, wenn Alkohol fliesst. Daher wohl auch das ungeschriebene Gesetz: nur noch männliche Chauffeure ab 22 Uhr.»
Till fand seinen Job «vergleichsweise locker». «Andere hatten wesentlich fragwürdigere Arbeits- und Ruhezeiten.» Beliebt seien die Helfer-Jobs dennoch. Nicht zuletzt, vermutet er, weil sich manche davon ein paar nützliche Kontakte erhofften. «Als Helfer trifft man allerlei Persönlichkeiten. Ich hatte ein paar recht erhellende Gespräche mit meinen Fahrgästen, mein Kommilitone wurde sogar zum Kaffee eingeladen, falls er zufällig einmal in New York sein sollte. Sein Passagier war ein hochrangiger Militärstratege.»
Bekannt dank Wachstumskritik
Erdacht wurde das Symposium einst von fünf HSG-Studenten aus Deutschland, Österreich, Norwegen, Holland und der Schweiz. Sie gründeten das «International Students’ Committee » (ISC) – ihre «Alternative zu den europaweiten Studentenunruhen » –, und organisierten 1970 ein erstes Symposium mit etwa 200 Teilnehmenden. Vier Jahre und eine Krise später wurde die St.Galler Stiftung für Internationale Studien ins Leben gerufen, samt Förderkreis zur finanziellen und ideellen Unterstützung des ISC. 1978 kam die Max Schmidheiny Stiftung hinzu. Diese verlieh bis 2003 im Rahmen des Symposiums ihren Freiheitspreis. Der letzte ging an Kofi Annan, wurde allerdings erst drei Jahre später überreicht, als der damalige UN-Generalsekretär St.Gallen besuchte. Die Preissumme von 100’000 Dollar, schrieb die Stiftung damals, wolle Annan dem UN-Flüchtlingskommissariat (UNHCR) zukommen lassen.
Besondere Beachtung fand das dritte Symposium 1972, an dem der «Club of Rome» seine Grenzen des Wachstums präsentierte und damit erstmals eine umfassende Wachstumskritik artikulierte. Weniger erfreulich waren die Medienberichte im Nachgang des 1977er-Symposiums mit Hanns Martin Schleyer. Der Deutsche Arbeitgeberpräsident und ehemalige SS-Untersturmführer wurde noch im gleichen Jahr von der RAF erschossen. Was die konkreten Inhalte der Konferenzen angeht, ist die Berichterstattung mager angesichts der 45-jährigen Geschichte. Nicht zuletzt, weil die «Sessions », mit vereinzelten Ausnahmen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden. Zudem halten sich die Teilnehmer an die sognannte Chatham House Rule. Diese besagt, dass Informationen nur nach aussen dürfen, wenn Urheber und Beteiligte inkognito sind.
Konstruktiv dank Kontroversen?
Die fehlende Transparenz in Verbindung mit zum Teil massiv umstrittenen Gästen – jüngst etwa UBS-Chef Sergio Ermotti (2013), Glencore-CEO Ivan Glasenberg (2014) oder in diesem Jahr Anders Fogh Rasmussen, der ehemalige Nato-Generalsekretär – führt regelmässig zu Kritik am Symposium. Auch Till gehört mittlerweile zu den Gegnern. Es sei beschämend, sagt er, dass sich eine HSG für dieses alljährliche «Stelldichein der Global Player aus Finanz-, Rohstoff- und Rüstungsindustrie» zur Verfügung stelle. «Solche multinationalen Konzerne sind mitverantwortlich für die grossen Krisen der jüngeren Geschichte. Daran sehen wir, wie weit es die sogenannt liberale Wirtschaftsordnung gebracht hat.»
Angesichts des diesjährigen Symposiums scheint diese Kritik bereits angekommen: «Proudly small» ist das Thema. Es geht also um Kleinheit. Um Herausforderungen, aber vor allem um die Potenziale kleiner Firmen (Small units and lean organisations matter a great deal as well), kleiner Länder (Small states are well suited to weather crises, they can adapt their structures, institutions and strategies with more ease than the supertankers that steer the global economy), kleiner Ziele (Small political units have proven to be very effective at finding suitable solutions and legitimising decisions).
Ganz ohne Grösse will man dann aber doch nicht: Das Editorial endet mit einer Maximalrendite dank «Kooperation von Klein und Gross» (Small players only fully unlock their potential in concert with bigger players). Und all das, weil die Menschheit nach der Finanzkrise misstrauisch wurde gegenüber den «Leaders of Today» (There is no question that the gigantic consequences of the financial crisis have fuelled scepticism regarding the global economy and the trustworthiness of its key players).
Immerhin, die Gästeliste war auch schon kontroverser. Dieses Jahr hat sich Nestlé-Chef Peter Brabeck entschuldigt, bleiben neben Rasmussen also zum Beispiel noch Novartis-Präsident Jörg Reinhardt, Unilever-CEO Paul Polman oder Douglas Flint von der HSBC.
«Wir dulden es nicht länger»
Tim Rüdiger und Matthias Fässler beruhigt das wenig. Sie sind Teil des «Smash little WEF»-Aktionsbündnisses, das schon im letzten Jahr gegen das Symposium protestiert hat. Getragen wird es von Wendepunkt, Juso, Jungen Grünen und Privatpersonen. Ihre Kritik sei systembezogen und richte sich nur indirekt an einzelne Teilnehmer, sagen die Aktivisten. «Der Neoliberalismus folgt einer reinen Marktlogik und zementiert die ökonomischen und sozialen Machtverhältnisse. Reformen innerhalb dieses Systems sind Scheinlösungen. Wir dulden es nicht länger, dass die HSG Schirmherrin dieses Treffens der neoliberalen Elite ist.» Die diesjährige Demo findet am 2. Mai statt.
Ende März hat sich Philip Erzinger von der St.Galler Stiftung für Internationale Studien per Brief bei den Aktivisten gemeldet und zum Gespräch im Uni-Rektorat eingeladen. «Das haben wir schon letztes Jahr gemacht. Nicht, um kritische Stimmen im stillen Kämmerlein auszuschalten», versichert er auf Nachfrage. «Im Gegenteil: Wir begrüssen diese Debatte, schliesslich ist Meinungsfreiheit ebenfalls ein Ausdruck des Liberalismus.» Das Symposium sei, entgegen der öffentlichen Annahme, äusserst heterogen aufgestellt, ausserdem scheue man sich keineswegs, marktpolitische Alternativen anzudenken. Wettbewerb bedeute ja immer auch Ideenwettbewerb, fügt Erzinger an. «Somit können wir uns durchaus vorstellen, jemanden von der Juso oder auch andere kritische Stimmen an eines der künftigen Symposien einzuladen.»
Die Aktivisten dazu: «Es freut uns, wenn der Neoliberalismus so an Überzeugungskraft verloren hat, dass sogar den ärgsten Gegnern Gehör geschenkt wird. Letzten Endes sind wir jedoch der demokratischen Überzeugung, dass sich auch antikapitalistische Kritik primär an alle Menschen richten muss – nicht nur an die ‹Leader von Morgen› oben am Hügel.»
*Name geändert
«Smash little WEF»: Samstag, 2. Mai, 14 Uhr, Bahnhofplatz St.Gallen Weitere Infos: smashlittlewef.blogsport.de
Dieser Text erschien im Mai-Heft von Saiten. Mehr zum Symposium gibt es hier.
Bild: symposium.org
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