Saiten: Im Mai findet an der HSG das 45. St.Gallen Symposium statt. Seit seiner Gründung wird immer wieder Kritik daran geübt. Welchen Wert hat dieses Symposium nach Ihrer Einschätzung für die Universität St.Gallen?
Ulrich Thielemann: Es ist ein Stelldichein derjenigen, die sich als «Leader» – klingt weniger schön, wenn man es auf Deutsch übersetzt – dieser Welt verstehen und es faktisch auch sind. Mit dem deutschen Soziologen Wolfgang Streeck gesprochen: das «Marktvolk» und seine Top-Repräsentanten. Ein Stelldichein der bestehenden «Leader» und der kommenden, der sogenannten «Leaders of Tomorrow». Dies sind Studierende aus aller Welt, die begierig darauf sind, in den Zirkel aufgenommen zu werden, wozu sie durch einen Essay ihre «Exzellenz» zu erweisen haben. Diese «Leader» sind zwar nicht unbedingt identisch mit dem Top-Management grosser, häufig multinational operierender Unternehmen, finden aber allesamt nichts Anstössiges in dem, was diese nach vorherrschender Auffassung tun und tun sollen: den Shareholder Value für Investoren, im Management-Jargon Prinzipale genannt, zu maximieren.
Welchen Wert haben solche Symposien überhaupt für Teilnehmende und Organisatoren? Was ist der Subtext einer solchen Veranstaltung, was seine Funktion in der symbolischen Ordnung einer Institution und konkret der HSG?
Es geht, soweit ich dies von aussen beurteilen kann, an solchen Veranstaltungen vordergründig eher selten um schnöde Gewinnmaximierung, sondern um «höhere», häufig wolkig formulierte Themen. Dies könnte darauf verweisen, dass es gar nicht so sehr um die Inhalte geht – jedenfalls findet man für das St.Gallen Symposium online kein einziges Vortragsmanuskript –, sondern ums Networking. Ich erinnere mich, dass die Studierenden, die aktiv mitmachten, ganz scharf darauf waren, mit einer dieser Luxuslimousinen einen Vorstandschef zum Hotel oder Flughafen zu kutschieren – vielleicht schaut ja eine Vorstandsassistenz dabei heraus? Bei den etablierten «Leaders of Today» geht es natürlich auch um handfeste Interessen. Nicht zuletzt auch darum, unmittelbar im Kontakt zu sein mit der aufstrebenden Jugend, das heisst mit den gewinnbringenden guten Ideen von Morgen. Denn es gilt: «Start-ups sow the seeds for what might become the next big idea.»
Ulrich Thielemann, 1961, war von 2001 bis 2010 Vizedirektor des Instituts für Wirtschaftsethik und Lehrbeauftragter für Philosophie und Wirtschaftsethik an der Universität St.Gallen. Zurzeit leitet er die unabhängige Denkfabrik für Wirtschaftsethik MeM (Menschliche Marktwirtschaft) in Berlin.
Das diesjährige Thema des Symposiums heisst: «Proudly small.» Klingt das nicht nach neuer Bescheidenheit und Selbstbeschränkung?
Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass diese sogenannten gesellschaftlichen Themen solcher Symposien mit einer anderen denn einer neoliberalen Ausrichtung aufwarten. Wobei man Neoliberalismus mit dem deutschen Ökonomen Hans-Werner Sinn kurz und bündig als «Hofierung» des Kapitals definieren könnte. So erinnert das diesjährige «Proudly Small» ja an das «Subsidiaritätsprinzip» in der üblichen – notabene falschen – neoliberalen Auslegung, nach dem Motto: Nur ja keine übergreifende weltinnenpolitische Perspektive, nur ja keine globale Regulierung, Abstimmung und Zähmung, nur keine globalen wettbewerblichen Waffenstillstandsabkommen, damit der Wettbewerb der Standorte um die Gunst des global vagabundierenden Kapitals hübsch weitergehen kann. Ausserdem rangieren Kleinstaaten, das heisst Steueroasen und dezidierte Wettbewerbs- und Kapitalhofierungsstaaten wie Singapur, Liechtenstein, Luxemburg und die Schweiz ja auch höher in verschiedenen globalen Rankings, wie die Organisatoren festhalten – weil sie den anderen das Wasser abgraben. «Proudly small» eben.
Nochmal zum Motto: Könnte da nicht auch ein gut schweizerisches «small is beautiful» mitschwingen?
Niemand dort denkt ja daran, die grossen globalen wettbewerblichen Kräfte, vor allem die des Kapitals, wodurch die zu «Standorten» degradierten Nationalstaaten ausgespielt werden, einzuschränken. Insofern bleibt es hintergründig beim «large is beautiful». Die politische Konzentration auf «Kleinheit» soll nur dazu beitragen, dass es dabei bleibt. Überdies können dadurch auch Akzeptanzprobleme gelöst werden. «Den Leuten bleiben die Bedingungen ihres eigenen Lebens und Arbeitens unbegreiflich», heisst es im Programm. So geben wir, die «Leader», ihnen doch ein paar lokale Kaufgelegenheiten, so dass sie wenigstens ab und zu das «seltene Gefühl haben, an der Kontrolle des wirtschaftlichen Geschehens teilzuhaben». Vielleicht merken sie ja dann nicht, dass die tatsächlichen, die globalen Kräfte von anderen bestimmt und von diesen zu ihrem eigenen geldwerten Vorteil genutzt werden. Hätte man tatsächlich ein Interesse an «Small is beautiful», wäre es eine gute Idee, etwa Philipp Löpfe und Werner Vontobel einzuladen, die dazu kürzlich ein sehr gutes Buch schrieben: Wirtschaft boomt, Gesellschaft kaputt. Dort lässt sich auch nachlesen, dass wir ohne einen wettbewerblichen «Waffenstillstand» zwischen den Nationen nicht zu einer Kontrolle der Wirtschaft und zu tatsächlicher Lokalität werden zurückfinden können.
Nach der Finanzkrise 2008 konnte man immer wieder Beteuerungen der Wirtschaftswissenschaften hören, dass Selbstkritik und ein Umdenken dringend notwendig seien. Was davon wurde auf dem Platz St.Gallen konkret umgesetzt? Was wurde versprochen und nicht gemacht?
Die Landschaft ist unübersichtlicher geworden. Das Zeitalter des Markttriumphalismus, wie der amerikanische Philosoph Michael Sandel sagt, ist zu einem gewissen Ende gekommen. Allzu steile Thesen wie «Der globale Wettbewerb dient dem Wohle aller» oder «Gewinnmaximierung ist die beste Unternehmensethik» gehören eher der Vergangenheit an, waren aber schon vorher eher untypisch für St.Gallen. Man muss auch sehen: Die HSG ist mehr oder minder eine Wirtschaftsfakultät als Universität. Und sie unterscheidet sich kaum von anderen Wirtschaftsfakultäten. Man möchte nicht so sehr anders, als vielmehr «besser» als andere sein. Für eine grundlegende Infragestellung des neoliberalen Regimes und des Erfolgs- und Gewinndenkens bleibt da kein Platz. Das stört eher.
Welche Art Umdenken müsste in den Wirtschaftswissenschaften Ihrer Meinung nach stattfinden?
Es müsste eine Entwicklung geben hin zu einer echten, das heisst paradigmatischen Pluralität mit grundsätzlich verschiedenen Standpunkten und gewollt gegensätzlichen Sichtweisen. Zwischen diesen sollte die wissenschaftliche Auseinandersetzung stattfinden. Es widerspricht der Idee und dem Sinn der Wissenschaft, wenn es nur ein hegemoniales Paradigma gibt. Diese Pluralität fordern ja auch immer mehr Studierende der Wirtschaftswissenschaften. Dort sind allerdings noch ziemlich dicke Bretter zu bohren. Durch die Vorherrschaft des neoklassischen Einheitsparadigmas bestanden ja auch kaum Chancen, alternative Ansätze zu entwickeln. Wer das versuchte, bekam keinen Lehrstuhl. Und darum versuchte man es gar nicht erst.
Was könnte heute ein solcher Ansatz sein?
Ich vertrete die integrative Wirtschaftsethik. Diese ist angetreten, eine solche neue Ausrichtung der Wirtschaftswissenschaften zu begründen. Der Ausgangspunkt ist dabei die systematisch begründete Ansicht, dass das Thematisieren des Wirtschaftens immer normativ ist. Ökonomen wollen, dass das Marktprinzip herrscht, sie sprechen sich für die Ökonomisierung der Lebensverhältnisse aus, dafür, sich politisch immer konsequenter an der Wettbewerbsfähigkeit des Standortes und persönlich am Markterfolg zu orientieren. Dies alles ist normativ. Doch ist das richtig? Die Schlüsselfrage einer ethisch-kritischen Ökonomie ist meines Erachtens die: Welchen Status sollen die Marktlogik, das Vorteilsstreben und der Wettbewerb in unserem Leben haben? Natürlich geht es hier um Interessenkonflikte, um Verteilungskonflikte, auch um Lebensformkonflikte. Diese laufen allerdings hinter der berühmten «unsichtbaren Hand» des Marktes weitgehend verborgen ab. Darum tut Aufklärung not. Und es ist einfach unredlich, diesen Diskurs nicht in ethischer Münze zu führen. Nur so würde die «Ökonomie» auch wieder zur «Politischen Ökonomie».
Wie widerstreitend kann denn ein Studium für Führungskräfte in der Wirtschaft überhaupt sein, ohne seinen Ruf als Kaderschmiede einzubüssen?
Das Totschlagargument hier lautet: Würde nicht die «Arbeitsmarktfähigkeit» der Absolventen leiden, wenn man sie nicht mehr so ausbildet, wie es «die Wirtschaft», sprich: das Kapital, verlangt? Ich denke allerdings, das Wissenschaftssystem hat mehr Autonomie, als man ihm zuweilen zugestehen mag. Ansonsten hätte man sich auch von der Idee der Universität, die so ja nur noch externen Vorgaben folgen würde, verabschiedet. Allerdings folgt man, so scheint mir, diesen Vorgaben häufig allzu bereitwillig. Etwa wenn man die Lehre so ausrichtet, dass die Studierenden das Studium als «rentable Investition in sich selbst» begreifen können. Ein wahrhaft wissenschaftlich autonomes Studium müsste auf eine Relativierung dieser Erfolgslogik hinauslaufen. Und mit diesem Geist würden die Absolventen dann in die Unternehmen eintreten.
Die Uni St.Gallen verlangt von ihren Studierenden ein anspruchsvolles Kontext-Programm in verschiedensten Disziplinen wie Philosophie und Kulturwissenschaften. Wäre damit nicht eine gewisse Pluralisierung und akademische Eigenständigkeit gegeben?
Eigentlich eine gute Idee. Die Fächer werden ja Kontextfächer genannt, und die Frage entscheidet sich tatsächlich an diesem Wort. Sind sie nur Beigemüse, die über den Kontext informieren, in dem die sogenannten Kernfächer stehen, so dass diese auch von dort noch einmal legitimiert und gefestigt werden? Oder sind es diese Kontextfächer, die die Kernfächer erst in einen sinnhaften Kontext setzen und damit auch auf diese zurückwirken müssten, nämlich dann, wenn sich herausstellt, dass es mit dem Sinn und der Legitimität schlecht bestellt ist? Ich befürchte, das erste Verständnis dominiert.
«Smash little WEF»: Samstag, 2. Mai, 14 Uhr, Bahnhofplatz St.Gallen smashlittlewef.blogsport.de
Wie steht es denn in diesem Zusammenhang mit dem Institut für Wirtschaftsethik? Sie selber standen 2009 wegen einer pointierten Aussage im Deutschen Bundestag zur Bankenpolitik der Schweiz im Zentrum eines Skandals und verliessen danach kaum ganz freiwillig die Universität St. Gallen. Damals hatte ich in einem Kommentar die These vertreten, dass die Wirtschaftsethik nur solange populär ist, wie man an ihre Unwirksamkeit glaubt. Durch die enorme Publizität, die Sie damals hatten, und durch die Nervosität im Zuge der Finanzkrise stand damals wohl plötzlich so etwas wie ethische Wirksamkeit im Raum.
Am Gedanken, dass Wirtschaftsethik für bestimmte Interessen dysfunktional wird, wenn ein Lippenbekenntnis nicht mehr genügt und man ihre inhaltliche Arbeit tatsächlich beachten muss, ist vielleicht etwas dran. Das trifft sich mit meinen Erfahrungen und Vermutungen: In St.Gallen will man eine Wirtschaftsethik. Man hat sie ja sogar mit einer zweiten Professur verstärkt. Aber man will eine bloss separativ ausgerichtete Wirtschaftsethik, sprich: eine, die die in den Kernfächern verbreiteten Botschaften nicht in Frage stellt.
Dieses separative Verständnis stünde also dem von Ihnen skizzierten Ansatz einer integrativen Wirtschaftsethik entgegen.
Ja, denn der Separatismus nimmt die Hegemonie das Markt- und Erfolgsdenkens, er nimmt den Neoliberalismus, stellt sich bloss neben diesen und akzeptiert ihn stillschweigend. Der integrativ-ethische Ansatz hingegen macht gerade diese Hegemonie – in Theorie und Praxis – zum Thema. Ich denke, es liegt an den Studierenden, eine solche umfassendere kritische Sicht als einen normalen Teil eines modernen Curriculums einzufordern.
Dieser Text erschien im Mai-Heft von Saiten. Mehr zum Symposium und der geplanten Demonstration gibt es hier.
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