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Löcher, beispielsweise

Christian Rechsteiners Roman-Erstling Das Weinberger-Archiv ist unkommod. Wer sich aber darauf einlässt, wird mit diversen Satzperlen belohnt. Die Erfahrungen mit W. und dem ersten Buchdrittel.
Von  Corinne Riedener

Kurz vor Redaktionsschluss flattert noch ein Rezensionsexemplar herein, ein Gut zum Druck genauer gesagt: Das Weinberger-Archiv, der neue Roman von Christian Rechsteiner, 1976, aus Kreuzlingen. Sein erster. Ansonsten ist wenig bekannt.

Weinberger, da war doch was… Eine Faust, ein verzerrtes Bücherregal, ein fahlblaues Büchlein in Reclam-Grösse (Bild oben), Reklame aus Romanshorn, mit einem Zettel darin: «Anbei das erste Kapitel, blablabla, Gruss, Muskat Media.» Sechzig Seiten waren es in etwa, mit einem kurzen Satz auf der letzten: «weinbergers körper ist umgeben von einer schicht haut, die an bestimmten orten löcher aufweist. aus diesen löchern schaut und scheisst weinberger, beispielsweise.»

Das war Anfang Juni, dann verschwand das Kapitel halbvergessen mit dem Vermerk «nett… Oktober-Heft?» irgendwo in einem Bücherstapel, der Satz blieb noch eine Weile. Und er kommt wieder mit dem Druck-Pdf von Muskat Mitte September. 336 Seiten. Zu viel eigentlich, zu viel jedenfalls, um noch grossartig darüber zu schreiben für dieses Heft. Aber in guten Berufen siegt die Neugier und nicht die Vernunft, deshalb hier die flüchtige Bekannt­schaft mit Weinberger und seinen Löchern, den ersten dreieinhalb Kapiteln (von insgesamt zehn).

 

das_weinberger_archiv

Christian Rechsteiner: «Das Weinberger-Archiv», Muskat Media, Romanshorn 2014, Fr. 18.40.

Grenzerfahrung in Kleinbuchstaben

Sie ist anstrengend, die erste Stunde mit W., eine Grenzerfahrung inmitten aphoristischer Endlosmonologe. W. ist ein Dekonstrukteur, ein Faustroll ohne Heldentaten. Rechsteiner schreibt im Paratakt, ohne Punkt und erkennbares Zeitgefühl, aber mit viel Gefühl für unsere Zeit – Spannungsfeld statt Spannungsbogen scheint seine Devise zu sein, Umsicht statt Aufsicht.

Und er schreibt konsequent: «weinbergers handhabung der ortografie ist sein verständnis von freiheit, selbst auf kosten der verständlichkeit», hält Rechsteiner am Ende des ersten Kapitels fest und schliesst damit immerhin den Bogen zum Anfang, zum achtpunktigen «tractatulus poeticus», einem Verweis auf H. C. Artmann und die Kleinschreibkultur der Wiener Gruppe um den 2000 verstorbenen Schriftsteller und Lyriker.

Deutlicher könnte eine Hommage an die Sprache als Mittel und Material zum Aufbruch wohl nicht sein. Sympathisch zwar, aber auch aufreibend. Es gibt Momente, da würde man den Autor am liebsten mit derselben meditativen Wiederholung schlagen wie er manchmal schreibt – wären da nicht auch erlösende Satzperlen, diese etwa: «weinberger liess sich absichtlich den bart stehen, auch wenn er wusste, dass er ihm nicht stand. vielleicht muss man sich nur genügend gehen lassen, um beachtet zu werden.» Und die trockenen Listen, mit denen er sich und die Welt erträglich zu machen versucht. «er fühlte sich unverstanden und genoss es. er war hin- und hergerissen zwischen den freuden der einsamkeit und dem selbstmitleid, ein elender ausssenseiter zu sein», schreibt Rechsteiner über Weinbergers Verfassung.

Diese Art von Ambivalenz ist – neben Rechsteiners Faible für Alliteration – etwas vom Auffälligsten an der flüchtigen Begegnung mit Weinberger, sowohl auf sprachlicher wie auch auf inhaltlicher Ebene. Ansonsten ist es müssig, nach gut hundertfünfzig Seiten etwas über die Handlung des Romans zu sagen. Vermutlich ergibt sich irgendwann eine Dramaturgie, eine Message. Vermutlich geht es um Liebe, sie zu erleben und zu überleben, um das Fortgehen, um sich selber näher zu kommen, aber das ist reine Mutmassung. Jedenfalls ist es stellenweise auch eine Migrations- und Gesellschaftsgeschichte, aber wichtig ist Weinberger.

Es tost im Stillen

W., Mitte 30, ist ein Seefahrer im Menschenmeer, «ein Nach­fahre von Kolumbus, Bering, da Gama» – und von gefühlten hundert Jenischen, Dänischen, Tschechischen, von Dorf­gerüchten, Verdingkindern und Trunksüchtigen. Gross geworden ist Weinberger am Bodensee. Er mag ästhetische Zergliederung, Frühling und Brüste. Seine Mutter starb, als er dreizehn war. Mit sechzehn hat er den mysteriösen schwarzen Koffer seines leiblichen Vaters gefunden, den er zu Lebzeiten nicht kennengelernt hat – das Überbleibsel einer lauwarmen Prager Nacht, wie Weinberger selbst.

Er onaniert. In den 90ern zu Pornoheften, später auch angesichts der Literatur. Sein Herz bricht ihm Hannah Bouvier, die ihn schweigend verlässt für sich selbst. Trost findet er bei seinen Mitbewohnern, Walt Molasky, dem heilfastenden Kiffer Erwin Breuer und dessen Hund Horst, der zweitweise versucht, durch die Namensänderung zu «Hirsch» oder «Bogumil» seiner hündlichen Identität zu entfliehen – bis er endlich Frau Schneider kennen­lernt, die Dänische Nachbars-Dogge. Die wohl spannendste Figur im Weinbergschen Universum ist aber Scheckel. Dieser Künstler ist Klartext, eine Art Idealmisanthrop.

Weinberger hat viel gemeinsam mit ihm, ist aber weniger impulsiv. Was Scheckel stets lauthals in die Welt schreit, tost bei Weinberger im Stillen, im Kopf und in den Fusszeilen. W. ist obsessiv denkend und wahrnehmend. Vielleicht hat er deshalb ständig den Drang, die innere und äussere Welt in Einzelteile zu zerlegen, die Verwirrnis zu kartographieren, während er auf Offenbarung wartet. Ob sie im schwarzen Koffer steckt?

 

Lesungen:
Freitag, 21. November, 20 Uhr, Kaff Frauenfeld
Freitag, 12. Dezember, Horst Club, Kreuzlingen

Infos: muskatmedia.ch

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