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Mit dickem Pinsel: Der Segantini-Film

Wie kann man Kunst «verfilmen»? Christian Labhart tut es in seinem Film über den Maler Giovanni Segantini mit Spezialkamera und Empathie. Das ist teils problematisch – aber bietet Gelegenheit, die einstigen «St.Galler Segantinis» wieder einmal von nah zu betrachten.
Von  Peter Surber

Alles ist Emotion. «Kunst, welche den Betrachter kalt lässt, hat keine Daseinsberechtigung», hat Giovanni Segantini gesagt, und so hat er auch gelebt und gearbeitet. Malerei müsse zum Medium «aller Gefühle der Liebe, der Trauer, des Schmerzes und der Freude» werden, deklarierte er schon als junger Maler.

Wie kann sie das? Der Segantini-Film von Christian Labhart sucht auf diese Frage die Antwort gewissermassen mit der Lupe. Mit einer Spezialkamera fährt Kameramann Pio Corradi an die Bilder heran und in starker Vergrösserung geradezu in sie hinein.

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Mittag in den Alpen, 1891

Den Lichteffekten auf der Spur

Die Eingangssequenz setzt den Massstab: In langsamem Tempo wandert das Auge einem Bergkamm nach, folgt den Farbnuancen, den Schrunden, der Bewegung des Pinselstrichs. Die Kamera macht im Detail sichtbar, was dem unverstärkten Beobachter-Auge entginge: Segantinis Technik, durch das unvermischte Nebeneinander der Pinselstriche jene flirrenden Lichteffekte hervorzubringen, die dem Film den Untertitel gegeben haben – «Magie des Lichts».

Emotionen: Das sei auch das, was ihn interessiere, erklärt Filmemacher Christian Labhart. Deshalb die Übernähe des Spezial-Kamerablicks. Deshalb auch der Verzicht auf kunstgeschichtliche oder biographische Expertenkommentare – die einzige Stimme, die der Film vernehmen lässt, ist jene des Künstlers selber, gesprochen von Bruno Ganz. Hinzu kommen Auszüge aus der umstrittenen Romanbiographie von Asta Scheib.

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Die Familie Segantini um 1898

Labharts Zugang ist ausdrücklich der des begeisterten Laien. So bleibt auch Segantinis Zivilisationskritik, mit der er im ausgehenden 19. Jahrhundert durchaus «modisch» war, unreflektiert. Die Idealisierung der Berg-Natur, wie sie aus den Bildern spricht, treibt der Film im Gegenteil mit zum Teil spektakulären Aufnahmen weiter mit dem Ziel, eine «Antithese zum Lärm der Welt und zum Mainstream des Konsums» zu bieten. Dazu passen vor allem futuristische Ansichten der Metropole Milano, einem der Schauplätze der traumatischen Jugend des Künstlers – während die Industrialisierung die Savogniner und Engadiner Berglandschaft naturgemäss weniger verändert hat.

Die drei Kapitel «Werden – Sein – Vergehen», dem Titel des berühmten Tryptichons nachempfunden, zeichnen Segantinis Leben chronologisch getreu nach. Die «Freiheit zur Erhaltung seines Ichs» nannte Segantini einmal sein «höchstes Ideal». Dass dies keine einfache «Freiheit» für seine Frau Bice und die vier Kinder (Bild) war, macht der Film zumindest in Andeutungen kenntlich.

Gigers Bach in der kalten Kirche

Fürs Emotionale zuständig ist neben den Bildern auch die Musik. Labhart hat dafür den Geiger Paul Giger gewonnen, zusammen mit Cembalistin Marie-Louise Dähler, dem Carmina-Quartett und dem Countertenor Franz Vitzthum. Der Regisseur legte ihnen aber ein relativ enges Korsett von Wunsch-Stücken an, namentlich von J.S.Bach. Keine Idealsituation, wie Giger im Gespräch an der Filmpremiere im St.Galler Kinok durchblicken liess. Allzu plakative Klassik-«Schlager» lehnte er ab, andere, wie die «Erbarme Dich»-Arie aus der Matthäus-Passion oder Improvisationen von Giger-Dähler, kommen allerdings wunderbar zur Geltung. Man käme beim Hören nicht auf die Idee, dass die Musiker bei den winterlichen Aufnahmen in der ungeheizten Chiesa Bianca in Maloja ordentlich gefroren haben.

Dass dann auch das Mozart-Requiem als Stimmungsverstärker herhalten muss, ist allerdings fragwürdig, ähnlich wie einzelne Kamera-Einstellungen mit atmosphärischen Wolkenformationen an der Kitschgrenze. Dahinter steckt eine Grundproblematik des Films: An die Farb-und Gefühlswucht der Segantini-Bilder reicht keine noch so inspirierte Filmaufnahme heran.

Solchen Einwänden zum Trotz: Labharts Nah-Sicht ist in vielerlei Hinsicht anregend – so geben etwa die symbolistischen Mutterbilder, kombiniert mit Zitaten zur komplexen Mutter-Problematik des Künstlers, reichlich Stoff zum Nachdenken über «gute» und «böse» Mütter. Und seine Kühe sind die reine Schaulust, auch und gerade aus nächster, beinah stalldampfender Nähe.

Labharts Film erinnert noch einmal intensiv an das Werk des populärsten Sans-Papier unter den Schweizer Malern – Segantini hatte bekanntlich weder einen italienischen noch einen Schweizer Pass und hätte nach den heutigen Ausländergesetzen vermutlich gar nie seine Staffelei auf dem Schafberg ob Maloja aufstellen können.

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Giovanni Segantini: Frühmesse, 1884-86

St.Gallens «verlorene» Sammlung

An der Filmpremiere im Kinok wurde eine weitere Erinnerung wachgerufen: an den Verlust, den St.Gallen erlitten hat, als es die zwölfteilige Werkgruppe der Otto Fischbacher Giovanni Segantini Stiftung nach der bislang letzten Segantini-Ausstellung 1999 nach St.Moritz wegziehen lassen musste. Das St.Galler Kunstmuseum war aus Platzgründen nicht in der Lage, die Stiftungsforderung nach dauernder öffentlicher Präsentation der Werke zu erfüllen. Damit gingen Meisterwerke wie die «Frühmesse» (Bild), «Ave Maria bei der Überfahrt» (Titelbild), «Rückkehr vom Wald» (Bild), «Mittag in den Alpen» oder die «Bündnerin am Brunnen» für das hiesige Publikum verloren.

Ob diese zurückkehren könnten, wenn das Kunstmuseum dereinst umgebaut und erweitert ist? Immerhin war Sammler Otto Fischbacher ein St.Galler Textilunternehmer, und die von seinen Nachfahren begründete Stiftung ist bis heute in St.Gallen domiziliert. Kunstmuseums-Direktor Roland Wäspe winkt allerdings auf Nachfrage ab: «Das ist kein prioritäres Anliegen.» Die Gemälde passen nach seiner Auffassung und auch jener der Stiftung «perfekt» ins Segantini-Museum St.Moritz – in jene Landschaft, in der sie zur Hauptsache entstanden sind und mit der sie nach Wäspes Worten ideal harmonieren.

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Giovanni Segantini: Rückkehr vom Wald, 1890

Segantini sei heute neben St.Moritz schwergewichtig im Kunsthaus Zürich beheimatet. Für St.Gallen mache es keinen Sinn, mit diesen Institutionen in Wettbewerb zu treten, so sehr er selber Segantini schätze – abgesehen davon, dass die Bilder in St.Gallen schon damals mehr als 100’000 Franken Versicherungssumme jährlich beansprucht hätten; heute wäre dies ein Vielfaches.

Segantini – Magie des Lichts: im Juli und August im St.Galler Kinok, diverse Daten: kinok.ch

Für St.Gallen gelte es, sein eigenes Profil auszubauen, das heute nach Wäspes Darstellung drei Schwerpunkte hat: deutsche und Schweizer Malerei des 19. und 20. Jahrhunderts, Minimal- und Post-Minimal-Art sowie die Altmeistersammlung. Letztere wird ab 26. September ausführlich gezeigt unter dem Titel «Das St.Galler Altmeisterwunder». Erstere hat durch die Sammlung der Simon und Charlotte Frick-Stiftung entscheidenden Zuwachs bekommen: sieben Werke von Giovanni Giacometti, Amiet, Gubler, Vallotton sowie Ferdinand Hodler.

Hodlers «Stockhornkette mit Thunersee» ist allerdings umstritten, Details dazu hier: Der jüdische Sammler Max Silberberg hatte es 1935 unter Nazi-Druck verkaufen müssen; Simon Frick, St.Galler Alt-Regierungsrat, erwarb es 1985 ohne Kenntnis der Herkunft vom Berner Galeristen Korngold. Dies blockiert zur Zeit die Präsentation der Sammlung Frick.

Dafür kann man die einstigen «St.Galler Segantinis» im Film noch einmal ganz von nah betrachten.

 

 

 

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