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Samstagnacht und Sonntagmorgen auf Crack

Heute in Schaffhausen, morgen in St.Gallen: das Punk-Hop-Proletenduo Sleaford Mods aus Nottingham. Marcel Elsener versucht in der aktuellen WOZ und etwas ausführlicher noch hier zu erklären, warum er seit letztem Herbst nichts anderes mehr gehört hat und was die wütenden Verweigerer zu sagen haben.

Von  Marcel Elsener

Wo ist Robin Hood, wenn man ihn bräuchte? Wer greift den Sheriff an und verteilt sein unverdientes Geld an die Armen? «Ich kann nicht glauben, dass die Reichen immer noch existieren», schreit einer aus Nottingham 2014 in ein grässlich verzerrtes Mikrofon, «und erst recht nicht, dass sie noch immer das verdammte Land regieren.» Doch in der mittelenglischen Stadt am Wald von Sheerwood keine Spur von Aufstand. In den aktuellen TV-Nachrichten wenigstens ein Protestzug gegen die Rechtspopulisten, die den Zorn der Elenden für ihre Hasspolitik nutzen: ein Eierwurf und wütende Rufe gegen den Chef der United Kingdom Independence Party (UKIP) Nigel Farage, unter den Demonstranten ein Gewerkschafter, der sich entrüstet: «Die suchen doch nur Sündenböcke. Früher ging es gegen die Leute aus der Karibik, jetzt geht Farage auf die Osteuropäer los.»

Gegen unten treten, jemand ist immer noch weiter unten, das nützt den herrschenden Finanzkapitalisten, England ist unter Tory- und New-Labour-Regierungen zum Land mit den weltweit meisten Milliardären geworden. Die Sündenbock-Politik erfüllt erschreckend wirksam jene Zwecke, die der Journalist Owen Jones in seinem Buch Prolls – Die Dämonisierung der Arbeiterklasse (2012) umfassend beschreibt. Dreissig Jahre nach Margaret Thatchers Zerschlagung der Gewerkschaften und mutwilligen Verwüstungen sozialstaatlicher Errungenschaften hat die öffentliche Meinung gedreht und gelten «Armut und Arbeitslosigkeit nicht mehr als soziales Problem, sondern als moralisches Fehlverhalten von Einzelnen». Prompt spricht sich laut Umfragen nur noch ein Drittel der Briten für die Umverteilung von Wohlstand aus. «In einer gespaltenen Gesellschaft wie unserer hat Dämonisierung die Aufgabe, Ungleichheit normal erscheinen zu lassen», stellt Jones fest. «Unten ist, wer dumm, faul und unmoralisch ist.»

Es ist eng geworden in England, auswegslos eng, und ganz unten sind die meisten auf Alkohol, Speed und Antidepressiva und haben jede Hoffnung aufgegeben, schreit der Mann aus Nottigham ins Mikrofon, klatschnass von einem unendlichen Tory-Regen. Seine Antwort ist das lauteste «Fuck off!» in der englischen Musik seit Jahren. Es ist Jason Williamson, 43, Stakkato-Sprechsänger im Punk-Hop-Duo Sleaford Mods; er sieht aus wie ein Mod-Mönch auf Amok, der einen grimmigen Blödian mit Tourette-Schüben spielt und es doch jederzeit ernst meint. «Ihr wollt nicht, dass ich loslege», warnte er 2006: Seither brüllt aus der Gosse so oft – sorry, die Wörter müssen sein – Scheisse und Pisse und Arschlöcher und Wichser an alle möglichen Adressaten vom Nachbarschaftsdealer bis zum Regierungschef, dass seine Musik vom Magazin «The Wire» als «excremental anger» bezeichnet wurde.

In seinen atemlos hingerotzten Texten hängt das «Gesicht des Premiers Cameron in den Wolken wie Gary Oldman’s Dracula» und neben «abgeschlagenen Köpfen auf Londons Strassen» twittern «alle Zombies Tweet Tweet Tweet». Selbstverständlich hasst Williamson auch die «St.George-beflaggten Idioten» und die UKIP-Typen, die seien eine «vom Sheriff angestellte Scheissbande in einem Errol-Flynn-Remake von Robin Hood» und eine «Schande der Menschheit». Die Vermisstenmeldung für Robin hat er schon auf dem Sleaford-Mods-Debüt aufgegeben; sieben Jahre später hockt er tied up in Nottz zuhinterst im Bus mit seinem Laptop-Mitstreiter Andrew Fearn, Endstation trister Quartierfussballplatz. Nur eine weitere Sackgasse im «Sackratten-England».

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Jason Williamson, 43, Stakkato-Sprechsänger

Williamsons erbarmungslose, beissend sarkastische Tiraden für die «Arbeiterklasse und weiter unten», unterlegt mit Fearns minimalistisch treibenden Bassläufen, rumpelnden Beatbox-Rhythmen und schroffen Synthies, dann und wann von einem hämischen Melodietupfer eines Spielzeug-Keyboards garniert, hat in den letzten Monaten eingeschlagen wie keine Musik seit Johnny Rottens stärksten Momenten mit den Sex Pistols und später PIL. Wahrhaftiger Punk, wie er gemeint war, für die Jetzt-Zeit; der treffendste Soundtrack für ein darniederliegendes Land, die grösste Waffe gegen die «Mumfordisierung Englands» (gemeint die Folksäusler Mumford & Sons): So schwärmen nach Punk- und Noise-Blogs mittlerweile auch die massgeblichen Musikmagazine und grossen britischen Zeitungen; unter den Fürsprechern bärbeissige Kritiker wie Luke Haines (The Auteurs) und Stewart Lee, die in der Regel alle neuen Bands in Grund und Boden schreiben,  Schriftsteller wie Irvine Welsh und Dutzende Musiker von Tom Robinson bis Horace Panter, Bassist von The Specials – jener Ska-Punkband, die einst den Nerv der «drögen 80er-Jahre» genauso so traf wie jetzt die Sleaford Mods «den Tonfall des geplatzten Britanniens» (Haines).

Referenzen fallen viele, und freilich liegt die Verweigerer-Verwandtschaft mit Proletenkünstlern wie The Fall und ihrem «Prole Art Threat» oder dem Reggae-Dichter und Soziologen Linton Kwesi Johnson («Inglan Is A Bitch») nahe. Auch Punk-Gossenpoeten wie John Cooper Clarke werden oft bemüht – zu Recht, nur dass dessen Wut-Langeweile-Meisterstück «Evidently Chickentown» in diesem Fall mit postapokalptischem Hip Hop wie etwa jenem der kalifornischen Death Grips angetrieben werden müsste. Denn die Sleaford Mods legen allerhand Fährten von Postpunk bis Hip Hop und Minimal-Electro, ihre eigenen Vorlieben reichen von Wu-Tang-Clan und Two Lone Swordsmen bis zu den frühen Sachen von Mike Skinner (The Streets). Und wenn überhaupt Gitarren, bringen sie selber gern mal Oi-Punkbands wie The Business ins Spiel – Oi, die Strassenköter-Abart von Punk, als definitive Absage an die öden Retro-Rocker, die mit «falschen Akzenten» und pseudo-gewalttätiger Energie alles von Lou Reed bis G.G. Allin imitierten.

Das bedingungslose Bekenntnis zur untersten Unterschicht und die ungeschönte Fäkalsprache ist eine überfällige Antwort auf die dominierenden Popstars mit Privatschul-Ausbildung. Dass im Zuge der politischen Wir-sind-alle-Mittelschicht-Lüge die Unterprivilegierten sogar aus der Musikszene verschwunden sind, notiert auch Owen Jones: Dafür gebe es «jede Menge Imitationen und fast schon Parodien auf die Arbeiterschicht, zum Beispiel der ganze Mockney-Stil von Damon Albarn, Lily Allen und solchen Leuten.» Leute, die Williamson mit Inbrunst hasst und disst – bis hin zu Paul Weller (The Jam) und seinem Jünger Noel Gallagher (Oasis). Gerade die geld- und statusgeilen Gallagher-Brüder seien besonders traurige Verräter an der Arbeiterklasse: «Überall rumerzählen, dass man alles kriegen kann, alle beschimpfen und sich mit Kokain vollstopfen, und dann noch bluffen, dass man nie ein Buch gelesen hat. Saudumm!»

Williamson weiss, wovon er spricht: Neben seinen Brotjobs hat er sich früher in Bands versucht und später die britischen Arbeitermusiken Soul, Mod und Punk auf mehreren Alben abgearbeitet. Zunächst glühender Fan, ist er heute komplett desillusioniert. Northern Soul klinge wie «Motown on the dole», singt er mal, ein Hohn in der Arbeitslosigkeit, UK Rap liege sowieso im Sarg. Vor zwei Jahren fand er mit seinem kongenialen Partner und Bauernsohn Fearn den ureigenen Ausdruck auf der Geröllhalde von Postpunk, Hip Hop und zerfetzter Allerweltsmusik. Das allseitige Aufhorchen kam 2013 mit Austerity Dogs und einem umwerfenden Cover: Die armseligen Mods neben einem Sammelcontainer der British Heart Foundation – Wohltätigkeits-Abfall und bellende Hunde unter Spardruck im kaputt privatisierten Land. Vermutlich hätten sie nichts dagegen, wenn man es Gegenmodell zum regierungsfreundlichen Britpop «Britkotz» nennen würde.

Die Rundum-Absage an alle Glamourmäntelchen und dafür die Kampfansage für schonunglosen Realismus kommt an. Warum sie wie keine andere britische Band den Nerv treffen, kann sich Williamson selber nicht recht erklären. «Ich wollte immer in einer Band sein, die es wirklich wissen will, ohne Blendwerk, sondern mit harter Arbeit», erzählt er dem Schweizer Journalisten. «Da gibt es sonst nicht viel, darum sind wir wohl im Vorteil.» Was ebenso für den Antritt mit über vierzig gilt: «Die Industrie will einem immer weis machen, dass nur die Jungen die richtige Energie hätten. Doch dank des Kapitalismus’ in seiner letzten Steigerungsform haben die Nach-1990-Geborenen ein echtes Problem mit ihrem Kompass. Meine Generation erinnert sich noch an den Dreck.» Bitterbös verhöhnt er auf dem jüngsten Album Divide And Exit Hipster und sonstige Trendhasen: «Ich habe 10000 Leben mehr gelebt als diese Kids im Wunderland.»

Der lange Anlauf mit harter Arbeit explodiert gerade in überreifen Früchten des Zorns. Williamson ist nach frustrierenden Ausbrüchen nach San Francisco und London wieder zurück in den East Midlands. Auf den Strassen Nottinghams, mit ihren Textil- und Fahrradfabriken, spielte in den 1950er-Jahren Alan Sillitoes bahnbrechender Nachkriegs-Arbeiterroman Saturday Night And Sunday Morning. Damals war der junge Protagonist Fabrikarbeiter und lebte jedes verkaterte Wochenende nach dem Motto «Sauf und sei froh». In der verhassten Tretmühle, aber noch in einer Mühle. Heute hat die Unterschichtsjugend allenfalls wacklige Temporär- und Niedriglohnjobs und dröhnt sich mit Drogen und virtuellen Kanälen zu. Als «Samstag nacht und Sonntag morgen auf Crack» hat Jason Williamson sein früheres Leben beschrieben, ein Leben voller Suff, Rausch, Gewalt, kaputter Beziehungen und abgebrochener Jobs.

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Andrew Fearn, zuständig für die treibenden Bässe.

Zynische Prolls? Ja, schon, aber mit unvergleichlichem Einfallsreichtum und surrealistischem Hintersinn, Texte und Musik ein atemberaubender Cut-up. Allein der Name ein grandioser Witz, wie wenn sich hierzulande eine Band Kradolf Rockers oder Allschwil Posse (haha!) nennen würde: Williamson stammt aus Grantham, ausgerechnet aus dem todlangweiligen Ort, wo auch Margaret Thatcher herkommt, das nahe Bauernkaff Sleaford klang einfach besser. Mit Generationen von Mods haben sie höchstens noch den Stolz und die Wut gemeinsam, das Stilbewusstsein aber unterlaufen sie mit betont nichtssagenden Klamotten, vom Tanzclub sind nur ungelenke Bewegungen übrig.

Wohin das alles führt, muss offen bleiben. «Das vergessene Land läuft in der Wiederholung», singt Williamson im bestechenden Tiswas und will seiner Tochter nicht erzählen, dass «alles gar nicht wahr» sei und «alles den Bach herunterging». Wer noch auf Gerechtigkeit und Chancen für die Unterschicht hofft, glaubt an den «Gingerbread Man» (Lebkuchenmann). In welcher Stadt spiele keine Rolle, so Williamson: «Überall dasselbe, überall die gleiche Nichtwahl fehlender Möglichkeiten.» Im rabiaten No-Future-Fuck-off der Sleaford Mods revolutionäre Funken zu erkennen, ist ein Irrläufer. Vor politischen Slogans, wie sie manche Punks noch brüllten, hütet sich Williamson wie der Teufel. Wenn schon, ruft er den «Mittelklasse-Trendspottern» zu, sei er Anarchist. «Deine Ansichten an deinem Gig zu erklären, bedeutet mehr als kurz einem Verein beizutreten», sagt er zur WOZ. Über politische Aufbrüche macht er sich null Illusionen: «England ist ein Scheissloch und ist es immer gewesen. Wir haben uns in vieler Hinsicht unsere eigene Unterdrückung auferlegt. Ich will die von einer lähmenden Politik geknechteten Leute nicht beleidigen, aber in Sachen Aufstand hat dieses Land keine grosse Erfahrung.»

Robin Hood ist eine tote Legende, gefundenes Fressen für Touristiker und Werbetexter. Aber was ist mit Ned Ludd, dem Maschinenstürmer und Arbeiterführer im Nottingham des frühen 19. Jahrhunderts? Ach ja, winkt Williamson ab, der sei ein harter Brocken für die herrschende Klasse gewesen, aber alle seine Spuren seien getilgt. «Tatsächlich haben sie hier gerade ein Pub nach ihm benannt, mit verdammt hohen Bierpreise. Es ist einfach nur zum Lachen, Sackratten-England halt!»

Deutschland haben die Sleaford Mods bereits aus dem Häuschen gebracht, jetzt wartet die Schweiz, erste Fans wie Göldin, Bit-tuner, Guz oder Phil Hayes können nicht irren, und der Noise-Künstler Jake Lanz (Sudden Infant) ist bereits ein Verbündeter. Die Schweiz, im Juli ernsthaft gar das Blue-Balls-Festival in Luzern? «Ein Gig ist ein Gig», heisst es aus der Sleaford-Mods-Zentrale, «man muss den Krieg auf die Spielplätze der Reichen tragen.»

Konzerte:
Freitag, 23. Mai; TapTab Schaffhausen
Samstag, 24. Mai; Palace St.Gallen, mit Göldin und Bit-Tuner
Samstag, 19. Juli, Blue Balls Music Festival Luzern

Bilder: sleafordmods.com

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