Ein Mann sitzt im Glashaus und schreibt. Was er schreibt, kann man direkt mitlesen auf dem Grossbildschirm, der nach draussen gerichtet ist. Der Mann schreibt über das Theater und den Marktplatz. Das Glashaus ist ein Container und steht an dem Ort, über den der Mann schreibt.
So könnte die Regieanweisung gelautet haben für das, was sich am Donnerstagnachmittag im Container des Theaters St.Gallen auf dem St.Galler Marktplatz abgespielt hat. «Dramenprozessor» heisst das Autorenförderprojekt, welches das Zürcher Theater Winkelwiese seit vielen Jahren erfolgreich durchführt und das jetzt für einen Nachmittag nach St.Gallen in den Container disloziert ist – das Theater St.Gallen ist seit dieser Spielzeit Partner des «Dramenprozessors».
Die Besetzung des Marktplatzes
Autor Matthias Berger hat seinen Spontantext gut recherchiert: Er setzt bei den gescheiterten Marktplatzabstimmungen an und beim partizipativen Prozess «Forum Marktplatz», den die Stadt lanciert hat. Und beim Container:
Und hier steht jetzt ein Container. Ein Schiffscontainer. Der Theater-Container. Das Theater hat sich hier hin verfrachten lassen. Vom Rand der Stadt (von der andern Seite des alten Stadtgrabens) mitten ins Zentrum. Es will nämlich auch mitspielen. Von hier stammt es schliesslich, vom Marktplatz. Das wissen Sie vielleicht nicht mehr. Aber von 1857 bis 1968 stand es da, das Theater, wo jetzt die amerikanischen Hamburger auf drei Stockwerken verkauft werden, mitten in der Stadt. Welch ein Theater!
Was daraus wird, ist grotesk und so amüsant, dass sich auch die Schauspielerin Birgit Bücker ein Lachen nicht verkneifen kann, als sie den vollständigen Text dem Publikum prima vista vorliest.
Publikum gibt’s, wenn auch nicht sehr zahlreich: Ein gutes Dutzend Passanten bleiben stehen vor dem jetzt scheinwerferhell beleuchteten Container, Abendverkaufspublikum, das sich vom Theater für eine halbe Stunde verführen lässt und über Lautsprecher das Unerhörte hört, das sich Autor Berger ausgedacht hat.
Nämlich: Eines Tags nehmen die Alten das Ruder in die Hand. Hunderte, dann Tausende Rentner besetzen den Marktplatz, das «Tagblatt» hat seine Frontschlagzeile, der Sprecher der Aktion «Grelle Bettflucht» wettert gegen die Abschiebung ins Pflegeheim, gegen Arbeitsverbote, Bevormundung und die Tabuisierung von Alter und Tod.
Die Rollatordemo wird von der Stadt vorerst geduldet, auf dem Marktplatz wird geschlafen, in die Windeln geschissen und gestorben. Ein gewaltiger Ruck geht durch die Stadt, alle unterstützen die Alten, die Aktion nimmt internationale Dimensionen an, Flüchtlinge aus aller Welt kommen und helfen – bis zum abrupten Ende samt Theatertrick, hier im Originaltext von Matthias Berger:
Am nächsten Morgen – St. Galler Tagblatt; Frontpage:
Wo sind die Betagten vom Marktplatz? Wie sie gekommen sind, so sind sie verschwunden: Als die zahlreichen Helferinnen und Helfer aus der Stadt, dem Kanton und verschiedenen Teilen der Welt gestern Vormittag erwachten, waren die Demonstrierenden des Aktionskomitees «Grelle Bettflucht» wie vom Erdboden verschluckt. Die Bettlager waren leer, die Rollstühle und Rollatoren standen verwaist herum. Was ist geschehen? Für Ratlosigkeit sorgte vor allem ein immenser Kleiderberg in der Mitte des Platzes. Viele der Helfenden sind überzeugt, dass es sich dabei um Kleider der betagten Demonstranten handelt.
Am nächsten Tag – ein Obdachloser bei der Calatrava-Bushaltestelle:
Ich sag‘s euch: Ich hab die gesehen. Ich war ja wach. Ok – stimmt – ich war ein bisschen betrunken. Aber ich bin sicher. Wirklich, wirklich. Da stehen plötzlich all diese Leute auf dem Platz. Hunderte, tausende. Stehen zusammen, sagen kein Wort. So richtig unheimlich war’s. Und – ziehn sich aus. Und gehn zu diesem komischen Container da. Der da schon ’ne Weile rumsteht. Aber sagen kein Wort. Suchen rum, bei dem Container, bücken sich, suchen also irgendwas. Dann hält einer was hoch. Als ob er sagen will: «Ich hab’s!». Und dann sperrt der die Tür auf. Die haben also den Schlüssel gesucht. Und dann schleichen die da alle rein, in den Container. Und bumm – die Tür ist zu.
Was? Was? Ihr glaubt das nicht? Hey – ich hab’s gesehn. Ehrlich. Mit diesen Augen – hier, diesen Augen hab‘ ich das gesehn.
Experimentelles fürs «Laufpublikum»
Anja Horst, die Schauspieldramaturgin, sagt nach dem Ende der Vorstellung, was ihr am Container gefällt: Man erreiche damit ein «Laufpublikum», das nicht einfach so ins Theater ginge, und das sich gern und rasch in Gespräche und Diskussionen verwickeln lasse. Und: «Es macht einfach Spass, auch mal solche schnellen Formate zu schiessen.»
Diese Formate, das waren bisher, seit der Eröffnung des Containers am 6. Oktober, offene Proben, Improvisationstheater, Lesungen und Gespräche. Der Malsaal arbeitete einen Vormittag hier, die Direktion verlegte ihr Büro in den Container, Schauspielerinnen und Schauspieler verteilten Spontankomplimente an die Passanten, es gab Lyrik und Beziehungsdramen.
«Wir sind am Herausfinden, was funktioniert und was nicht», sagt Schauspieldirektor Jonas Knecht. Stille, unspektakuläre Szenen hätten es schwerer als Plakatives; so kam es vor einer Woche beim «Candle Light Diner» vor, dass zufällige Besucherinnen Freunde per Handy herbeitrommelten, weil ihnen der theatralische Beziehungsstreit im Glashaus so gefiel.
Je nach Tageszeit seien unterschiedliche Formen sinnvoll und erfolgreich. Am Mittwochmittag bei der öffentlichen Lese-Probe des Stücks Am Boden war das Publikumsinteresse mässig, abends beim Gespräch der Holocaust-Überlebenden Marianne Degginger mit Schauspielerin Diana Dengler war der Container voll und der Platz davor dicht besetzt. Nie käme das Theatermarketing so leicht wie hier an neue Abonnenten heran.
Der tägliche Betrieb von vormittags bis am Abend beanspruche das Ensemble stark – kitte es aber auch zusammen, sagt Knecht. Entscheidend ist für ihn aber die Wirkung des Containers als Schaufenster des Theaters in der Innenstadt – und umgekehrt, könnte man beifügen: Denn in den Scheiben des Containers kreuzen Busse und Trognerbahn, spiegelt sich das Gesicht der Stadt.
Will keiner in die Kiste?
Eine offene Kiste – erstaunlich, dass bisher sonst niemand Anspruch darauf erhebt, auch wenn das vom Theater selber nicht vorgesehen ist. Eine Kleinbühne wie diese findet man so schnell nicht wieder im Stadtzentrum. Keine Besetzungsgelüste? Keine basisdemokratischen Bedürfnisse, dem Stadtrat oder wem immer den Marsch zu blasen? Keine Zeit? Keine Lust, dem Theater ein Stück weit in seine Programmhoheit dreinzureden?
St.Gallen im Herbst 2016 scheint, bis jetzt, nicht der Ort zu sein, wo ein öffentlicher Container dazu animieren könnte, eigenen «content» einzubringen. Mag sein, dass die Vorstellung abschreckt, im Glashaus zu sitzen. Dass es dies riskiert hat und sich damit auch innerstädtisch exponiert, ist dem Theater St.Gallen hoch anzurechnen.
Der Container steht bis zum 23. Oktober auf dem Marktplatz, später dann auf dem Gallusplatz und an weiteren Orten.
Bilder: Jonas Knecht / Lorena La Spada / Su.
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