«Wir haben ein technokratisches, materielles Wertesystem geerbt»

Co-Working und Projektunterstützung: Zum 5. Geburtstag plant der Verein OstSinn verschiedene Anlässe zum Thema «enkeltaugliche Entwicklung». Stefan Tittmann und Andreas Koller erklären, was das für sie heisst.  

Von  Corinne Riedener

Was meinen Sie mit enkeltauglich?

Andreas Koller: Das heisst, dass ich bei Entscheidungen versuche, die Welt aus der Perspektive eines Kindes zu sehen, mir überlege, ob sie dazu beitragen, kommenden Generationen die Chancen auf ein gutes Leben zu erhalten. Schliesslich hat jeder Entscheid Auswirkungen – auf Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft.

Die drei Dimensionen der Nachhaltigkeit. Dasselbe mit anderen Worten?

Stefan Tittmann: Auch, aber weniger im Sinn eines konzeptionellen Gerüsts, sondern auf der emotionalen Ebene. Die Lebensfreude, Unvoreingenommenheit und die ständigen Fragen, die ich auch in den Augen meiner Tochter sehe, inspirieren mich. Enkeltauglich heisst für mich, auch an morgen zu denken, meine heutigen Entscheide nach bestem Wissen und Gewissen zu treffen und entsprechend zu leben.

Ist diese Enkeltauglichkeit auch «seniorenbestätigt», oder orientieren Sie sich vorwiegend nach unten?

Tittmann: Wir haben konkrete Projekte unterstützt, etwa den Aufbau eines Senioren-Netzwerks. Mittlerweile ist daraus ein Verein mit zwölf Angeboten pro Monat entstanden, inklusive Grosi-Vermittlung oder Computer-Support. Koller: Jede Generation hat etwas beizusteuern, und wenn wir jenen nach uns ein gutes Leben ermöglichen wollen, ist das konstruktive Miteinander von Jung und Alt zentral.

Was ist denn Ihrer Ansicht nach ein «gutes Leben»?

Koller: Wenn meine materiellen Grundbedürfnisse gedeckt sind, ich eingebettet bin in soziale Netze und ich meine Fähigkeiten einbringen kann. Damit das möglich ist, braucht es ein Gleichgewicht auf allen Ebenen; in der Familie, der Stadt, der Region und der globalen Gemeinschaft. Wie gehen wir mit der demografischen Verschiebung um, mit dem Nord-Süd-Gefälle oder dem Plündern von Ressourcen? Früher oder später tangieren die Auswirkungen uns ganz direkt, deshalb sind Ausgleich und Fairness eine wichtige Komponente.

Schöne Worte – wie engagiert sich OstSinn konkret?

Tittmann: Im Bereich der Infrastruktur beispielsweise mit fairem Kaffee, Ökostrom und ökologisch produzierten Drucksachen. Auf der Projektebene unterstützen wir diverse Angebote, beispielsweise die «Reparier-Bar», wo alte Sachen geflickt und aufgepäppelt werden.
Koller: Zudem bieten wir Nachhaltigkeitsbeurteilungen für Projekte an, hinterfragen, versuchen Optionen aufzuzeigen und zu sensibilisieren. Wichtig ist uns, undogmatisch und pragmatisch zu bleiben, denn es gibt kein Richtig oder Falsch – nur ein Immer-besser.

Dennoch benennen Sie konkrete Probleme wie soziale Ungleichheit oder Ressourcenknappheit. Werfen Sie den älteren Generationen vor, zu wenig an ihre Enkel gedacht zu haben?

Tittmann: Absicht unterstelle ich nicht, denn früher wusste man nicht um die Folgen gewisser Entwicklungen. Atommüll zum Beispiel: Dafür gibt es bis heute keine Lösung. Langsam wächst jedoch das globale Verständnis.
Koller: Wir haben ein sehr technokratisches, materielles Wertesystem geerbt, und es wird immer offensichtlicher, dass das nur die halbe Wahrheit ist, schliesslich ist alles begrenzt: der Planet, die Gesellschaft, die Wirtschaft. Andere Denkmuster müssen deshalb wieder mehr Gewicht bekommen.

Bewusste Gegensteuer?

Koller: Gewissermassen. Traditionelles Management etwa baut stark auf analytischen Methoden, Ratingsystemen und standardisierten Abläufen. Leider kommt dabei ein wichtiger Faktor zu kurz: der gesunde Menschenverstand. Er würde helfen, das menschliche Mass wieder zu finden …
Tittmann: … und Entscheide ganzheitlicher zu treffen. Auf der Baustelle oder in der Fabrik fehlt oft die Musse, sich solche Gedanken zu machen.

Ist OstSinn ein Stück Luxus?

Tittmann: Ich kam 1979 aus einfachsten Verhältnissen von der DDR in die Ostschweiz. Heute bin ich wahnsinnig dankbar für meine Lebensumstände, deshalb versuche ich, so viel wie möglich zurückzugeben.
Koller: Letztendlich ist es ein persönlicher Entscheid. Oft finden gerade Menschen, die eine ganz «einfache Arbeit» machen, pragmatische Wege, enkeltauglich zu leben. Ich habe auch einige Jahre gebraucht und für mich gibt es heute vor allem eine relevante Grösse: die Beziehung – zu sich selber, zur Umwelt und zur eigenen Tätigkeit. Deshalb entliess ich mich selber aus meiner «Einzelhaft» im Homeoffice und bin seit einem Jahr bei OstSinn.

Sie haben OstSinn vor fünf Jahren initiert, Stefan Tittmann. Wie ist Ihre Bilanz?

Tittman: Vor allem positiv, auch wenn es hie und da Rückschläge gab. Wir sind gut ausgelastet und haben wunderbare Projekte, wie etwa den Social Media Snack, mit auf den Weg gebracht. Zurzeit unterstützen wir gerade drei weitere Co-Working-Projekte in Wil, Rorschach und Altstätten.

Was hoffen Sie, werden Ihre Enkel einst über OstSinn zu hören bekommen?

Stefan: Dass wir eine ganze Reihe Ideen so unterstützt haben, dass viele neue Projekte daraus entstanden sind und wir uns dabei ständig neu erfunden haben. Und dass bei OstSinn lokale Antworten für globale Herausforderungen gefunden wurden.

Stefan Tittmann, links, 43, ist Aktuar und Initiant von OstSinn, Moderator und Gemeindeentwickler.
Andreas Koller, 56, ist OstSinn-Vorstandsmitglied, Begleiter für partizipative Prozesse und enkeltaugliche Projekte.
Jubiläumsauftakt «Wandel verstehen. Zukunft gestalten.» ist am 20. Februar von 13.30 bis 18.15 Uhr in der Migros Klubschule St.Gallen.
Infos zu weiteren Veranstaltungen gibts hier und hier.  

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