Kategorie
Autor:innen
Jahr

A wie Drill und Z wie Freiheit

Schule: Nein danke? Mit seinem neuen Dokfilm «Alphabet» kritisiert Erwin Wagenhofer das Bildungssystem, buchstabiert aber nur die Extreme.
Von  Peter Surber

Ins Rechnen versunkene, hoch konzentrierte Kinder: Was hier an der Mathematik-Olympiade im chinesischen Sichuan passiert, sei eine Tragödie, eine Erziehungsmethode komplett gegen die Natur des Kindes, sagt der Schulkritiker Yang Dongping. Das prüfungsfanatische Schulsystem seines Landes sei ein Desaster für Jugendliche: «Sie gewinnen am Start und verlieren im Ziel.»

alphabet_china2

Medaillengewinner Qu Pei

Die Prüfungsmaschinerie mache Chinas Kinder weltweit zu den Schülern mit dem stärksten Druck und dem geringsten Glücksgefühl. Davon erzählt auch das Gesicht von Qu Pei, dem die Kamera zu den militaristisch organisierten Klausuren und nach Hause folgt. Die Mutter gibt unerbittlich das Ziel vor: «Gewinn noch ein paar Medaillen mehr!»

«Ich konnte immer tun, was ich wollte.»

Die Gegengeschichte spielt in Frankreich, in der Familie des Malpädagogen Arno Stern: Dessen Sohn André ist komplett ohne Schule aufgewachsen – heute sehen wir ihn in seiner Gitarren-Manufaktur mit Leidenschaft am Arbeiten und hören ihn schwärmen über die glückliche Jugend, die er verbracht habe: «Ich konnte immer tun, was ich wollte.» Seine Tochter spielt währenddessen im blühenden Garten der Grosseltern zwischen den Blumenbeeten.

Der Film «Alphabet» zeigt: Drill nach chinesischer Art ist böse, Freiheit auf Stern-Manier ist gut. In den Extremen hat er damit natürlich recht. Bloss macht es sich Filmemacher Erwin Wagenhofer allzu einfach. Das beginnt bei der Wahl der Gesprächspartner: Gerald Hüther, Vortragsreisender in Sachen Hirnforschung und neue Pädagogik, wiederholt seit Jahren auf allen Kanälen die Einsicht, dass der «abgerichtete Mensch» keine Zukunft habe. Und dass die Schule jene Einrichtung sei, «wo man Dinge tut, die man überhaupt nicht braucht».

alphabet_andre

Gitarrenbauer André Stern

Arno Stern, der unermüdliche Mal-Anreger und Kinderfreund, propagiert das Spiel als die einzige «richtige» Lernform. Alles «Beigebrachte» ist ihm zuwider; unsere Schulen seien einzig darauf angelegt, die Menschen unzufrieden, unfrei und damit zu kaufwilligen Konsumenten zu machen. Irritierend ist dann allerdings, dass Stern beim Durchblättern von Zeichnungen, die in seinem Atelier entstanden sind, seinerseits dogmatisch wirkt und nur die nach seiner Meinung «freien» Bilder gelten lässt.

Polemische Zuspitzung als Markenzeichen

Plakativ prangert auch die Schülerin Yakamoz Karakurt den gymnasialen Leistungsdruck an. Thomas Sattelberger, Personalvorstand bei der deutschen Telekomm, beklagt die vielen unentdeckten Begabungsreserven in den Unternehmen. Schliesslich, als Stimme aus dem Off, gibt der Amerikaner Sir Ken Robinson das Motto des Films vor: 98 Prozent der Kinder kämen hochbegabt zur Welt – nach der Schulzeit seien es bloss noch 2 Prozent.

Das Drama des seiner Begabung beraubten Kindes: Damit setzt der österreichische Regisseur seine gesellschaftskritische Reihe fort, nach Filmen gegen den Nahrungsmittel-Irrsinn («We Feed the World») und über die Finanzwelt («Let’s Make Money»). Die polemische Zuspitzung ist sein Markenzeichen – in «Alphabet» findet sie ihren Höhepunkt in den Szenen aus einem Jungmanager-Seminar, wo auswechselbare Krawattenträger herangezüchtet werden.

alphabet_stern

Malpädagoge Arno Stern

Fehlende Zwischentöne

Der Komplexität des Themas Bildung kommt er damit jedoch nicht bei. So berechtigt die Kritik an Auswüchsen sein mag, so wenig berücksichtigt sie die Entwicklungen, welche Privat- ebenso wie Staatsschulen in den letzten Jahren zumindest bei uns gemacht haben. Von freien Schulen bis zum Lehrplan 21 geht es heute um differenzierten Unterricht, um individuelle Lernziele, Begabten- und Spezialförderung, um Orientierung an den Ressourcen der Kinder. Solche schulischen Zwischentöne interessieren Wagenhofer nicht.

Damit bleibt die Lern-Realität ausgeblendet, wie sie für die grosse Mehrheit der Kinder und Jugendlichen bei uns und anderswo auf dieser Welt gilt. Wagenhofers «Alphabet» kennt nur A und Z – die Buchstaben dazwischen fehlen. Anregungen zur Bildungsdebatte bietet der Film aber trotzdem.

In der Ostschweiz im Kino: Cinewil Wil: 5., 10., 18. und 25. März; Rosental Heiden 15./25. März; Kino Madlen Heerbrugg 5. März; TaKino Schaan 3./4. März; Loge Winterthur 3.-5. März

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4