behauptet zumindest ein kleiner Stadtführer, mit der Begründung, dass die bayrische Kleinstadt aus allen Himmelsrichtungen erreichbar sei, was jetzt nicht so speziell ist. Speziell ist dann aber die Hilfsbereitschaft im Bistro «Moritz» in der Altstadt; auf die Frage, ob es eine Raucherecke gebe, meint der Chefkellner: «Des gibt’s in ganz Bayern nich!» – «Und das ist auch gut so», gibt eine giftige Blondine mit eifrigem Nachdruck hinterher. Okay, ich war schon länger nicht mehr so stolz auf meinen Wohnort St. Gallen, Passanten äusserten sich letzte Woche gegenüber den «St. Galler Nachrichten» ja ziemlich tolerant in dieser Frage. Zum Städtevergleich muss man gerechtigkeitshalber bemerken, dass dafür die Memminger Altstadt noch vollständiger steht. Also Bayern – die «Monsters of Liedermaching» machen auf ihrer Frühjahrestournee einen Halt im Memminger «Kaminwerk», einem 1000-Personen-Saal, laut einer Taxifahrerin DER (einzige) Ort hier. Die Tourneen der Monsters führen im Zickzack-Kurs durch die Bundesrepublik, viele der Konzerte sind ausverkauft und die Fans kennen die Choreographien und «Monsters-Chöre» alle, auch hier in Bayern. In der Schweiz waren sie noch nie. Die Monsters sind ein Punkkabarett mit Stadionatmosphäre und Schwerpunkt Liedermaching. Das funktioniert so: sechs Songwriter (Fred, Labörnski, Pensen, Burger, Totte und Rüdi) sitzen mit Klampfe auf der Bühne und wechseln sich ab – die Refrains singen sie dann meist gemeinsam. Die, welche grad nicht singen, machen die Choreo; sie rudern, zeigen den Sitzpogo (ein gesellschaftskritischer Ausdruckstanz) oder erklären, wie man lautlos klatscht und grölt zur unverstärkten Schlussnummer. Ihr Programm ist abwechslungsreich; vulgär oder romantisch, punkig oder leise, poetisch, abstrakt oder prägnant. Das ist die Attraktivität an diesem Format, sechs sehr unterschiedliche Charaktere schreiben ebenso individuelle Texte und spielen verschiedene musikalische Stile. Das Songwriter-Kollektiv ohne identifizierbare Frontfigur umgeht so die Eintönigkeit, die gewissen Liedermacher-Konzerten eigen ist – die Monsters machen Party. Einer der Gruppe muss aber doch hervorgehoben werden: Der Konstanzer Rüdiger «Rüdi» Bierhorst ist Titelfigur und Grund für Götz Widmanns Stück «Mein Lied für Rüdi». «Rüdi mit den geilen Songs» widmet sich, seit er bei einer Berliner Versicherungsgesellschaft wegrationalisiert wurde, ganzberuflich der Musik. Wenn dessen ehemalige Arbeitgeber gewusst hätten, wie rationell sie damit der deutschen Songwriter-Szene geholfen haben… Lieder wie seine sind rar. In «Julia» zum Beispiel ist er sympathisch verwirrt, «Der kleine Brief» ist laut Liederbuch ein Selbsttherapie-Versuch, der die Vorzüge des Briefkasten-Öffnens beschreibt. Oder er zeichnet ein ironisches Bild von koksendem «Jazzmusikpublikum», und dann gehen seine Lieder auch noch ums Trinken – er wurde auch schon «Bukowski des Songwriting» genannt. «Die schönsten Frauen liess ich stehn, für einen Abend mit Rüdiger Bierhorst aus Berlin.. (Widmann)» – einen solchen Abend kann man im April dann auch in St. Gallen erleben:
7.4. Sven Panne & Rüdiger Bierhorst im Varieté Tivoli, Tivoliweg 5, St.Gallen
17.2. Das Pack (Pensen) im Club Vaudeville, Lindau
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache