Kategorie
Autor:innen
Jahr

Am Rand

Frau Fröhlich bringt die Solothurner Reithalle zum Lachen. «Weisst du, wie alt du bist?», fragt die Tochter ihre Mutter beim Zvieri-Kaffee. «Neunzig?» rät diese. «Nein, du bist doch schon 95!» «95?! Jesses Gott», die Mutter ist ehrlich schockiert. Sie ist ein bisschen taub und manche Dinge vergisst sie auch ganz schnell wieder, aber auf den […]
Von  Andrea Kessler , 

Frau Fröhlich bringt die Solothurner Reithalle zum Lachen.

«Weisst du, wie alt du bist?», fragt die Tochter ihre Mutter beim Zvieri-Kaffee.
«Neunzig?» rät diese.
«Nein, du bist doch schon 95!»
«95?! Jesses Gott», die Mutter ist ehrlich schockiert.

Sie ist ein bisschen taub und manche Dinge vergisst sie auch ganz schnell wieder, aber auf den Mund gefallen ist sie nicht. Frau Fröhlich sagt nein, wenn sie nicht mag, sie gibt ihr Hörgerät doch nicht schon um sechs Uhr abends ab, nur damit die Spitex-Frau es verräumen kann und am nächsten Tag nicht danach suchen muss. Sie will noch fernsehen. Und ins Altersheim will sie auch nicht. Sicher nicht.

Neben mir in der Reithalle, der Zufall will es, sitzt und lacht Marcel Gisler mit der Frau Fröhlich aus dem Film «Von heute auf morgen» (Regie: Frank Matter). Die 95ig-Jährige stiehlt sich einem auf so direktem Weg ins Herz, wie es gestern Abend Rosie aus Gislers gleichnamigen Film tat.

Gislers fiktive Rosie und die echte Frau Fröhlich – das wäre ein Dreamteam geworden. Nun aber treten sie gegeneinander an: Beide sind für den Prix de Soleure nominiert.

Marcel Gisler verrät im schnellen Plastikstuhlgespräch, dass er nicht vorbehaltlos bis in alle Nächte feiern konnte, weil er schon um neun Uhr zum Film-Brunch musste. Man hätte es doch um ein Uhr ansetzen können.

Mir ist es immer noch ein Rätsel, warum Spielfilme und Dokumentarfilme um denselben Preis buhlen müssen. Die Dokumentarfilme sind im Vorteil. Keine Geschichten berühren uns mehr, als echte Geschichten. Das hat sich auch schon heute Morgen bei den «Upcoming Talents» gezeigt.

Die Geschichte um den Herrn mit Alzheimer («Nach Hause», Diplomarbeit, Regie: Janos Menberg), dem die Welt nicht mehr zusammenpasst, der sein Pillenböxli mit einem Rechner verwechselt und krakelige Zahlen malt, ist eine starke Abschlussarbeit, aber bleibt doch ein gutes Stück hinter der Maturaarbeit «Schritt für Schritt» von Morris Samuel (auch die ist hervorragend umgesetzt) zurück, ein Dokfilm über eine alleinerziehende Mutter mit ihren drei Kindern. Am Ende wischen sich die Gäste Tränen aus den Augen. Echte Worte von echten Menschen – da hält kein Spielfilm Schritt.

«Von heute auf morgen» handelt von alten Menschen, die noch Daheim leben und sich ihrer Autonomie erfreuen. Altersheim? Kommt nicht in Frage! Und dann landet die eine oder andere doch dort. Echte Worte von echten Menschen, gegen geschriebene Dialoge und erfundene Charakteren? Trotzdem – «Rosie» wirkt länger nach, weil er mehr wagt, eine Aussage hat, nicht nur abbildet. Mir kommts auch so vor, dass lustige Szenen im Film «Von heute auf morgen» oft mit entsprechender Musik unterstützt werden. Das löst da und dort auch ein mulmiges Gefühl aus. Bin ich hier gerade eine alte Frau am auslachen?

Gleich im Anschluss an den Film über die alten Damen und den alten Herrn, geht es in der Reithalle  um jüngere Herren. Auch sie haben ihre Autonomie verloren. Auch dieser Film ist für den Prix de Soleure nominiert. Der Dokumentarfilm «Thorberg» von Dieter Fahrer öffnet Tore in eine unbekannte Welt: der Strafvollzug in der Schweiz.

Der Dokumentarfilm verzichtet auf eine erklärende Stimme aus dem Off, verzichtet auf eine Stimme der Behörden und fokussiert sich ganz auf die Häftlinge. Echte Worte von echten Menschen, aber ob diese wahr sind? In «Thorberg» erzählen sie ihre Geschichte, oder nicht. Sie erklären ihr Tun, oder nicht. Manchen glaubt man, manchen nicht.

Der grosse Manipulator Luca, der vom Teufel gerittene und Männlichkeitsfetischist Timothy, der überlegte Lette Janis, sie alle bekommen einen Platz für ihre Geschichte, können erzählen, ohne eine Wertung zu erfahren. Die passiert erst in den Köpfen der Zuschauer. Bei manchen wüsste man nicht, wie das je wieder gehen sollte mit der Freiheit, bei anderen wünscht man sich begleitende Wiedereingliederungsmassnahmen. Die scheinen zu fehlen.

«Thorberg» ist ein starkes Stück vorurteilsfreier Begegnung und ein persönlicher Gewinn: plötzlich sind da Fragen und längst gemachte, unhinterfragte persönliche Einstellungen auf dem Tisch – Meinungen  über jene Welt, Meinungen über jene Leute.

Bloss, wie ist es möglich, diesen Film mit «Rosie» zu vergleichen?

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
DSC9907 HDR WEB

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights