Frau Fröhlich bringt die Solothurner Reithalle zum Lachen.
«Weisst du, wie alt du bist?», fragt die Tochter ihre Mutter beim Zvieri-Kaffee. «Neunzig?» rät diese. «Nein, du bist doch schon 95!» «95?! Jesses Gott», die Mutter ist ehrlich schockiert.
Sie ist ein bisschen taub und manche Dinge vergisst sie auch ganz schnell wieder, aber auf den Mund gefallen ist sie nicht. Frau Fröhlich sagt nein, wenn sie nicht mag, sie gibt ihr Hörgerät doch nicht schon um sechs Uhr abends ab, nur damit die Spitex-Frau es verräumen kann und am nächsten Tag nicht danach suchen muss. Sie will noch fernsehen. Und ins Altersheim will sie auch nicht. Sicher nicht.
Neben mir in der Reithalle, der Zufall will es, sitzt und lacht Marcel Gisler mit der Frau Fröhlich aus dem Film «Von heute auf morgen» (Regie: Frank Matter). Die 95ig-Jährige stiehlt sich einem auf so direktem Weg ins Herz, wie es gestern Abend Rosie aus Gislers gleichnamigen Film tat.
Gislers fiktive Rosie und die echte Frau Fröhlich – das wäre ein Dreamteam geworden. Nun aber treten sie gegeneinander an: Beide sind für den Prix de Soleure nominiert.
Marcel Gisler verrät im schnellen Plastikstuhlgespräch, dass er nicht vorbehaltlos bis in alle Nächte feiern konnte, weil er schon um neun Uhr zum Film-Brunch musste. Man hätte es doch um ein Uhr ansetzen können.
Mir ist es immer noch ein Rätsel, warum Spielfilme und Dokumentarfilme um denselben Preis buhlen müssen. Die Dokumentarfilme sind im Vorteil. Keine Geschichten berühren uns mehr, als echte Geschichten. Das hat sich auch schon heute Morgen bei den «Upcoming Talents» gezeigt.
Die Geschichte um den Herrn mit Alzheimer («Nach Hause», Diplomarbeit, Regie: Janos Menberg), dem die Welt nicht mehr zusammenpasst, der sein Pillenböxli mit einem Rechner verwechselt und krakelige Zahlen malt, ist eine starke Abschlussarbeit, aber bleibt doch ein gutes Stück hinter der Maturaarbeit «Schritt für Schritt» von Morris Samuel (auch die ist hervorragend umgesetzt) zurück, ein Dokfilm über eine alleinerziehende Mutter mit ihren drei Kindern. Am Ende wischen sich die Gäste Tränen aus den Augen. Echte Worte von echten Menschen – da hält kein Spielfilm Schritt.
«Von heute auf morgen» handelt von alten Menschen, die noch Daheim leben und sich ihrer Autonomie erfreuen. Altersheim? Kommt nicht in Frage! Und dann landet die eine oder andere doch dort. Echte Worte von echten Menschen, gegen geschriebene Dialoge und erfundene Charakteren? Trotzdem – «Rosie» wirkt länger nach, weil er mehr wagt, eine Aussage hat, nicht nur abbildet. Mir kommts auch so vor, dass lustige Szenen im Film «Von heute auf morgen» oft mit entsprechender Musik unterstützt werden. Das löst da und dort auch ein mulmiges Gefühl aus. Bin ich hier gerade eine alte Frau am auslachen?
Gleich im Anschluss an den Film über die alten Damen und den alten Herrn, geht es in der Reithalle um jüngere Herren. Auch sie haben ihre Autonomie verloren. Auch dieser Film ist für den Prix de Soleure nominiert. Der Dokumentarfilm «Thorberg» von Dieter Fahrer öffnet Tore in eine unbekannte Welt: der Strafvollzug in der Schweiz.
Der Dokumentarfilm verzichtet auf eine erklärende Stimme aus dem Off, verzichtet auf eine Stimme der Behörden und fokussiert sich ganz auf die Häftlinge. Echte Worte von echten Menschen, aber ob diese wahr sind? In «Thorberg» erzählen sie ihre Geschichte, oder nicht. Sie erklären ihr Tun, oder nicht. Manchen glaubt man, manchen nicht.
Der grosse Manipulator Luca, der vom Teufel gerittene und Männlichkeitsfetischist Timothy, der überlegte Lette Janis, sie alle bekommen einen Platz für ihre Geschichte, können erzählen, ohne eine Wertung zu erfahren. Die passiert erst in den Köpfen der Zuschauer. Bei manchen wüsste man nicht, wie das je wieder gehen sollte mit der Freiheit, bei anderen wünscht man sich begleitende Wiedereingliederungsmassnahmen. Die scheinen zu fehlen.
«Thorberg» ist ein starkes Stück vorurteilsfreier Begegnung und ein persönlicher Gewinn: plötzlich sind da Fragen und längst gemachte, unhinterfragte persönliche Einstellungen auf dem Tisch – Meinungen über jene Welt, Meinungen über jene Leute.
Bloss, wie ist es möglich, diesen Film mit «Rosie» zu vergleichen?
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