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Auf den Berg hören

Dominique Margots Dokfilm Bergfahrt ist poetisch, lehrreich und bildgewaltig. Gut fürs Gemüt und dennoch brisant, denn in den Veränderungen der Berge spiegelt sich auch die globale Gegenwart.
Von  Corinne Riedener
Bergführerin Carla Jaggi und ihr Begleiter auf dem Weg auf den Eiger, zu dem sie ein spezielles Verhältnis hat. (Bild: Filmstill)

Die Leute suchen sich selber im Berg. Das Matterhorn bröselt. Berge sieht man nur von Weitem, je näher man kommt, desto mehr verschwinden sie. Wer auf den Berg geht, bewegt sich Schritt für Schritt weg von der Zivilisation. Man darf den Berg nicht vermenschlichen. Die Berglandschaft ist zum Hintergrundbild und zur Plattform für Events geworden. Jeder Berg klingt anders.

Solche und andere schwerwiegende Sätze sagen die Protagonist:innen in Dominique Margots neuem Dokfilm Bergfahrt – Reise zu den Riesen. Die Zürcher Regisseurin porträtiert darin verschiedene Forscher:innen, Bergsteiger:innen und Künstler:innen, die alle einen eigenen Zugang zu «ihrem» Gebirge haben. Sie kommen mit dem Mikrophon, mit Forschungsteams, mit Erinnerungen an Verstorbene, mit der Hiltibohrmaschine, mit Farbeimern, mit der Seilbahn oder einfach zu Fuss. Und auch wenn sie noch so hoch in die Einsamkeit steigen, so sind ihre Projekte dennoch eng mit uns «da unten» verbunden, denn in den Veränderungen des Bergs spiegelt sich auch die Gegenwart unserer Zivilisation.

Forschung mit allen Sinnen

Da ist zum Beispiel der Glaziologe Luc Moreau. Er misst seit Jahrzehnten die Bewegungen des Glacier de l’Argentière bei Chamonix. Dank des dortigen Elektrizitätswerks kann er auch «unter» den Gletscher wandern, wo er die Veränderungen der Wasserläufe und die Mikrofliessgeschwindigkeit des Gletschers untersucht. Alpine Gletscher seien wie «Laborgletscher», sagt er. Mit den hier gewonnenen Daten lassen sich auch Vorhersagen für die polaren Gletscher am Nord- und Südpol treffen.

Oder die Botanikerin Erika Hiltbrunner. Auf dem Furkapass leitet sie ein Forschungslabor für die alpine Pflanzenwelt. In einem Langzeitklimaexperiment untersucht sie das Wurzelwerk, in einem anderen beobachtet sie, wie sich einzelne Pflanzen mit den steigenden Temperaturen neue Standorte suchen. Alpine Pflanzen seien alles andere als fragil, sondern sehr anpassungsfähig und im Fall der Flechten sogar wahre Überlebenskünstlerinnen, erklärt die Botanikerin. «Die meisten alpinen Pflanzen haben die Eiszeit überlebt, darum sterben sie auch nicht einfach so aus, auch nicht jetzt mit dem Klimawandel.» Stattdessen gebe es Verschiebungen. Die Häufigkeit gewisser Arte nehme ab, manche würden überwachsen und da, wo sich der Gletscher zurückziehe, entstünden aus ersten Pionierpflanzen mit der Zeit neue, sogenannte
Klimax-Pflanzengesellschaften.

Bergfahrt – Reise zu den Riesen:
ab 9. Februar im Kinok St.Gallen

kinok.ch

Ein Forscher ist auch Claudio Landolt. Der Glarner Komponist und Autor ist seinem Haus- und Lieblingsberg, dem Vorderglärnisch, mit dem Mikrofon nachgegangen. Von ganz unten, wo noch Hirten und Schafe zu hören sind, immer weiter hinein und hinauf, bis es nur noch gluckert, grollt und klotzt. Mit seinen Field Recordings will er das Bergmassiv dekonstruieren, bis es sich auflöst. Ein Berg sei auch ein «kulturelles Volumen», sagt der Künstler, der auch ein Buch über seine Audioforschungen geschrieben hat.

Die anderen Protagonist:innen «hören» ebenso auf ihre Berge, sei es beim Besteigen, in der Forschung, aus finanziellen Gründen oder als Inspiration für eine Choreografie. Das führt auch zu skurrilen Szenen, etwa wenn ein ehemals topbezahlter Immobilien-CEO darüber philosophiert, dass das Geldverdienen nur eine Ablenkung von uns selbst sei, dann kurz seine Gehirnhälften ins Gleichgewicht meditiert und mit einer Antenne den Bovis-Wert, also die Menge an «kosmischer Energie» eines angeblichen Kraftplatzes misst.

Poetische Performance

Man muss kein Geomant sein, um den Bergen eine gewisse Magie zuzugestehen, wie es auch der sympathische pensionierte Parkwächter Luigi Oreiller aus dem Aostatal tut. Nicht von ungefähr kommen die unzähligen Legenden und Lieder, die Geschichten über Götter und Dämonen, die auf Bergen wohnen. Dieses Mystische, Unaussprechliche verkörpert im Film die japanische Tänzerin und Choreografin Chiharu Mamiya. Ihre Performances öffnen eine weitere, poetische Ebene, thematisieren aber auch ganz konkrete Aspekte, etwa den internationalen Massentourismus in den Alpen.

Dominique Margot ist mit Bergfahrt ein eindrücklicher Film mit atemberaubenden Bildern gelungen (Kamera: Simon Guy Fässler, Pascal Reinmann, Martin Hanslmayr und Thomas Senf), die mit dem Soundtrack von Marcel Vaid noch gewaltiger werden. Ihre Reise zu den Riesen ist ebenso sinnlich wie lehrreich. Was vor allem den reflektierten Protagonist:innen zu verdanken ist. Umso bedauerlicher ist es, dass diese im Film weder Namen noch Berufsbezeichnungen haben. Um mehr über sie zu erfahren, muss man das Presseheft zur Hand nehmen.

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