Die verheerende Tsunamiwelle von 2004 im indischen Ozean? Watte. Die Wasseroberfläche des Loch Ness, aus der das Monster «Nessie» auftaucht: Klarsichtfolie. Und die vermeintliche Mondoberfläche, in die sich der geschichtsträchtige Fussabdruck Edwin Aldrins 1969 eingräbt: Zementpulver.
Making of «AS11-40-5878» (von Edwin Aldrin, 1969), 2014. © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Mithilfe solcher Materialien bauen die Zürcher Fotografen Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger Aufnahmen, die sich ins kollektive Gedächtnis eingeprägt haben, als dreidimensionale Modelle nach und fotografieren diese anschliessend ab. Die Bilder zeigen nicht nur ein verblüffendes Abbild der ikonischen Vorlage, sondern auch das Drumherum, die Ateliersituation. Scheinbar wahllos liegengelassene Utensilien, Abfall und Notizen vermitteln den Eindruck, als sei die Arbeit gerade eben abgeschlossen worden. Über vierzig dieser raffinierten Spielereien sind in der Ausstellung «Double Take» in Winterthur zu sehen.
Making of «Tian’anmen» (by Stuart Franklin, 1989), 2013. © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Als forensische Detektive bezeichnen sich die beiden Künstler. Erst wird die Kamera fix positioniert, anschliessend bauen Cortis und Sonderegger die Szenerien vor der Linse nach – bis zu tausend digitale Bilder schiessen die beiden zum Abgleich von Modell und Vorlage, bevor sie mit dem Resultat zufrieden sind. Akribische Bildanalyse und Bastelei über mehrere Wochen oder gar Monate hinweg – und am Ende werden die Modelle zerstört.
Nichts für Eilige: Dekonstruktion und Rekonstruktion
Sascha Renner, Kurator der Ausstellung, erklärt seine Faszination für Cortis und Sondereggers Schaffen: «Die Arbeit ist raffiniert, humorvoll und tiefgründig zugleich. Sie lädt ein zu einem vergnüglichen Streifzug durch die Fotogeschichte, lässt uns aber auch immer wieder daran zweifeln, was unsere Augen sehen. Damit wecken diese Werke unsere Schaulust: Als Betrachter will man das Geheimnis des Making-ofs entschlüsseln, hinter die Illusion blicken.»
Making of «Le Grand Prix A.C.F.» (von Jacques-Henri Lartigue, 1913), 2016. © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Die Spurensuche in den grossformatigen Bildern fordert allerdings ihre Zeit. Man muss sich erst auf Zement und Leim, auf Unordnung und scheinbar unbedeutende Details einlassen können, bis Referenzen und Bezüge erkennbar werden. Beim Bild «Fall of Saigon» etwa ist neben Spraydosen, Materialresten und Klebern an den Wänden ein Zeitungsartikel zu sehen, auf dem das Original von 1975 abgedruckt ist. Am linken Bildrand sind weitere ikonisches Dokumente aus dem Vietnamkrieg erkennbar, darunter die weltbekannte Aufnahme des «Napalm Girl».
Manipulierbarkeit und Wahrheitsgehalt
In den Räumen der Fotostiftung werden die grossformatigen Bilder so gehängt, dass untereinander Dialoge entstehen; ergänzt werden sie mit kurzen Filmen sowie ausgewählten Utensilien. «Double Take» erweckt alte Ikonen zu neuem Leben, widmet sich aber auch weniger bekannten Werken. Die Serie sei eine Hommage an all jene Fotografen, deren Fotos sie verwendet haben – «auch an die, die nicht sonderlich berühmt sind und deren Fotografien vermutlich nicht als so ikonisch gelten wie die der anderen», so Adrian Sonderegger.
«Double Take» – 2. Juni bis 9. September
Sonderveranstaltungen: 17. Juni und 2. September: Künstlerführung mit Cortis und Sonderegger 27. Juni: Führung mit Gerhard Paul, zu Fragen von Authentizität und Ikonisierung.
Fotostiftung Winterthur
Kennengelernt haben sich die beiden an der Zürcher Hochschule der Künste, wo sie zusammen Fotografie studiert und 2006 abgeschlossen haben. An der Serie mit den ikonischen Bildern arbeitet das Duo seit 2012, die bereits an zahlreichen internationalen Festivals zu sehen war.
Warum werden sie nun auch in Winterthur gezeigt? Sascha Renner verweist dabei auf das Schlagwort des «Postfaktischen»: «Fotografien waren schon immer vielschichtige Bedeutungsträger, offen für Interpretation und Manipulation. Heute werden wir jedoch vermehrt mit Informationen konfrontiert, die schwer überprüfbar sind. Die Frage nach dem Wahrheitsgehalt von Fotografie stellt sich daher mit neuer Dringlichkeit. Das Werk von Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger lässt uns dies auf eindrückliche Weise erfahren.»
Dieser Artikel erschien zuerst im Winterthurer Kulturmagazin Coucou.
Making of «9/11» (von Tom Kaminski, 2001), 2013. © Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger
Das Naturmuseum St.Gallen eröffnet Mitte November zum zehnjährigen Bestehen seines Neubaus den Ausstellungsbereich «Mensch und Universum». Zwischen Klimakrise und Sternenhimmel geht es um eine ziemlich grosse Frage: Wo stehen wir eigentlich?
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Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
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Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
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Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
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Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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