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Bilder vom Verschwinden

Das Buch «Appenzeller Welten» versammelt Fotografien aus vier Jahrzehnten von Mäddel Fuchs sowie Porträts und Sachtexte kreuz und quer durchs Appenzellerland. Am 2. Oktober ist Buchvernissage mit Stobete.
Von  Peter Surber , 
Mäddel Fuchs: Stobete im Schäfli Trogen

«Und so berichten sie: Die Menschen in dieser Landschaft leben mehrheitlich dezentral und in alten Holzhäusern. Zu den meisten Häusern führt eine geteerte Strasse, es gibt fliessendes Wasser und Elektrizität. Die Behausungen der Tiere sind neuer und grösser als die Häuser der Menschen und oft gemauert. Daraus ist zu schliessen: Die Tiere müssen sehr wichtig sein.»

Die fremden Berichterstatter wundern sich weiter darüber, wie viele Maschinen jeder Bauer hat oder welch gewichtige Rolle das Feuerwehrwesen offenbar spielt im Land. Die Fremden: Das sind fünf Übersetzer aus China, die im Alpenhof in Oberegg AI ein Seminar besuchen. Der Schriftsteller Peter Weber hat sie dort getroffen und gibt ihnen das Wort in seiner kurzen Erzählung mit dem Titel «Vorderlandverstecke».

Mäddel Fuchs/Albert Tanner: Appenzeller Welten. 415,4 km2 im Universum, Verlag Hier und Jetzt Zürich 2016, Fr. 79.-.

Buchpremiere: Sonntag, 2. Oktober, 14 bis 20 Uhr, Zeughaus Teufen

Schillernde Persönlichkeiten

Webers Erzählung wirft den fremdesten und poetischsten Blick auf die Appenzeller Welten in diesem Buch. Er findet sich im dritten Teil des Buchs, im Kapitel «Kultur und Geschichte». Albert Tanner zeichnet darin die Wirtschafts- und Sozialgeschichte nach, Heidi Eisenhut porträtiert die Zellweger-Dynastie, Stephan Guggenbühl beschäftigt sich mit der Religion, Christian Schmid mit dem Dialekt, Hans Jürg Etter mit der literarischen Idyllik, Hans Hürlemann mit der Volksmusik.

Den Essays voran gehen im ersten Teil des Buchs Kurzporträts von 41 Persönlichkeiten aus beiden Appenzell – Gelehrte und Engagierte, Lebensreformer und Sonderlinge, Pionierinnen und Künstler von Emma Kunz bis zum Bölerebueb, von Baumeister Grubenmann bis Sprengmeister Signer. Die Porträts machen klar, wie eigenwillig und weltverbunden zugleich das Appenzellerland stets war und ist; dass die Herausgeber wie in alten Zeiten der Männerübermacht ein eigenes Unterkapitel «Aussergewöhnliche Frauen» gegenüberstellen, darin ist das Buch allerdings nicht ganz auf der Höhe der Gender-Gegenwart.

Die Macht der Traditionen

Im Zentrum stehen jedoch nicht Texte, sondern Fotos. Auf rund zweihundert Seiten bietet Mäddel Fuchs, der Fotograf vom Sommersberg, der zusammen mit dem Historiker Albert Tanner das Buch herausgibt, eine Retrospektive seiner innigen Beschäftigung mit der Heimat über vier Jahrzehnte. Die Bilder sind lose thematisch gruppiert, sie folgen dem Jahreslauf und sind begleitet von kurzen, gelegentlich launigen Legenden des Fotografen. «Noch ein paar Häge, es muss einfach sein», schreibt er zum Beispiel gegen Ende unter eines seiner legendären Zaun-im-Schnee-Stilleben – und erinnert damit an sein letztes Buch, den Foto- und Textband Hag um Hag.

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Mäddel Fuchs ist nicht auf Originalität aus, auf ungewohnte Blickwinkel oder schräge Optiken. Ihn interessiert die Realität, ihn interessieren die Menschen in ihrer alltäglichen Umgebung und in ihrer Landschaft. Dass dabei insgesamt das Bild einer traditionsverhafteten und noch sehr ländlichen Region dominiert, mag zum einen am Blick zurück bis in die 1970er Jahre liegen, zum andern aber auch am Bedürfnis, festzuhalten, was teils am Aussterben ist.

So dokumentiert das Buch alte Handwerkskunst, die Weissküferei, die Kräutergärtnerei der Nonnen vom Kloster Leiden Christi im Jakobsbad, den Hackbrettbau, es erinnert an die (abgeschaffte) Ausserrhoder Landsgemeinde, feiert Silvesterchlausen und Fronleichnam, Alpaufzug und Hinterländer Bloch, Bergheuet und Alpkäserei wie zu Grossvaters Zeiten oder die imposante Viehschau in Schwellbrunn (samt selbstironischem Kommentar des Fotografen: «Der Appenzeller Senn ist einfach ein tolles Sujet»).

Das tollste Sujet ist aber der Alpstein, den Mäddel Fuchs in all seiner Schönheit einfängt und am liebsten im Abenddunst, wenn er sein Geheimnis nicht ganz preisgibt.

Das Heute bleibt ausgeblendet

Die vielen Maschinen der heutigen Bauern und die riesigen Kuhställe, welche den chinesischen Übersetzern aufgefallen sind, findet man im Buch hingegen nur vereinzelt. Die heutige Hightech-Textilindustrie oder ein Postplatz-Openair kommen zwar vor – aber insgesamt blenden die Appenzeller Welten des Mäddel Fuchs die aktuelle Lebensart und die Belastung der noch immer weitgehend intakten Appenzeller Landschaft durch Touristenmassen, Pendler-Blechlawinen und Hüsli-Plantagen mehrheitlich aus. Seine Schwarzweiss-Bilder, begleitet von Gedichten des kürzlich verstorbenen Werner Lutz, erinnern und poetisieren das Bild einer im Verschwinden begriffenen Welt.

Die zwei beiliegenden CDs mit alter und neuer Appenzeller Musik, von Edelweiss bis Anderscht, von Alderbuebe bis Noldi Alder, bieten den passenden Soundtrack: Auch hier ist das Traditionsfundament stark, auch hier brechen aber zwischendurch neue Töne ein.

Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.

 

 

 

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

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Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

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Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

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Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

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01 Jakob Stutz 11 cut

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

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Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2