Kategorie
Autor:innen
Jahr

Fotografie als Waffe

Arbeitshände, Strassenelend, Rosen – und ein Akt, der Gesprächsstoff liefert: St.Gallen präsentiert die Fotografin und Revolutionärin Tina Modotti.
Von  Peter Surber

Man möge die Ausstellung nicht auf dieses eine Bild reduzieren, wünscht sich Kuratorin Isabella Studer-Geisser an der Pressekonferenz am Mittwochmorgen. Das eine Bild: die Nacktaufnahme von Tina Modotti, fotografiert 1924 von ihrem Lebenspartner Edward Weston. Vor Wochenfrist hat die Stadtverwaltung das Bild als Plakatsujet verboten – mit dem Argument, der öffentliche Raum solle nicht ohne Not zusätzlich sexualisiert werden.

modotti_Weston

Offiziell wartet die Museumsleitung weiterhin auf eine Begründung – von der Stadt kam bisher niemand auf sie zu. Auf saiten.ch wird das Nein der Stadt kontrovers diskutiert. Inzwischen hängt das modifizierte Plakat mit diskreterem Rückenakt, und protestieren wolle man gegen den Entscheid nicht, sagt Museumsdirektor Daniel Studer.  Im Saal im Obergeschoss des Historischen und Völkerkundemuseums St.Gallen, wo am Freitag die Ausstellung «Tina Modotti. Emigrantin, Fotografin, Revolutionärin» eröffnet wird, ist das streitbare Sujet ein Motiv unter vielen und eingeordnet in biographische Hintergründe zum Künstlerpaar Weston-Modotti.

Ironischerweise steht neben dem Bild ein Satz aus einem Brief, den Modotti im November 1926 an Weston schrieb: «Ich akzeptiere den tragischen Konflikt zwischen dem Leben, das sich dauernd ändert, und der fixierten Form (Fotografie), die sie unveränderlich macht.» Das Bild existiert, unveränderlich, tatsächlich seit inzwischen neunzig Jahren, es hat eine Geschichte von Bewunderung und Missbrauch hinter sich. Das «Leben» scheint sich allerdings, zumindest was die Provokationskraft des nackten Körpers betrifft, nicht sehr geändert zu haben von damals bis hier und heute.

Modotti_stadion

Rund sechzig Aufnahmen von Tina Modotti (1896-1924) umrahmen den Saal, der erstmals nach der Gebäudesanierung wieder für Ausstellungen genutzt wird. Sie stammen durchwegs aus den 1920er-Jahren und beleuchten thematisch geordnet die Schwerpunkte im Schaffen von Tina Modotti. Hände zum Beispiel: waschende Hände, Hände auf Schaufeln gestützt, Hände eines Puppenspielers. Oder Strukturen: Stufen im Stadion, Stofffalten, das Gewölbe eines Klosters oder die legendären Telegrafendrähte, die es bis auf eine Briefmarke geschafft haben und die zeigen, wie früh Modotti ihren Beitrag zur Ästhetisierung der Industrialisierung geleistet hat.

Zentral sind die Bilder der Revolution: Bananenarbeiter, Fischer, der Marsch der Campesinos, Armut und Elend, das Begräbnis getöteter Arbeiter 1928, die Stilleben mit Gitarre, Sichel, Patronengurt und Schreibmaschine, das millionenfach reproduzierte Bild der Frau mit Fahne von 1927. Ebenfalls beleuchtet wird die Wirkung Modottis auf Frida Kahlo und den Maler Diego Rivera oder die spätere Resonanz bei Pier Paolo Pasolini.

Modotti_Frau_mit_Fahne

Fotografie als Waffe, wie sie Modotti und ihre Mitstreiter verstanden haben: In der säuberlichen Rahmung und Hängung wirken auch die Revolutionsbilder ästhetisch, wohlgesetzt, perfekt. Ihre anklägerische Wirkung von damals, die schliesslich 1930 zur Ausweisung Modottis aus Mexiko führte, muss man sich dazudenken. Schade, dass solche Aspekte nicht reflektiert werden: die «Musealisierung» von dokumentarischer Fotografie, die Geschichtlichkeit und Befangenheit des Bilder-Blicks je nach Ort und Generation.

Dafür kommt verdienstvollerweise Modottis harte Kindheit im Friaul ausführlich zur Sprache. Originaldokumente zeigen die Armut im Land, welche die junge Tina 17-jährig zur Emigration in die USA getrieben hatte. Kuratorin Studer-Geisser, Präsidentin des mitbeteiligten Vereins Pro Friuli St.Gallen, ist überzeugt und weist in Bildvergleichen nach, wie sehr die harte Jugend im Friaul Modottis spätere soziale und künstlerische Arbeit vorgeprägt hatte.

Historisches und Völkerkundemuseum St.Gallen, ab 30. August bis 4. Januar 2015

Vernissage: Freitag 29. August 18.30 Uhr. hvmsg.ch

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V

«Ich ma­che das für al­le, die auf ei­nen Ent­scheid war­ten.»

Seit elf Ta­gen be­fin­det sich Ve­lat Ay­din vor dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in St.Gal­len im Hun­ger­streik. Im Ge­spräch mit Sai­ten er­zählt der Kur­de, wo­her er kommt und wes­halb po­li­ti­scher Ak­ti­vis­mus so wich­tig ist.

Von  Daria Frick
DSC 6579

Lus­ti­ges Mas­sen­ar­ten­ster­ben

Die St.Gal­ler Fest­spie­le sind vor­bei. Oper war in­door, draus­sen im Stadt­park spiel­te die End­zeit­ko­mö­die Pla­net B. Näh­me man die Bot­schaft des Stücks ernst, müss­te die Fest­spiel-Oper auch künf­tig res­sour­cen­scho­nend drin­nen blei­ben.

Von  Peter Surber
Festspiele planet b tanja dorendorf 1095

Zwi­schen Pon­gal und Turn­ver­ein

Sin­du­jan* lebt schon sein gan­zes Le­ben in der Schweiz. Die Ein­bür­ge­rung ist fast ab­ge­schlos­sen, war aber mit ho­hen Kos­ten und ei­nem un­an­ge­neh­men Ge­spräch ver­bun­den.

Von  Andi Giger
260707 Saiten 0807 08

Ei­ne kur­ze In­dus­trie­ge­schichg­te des Sit­ter­tals

Be­vor die Kunst Ein­zug hielt, war das Sit­ter­tal in­dus­tria­li­siert. Hier wur­de ge­stickt, ge­wirkt, ge­färbt, mer­ceri­siert – aber auch ge­streikt und ge­liebt.

Von  István Scheibler
260708 Sitterwerk Industriegeschichte Das Sittertal zu Zeiten der Motorenstickerei Rittmeyer Staatsarchiv W 054 51 D 8

Kolumne: Stimmrecht

Wer ist die ukrai­ni­sche Dia­spo­ra?

Von  Liliia Matviiv

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 2

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 2: Ki­nok-Open-Air, So­lar­ki­no, Chris­ta Nä­her – «Ex­cess», Li­ving Mu­se­um, Pool­bar Fes­ti­val, Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny und SP-Spa­zier­gän­ge. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps 7 The Long Seat

Wie ein Fisch im Was­ser

In der Kunst­ka­bi­ne bei der St.Le­on­hard-Brü­cke in St.Gal­len stel­len bis Sep­tem­ber vier Per­so­nen mit Be­ein­träch­ti­gung ih­re Kunst aus. Den An­fang macht Son­ja Lip­pu­ner mit ih­rer «Roll­stuhl­kunst».

Von  Roman Hertler
Whats App Image 2026 07 01 at 22 09 10

«Kul­tur ist nicht de­mo­kra­tisch, aber zen­tra­le Grund­la­ge der De­mo­kra­tie»

Die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len und die Stif­tung Sit­ter­werk strah­len weit über die Re­gi­on hin­aus. Fe­lix Leh­ner, Grün­der und Lei­ter der Kunst­gies­se­rei, Ge­schäfts­lei­tungs­mit­glied Till Jäck­li so­wie Pa­tri­cia Hart­mann, Co-Lei­te­rin der Stif­tung Sit­ter­werk, spre­chen im In­ter­view über die letz­ten 40 Jah­re, ak­tu­el­le Her­aus­for­de­run­gen und Zu­kunfts­plä­ne.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 01

«Schwei­gen gibt der Ge­walt Raum»

Ge­schlech­ter­spe­zi­fi­sche Ge­walt ist auch in Ap­pen­zell Rea­li­tät, und doch wird zu we­nig dar­über ge­re­det. Mit der Dis­kus­si­ons­ver­an­stal­tung «we­r­om – schwät­ze statt schwi­ige» lu­den drei jun­ge Ap­pen­zel­le­rin­nen zum of­fe­nen Aus­tausch über Ge­walt, Prä­ven­ti­on und Zi­vil­cou­ra­ge.

Von  Marion Loher
Werom 4

Wenn Hei­mat flim­mert

Hei­mat – ein viel­schich­ti­ger Be­griff. Das Kunst­mu­se­um St.Gal­len spürt ihm ge­mein­sam mit der Werk­samm­lung der Schwei­ze­ri­schen Post nach. Zu se­hen ist die ent­stan­de­ne Schau «Hei­mat­flim­mern» bis En­de Ok­to­ber in St.Gal­len.

Von  Lisa Steurer
Ausstellungsansicht stian Stadler 1

Jung­brun­nen für den Dom

Die St.Gal­ler Fest­spie­le la­den, nach der letzt­jäh­ri­gen Pau­se, wie­der zum Tanz in die Ka­the­dra­le. Cho­reo­graf An­to­nio Ruz und die Tanz­kom­pa­nie neh­men den Raum mit Re­spekt in Be­schlag – samt dem Klos­ter­platz.

Von  Peter Surber
Bildschirmfoto 2026 06 29 um 11 44 42

Der «Landesverräter» war gern am Fluss

Ernst S. und die Sit­ter

Von  Roman Hertler
2502 Max Butz 05

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 1

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 1: Open­air-Ki­nos, Bla­bla­bor – «Gue­ril­la Ra­dio», Mi­chail Pir­ge­lis – «HYLE», «Hei­mat­flim­mern», Kul­tur­fes­ti­val St.Gal­len, Le­on­ce und Le­na, Kunst­spa­zier­gän­ge und Mu­sik im «Flööz­li» so­wie Rund­gän­ge zum Blu­men­wies und zur Schwamm­stadt. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Happily Aging Dying

Musik im Rorschacherberg

Schloss­mu­sik von Big Band bis In­die

Von  Vera Zatti
Sommerbuehne by Night

Der Wi­der­stand der Ama­zo­nas­frau­en

In Kon­stanz gas­tiert der­zeit die Grup­pe As Ka­ru­a­na – ein po­li­ti­scher Frau­en­chor aus dem Ama­zo­nas. Sie zeigt mit ih­rer Mu­sik, ih­rem Tanz, ih­rer Kunst und ih­rem Wis­sen po­li­ti­sche Ré­sis­tance und kämpft für die Rück­erobe­rung ih­rer in­di­ge­nen Kul­tur.

Von  Veronika Fischer
AS KARUANA Gruppenfoto4