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Cognac, Agenten und verschollene Prostituierte

Wasserleichen sind gruselig, aber dahinter stecken oft seltsame Geschichten. Anlässlich der Bodensee-Sonderausstellung «Der gefährliche See» im Rosengartenmuseum in Konstanz sind wir einigen von ihnen nachgegangen.
Von  Harry Rosenbaum
Bergung einer britischen Lancaster aus dem See vor Steckborn. (Bild: Stadtarchiv Friedrichshafen)

Laut einer Zählung der Wasserschutzpolizei Friedrichshafen, die bis ins Jahr 1947 zurückreicht, sind seither an die 100 Ertrunkene im Bodensee nicht wieder aufgetaucht. Wo auf dem Seegrund sie ihre letzte Ruhestätte gefunden haben, bleibt ein nasses Geheimnis.

Ein Taucher will in den 1960er-Jahren einen dieser geheimnisvollen Toten in einem mit Cognac-Flaschen vollgeladenen Flugzeugwrack vor Friedrichshafen entdeckt haben. Wieder an Land konnte sich der Froschmann aber an den genauen Ort seiner mysteriösen Entdeckung nicht mehr erinnern. Dafür erzählte er einem Reporter die schaurige Geschichte von einem Kriegspiloten, der immer noch in seiner Maschine ausharre, als Skelett, den Steuerknüppel fest in seinen Knochenhänden haltend.

Die Suche nach dem «Cognac-Bomber»

Die Erzählung fand über die Presse virale Verbreitung. Taucher aus aller Welt kamen an den Bodensee und suchten nach dem «Cognac-Bomber». Ausser einer schwarzen Kiste, die ein Zielgerät der Wehrmacht für übungshalber abgeworfene Wasserbomben enthielt, wurde aber nichts gefunden.

Kurz vor Kriegsende soll aber der Legende nach ein rätselhaftes Flugzeug, angeblich eine zweimotorige Heinkel, mit geheimem Auftrag im Südwesten Frankreichs Richtung Obersalzberg in Bayern zur Führer-Residenz gestartet sein. Über dem Schwäbischen Meer schmierte der Wehrmachtsflieger dann aus unbekannten Gründen ab.

Fakt ist, dass die deutschen Besatzer auf ihrem Rückzug aus dem für seinen Weinbrand weltberühmten Städtchen rund 2000 Flaschen mit 100-jährigem Cognac abgezügelt hatten. Wenn die Flaschen wirklich im Bodensee auf Grund liegen, enthalten sie den wohl besten Tropfen der französischen Edelmarke. Die konstant tiefen Temperaturen am Seeboden sorgen nämlich für optimale Lagerungsverhältnisse.

Katastrophenalarm wegen des «Cäsium-Bombers»

Um einen ganz anderen Flugzeuginhalt ging es bei dem am 24. Januar 1994 vor Altenrhein abgestürzten «Cäsium-Bomber». Die Cesna 425 kam aus Deutschland und wollte auf dem St.Galler Regionalflugplatz landen. An Bord waren zwei Uran-Dealer aus Berlin, zwei tschechische Prostituierte, der Hamburger Pilot der Maschine und ein Pudel.

Nach mehrtägiger erfolgloser Suche des Bergungsteams platzte die deutsche «Bild»-Zeitung mit der Meldung heraus, in der Cesna würde sich hochradioaktives Cäsium befinden. Am Bodensee wurde Katastrophenalarm ausgelöst und das Abhängen von rund fünf Millionen Menschen von der Trinkwasserversorgung geplant.

Das Boulevardblatt sah dann aber schnell ein, dass es für die Steigerung der Verkaufsauflage mit der Fake-Meldung zu weit gegangen war und dementierte umgehend. Die Suche nach dem abgestürzten Flugzeug konnte auf geordnete Weise weitergehen. Das Wrack wurde schliesslich gefunden und die Leichen der beiden Uran-Dealer konnten geborgen werden, ebenso die Leiche einer Prostituierten und der tote Hund. Die Leichen des Piloten und der zweiten Prostituierten hingegen sind noch immer verschollen.

Keine toten Agenten im abgestürzten Helikopter

Eine andere Räuberpistole handelt von einem 1993 ebenfalls vor Friedrichshafen in den Bodensee abgestürzten Helikopter und vier hochrangigen saudi-arabischen Geheimagenten, die darin gesessen haben sollen. Die Maschine war auf dem Flug zur technischen Überholung nach Süddeutschland, versank aber aus unbekanntem Grund in den Fluten des Bodensees.

Aufgrund eines Ölflecks konnte der Helikopter schliesslich geortet und geborgen werden. Aber, oh Schreck, er war leer. Ob die Saudis auf schicksalshafte Weise zu Wasserleichen wurden oder ob sie, Inschallah, mit einem Schlauchboot an Land gelangen und wieder ihren geheimen Geschäften nachgehen konnten, bleibt ein Rätsel.

Ebenfalls 1993 spielte sich wiederum vor Friedrichshafen Seltsames in den Tiefen des Sees ab. Immer wieder klagten Fischer über zerrissene Netze, als ob hier unsichtbare Scheren am Werk waren. Polizeitaucher untersuchten den Seegrund und fanden ein grösseres Flugzeug-Wrackteil. Als sie an einer heraushängenden Leitung zogen, trat sogar Öl aus. Die Seeoberfläche an diesem Ort wurde aus Sicherheitsgründen für den Fährverkehr und die gesamte Schifffahrt gesperrt, weil ein Kriegsfluzeug auf dem Seegrund vermutet wurde, bei dem sich noch scharfe Bomben befinden konnten.

Von einer gesicherten Plattform aus hoben Spezialkräne das Wrack. Es stellte sich heraus, dass es sich lediglich um eine der beiden Tragflächen eines viermotorigen britischen Lancasterbombers handelte. Die Maschine erhielt im Anflug auf die kriegswichtige Industriestadt einen Treffer der Flugabwehrkanone (Flak) und sprengte sich mit den eigenen Bomben in tausend Stücke.

Am Ufer wartete während der Bergung ein Veteran der Royal Air Force (RAF). Mit dem dafür vorgesehenen Zeremoniell hätte er allfällige sterbliche Überreste seiner Kameraden entgegennehmen sollen, aber daraus wurde nichts, weil keine Überreste der siebenköpfigen Besatzung gefunden werden konnten. Einzig eine Herstellungsnummer an der Tragfläche führte unter Zuhilfenahme von Archivmaterial der RAF zu der Besatzung, die mit der Lancaster in den Tod geflogen war.

1957 wiederum stürzte vor Arbon eine Douglas DC-3 der Swissair in den Bodensee. Alle neun Besatzungsmitglieder, acht Flugschüler und ein Fluglehrer, kamen dabei ums Leben. Vier der Verunglückten konnten nicht geborgen werden und blieben im See. Grund des Unglücks war ein Strömungsabriss.

Industrieller spielte Kriminaltango – Gattin versenkt

1976 sorgte die deutsche Luxusjacht «Calypso» für Sensationsberichte in den Medien und langanhaltendes öffentliches Interesse. Vier Kilometer vor Romanshorn geriet das hochseetüchtige Schiff bei leichtem Sommerwetter in Vollbrand. Es sank sehr rasch.

Der damals 47-jährige Skipper, ein Industrieller aus Ulm, konnte gerettet werden. Seine 44-jährige Gattin jedoch versank mit dem Schiff im Bodensee und tauchte nicht wieder auf. Auch Jacques Piccard, der im Auftrag der Ermittlungsbehörden mit einem kleinen Unterseeboot nach der Frau suchte, konnte sie nicht finden. Bis heute fehlt von ihr jede Spur.

Der Industrielle wurde schliesslich von der Schwurgerichtskammer des Landgerichtes Ulm in einem mehrwöchigen Prozess ohne Leiche wegen Mordes und versuchten Versicherungsbetrugs zu einer langjährigen Gefängnisstrafe verurteilt. Das Gericht kam aufgrund widersprüchlicher Aussagen des Angeklagten und durch die Spurensicherungen auf der Jacht, die Tage nach dem Sinken gehoben werden konnte, zum Schluss, dass der Industrielle das Schiff unter Vortäuschung eines Unfalls selbst versenkt hatte und zuvor seine Frau umbrachte, weil sie sich angeblich von ihm habe scheiden lassen wollen.

Zu viele Tote am Teufelstisch

Auch Taucherinnen und Taucher müssen sich vorsehen: Im Überlingersee, dem nordwestlichen Teil des Bodensees, befindet sich ein todbringendes Naturphänomen, eine spitzige Felsformation, die dem Flachwasserbereich vorgelagert ist, der sogenannte Teufelstisch. Dicht unter der Wasseroberfläche endet die Felsnadel als flache Platte.

Eine grosse Herausforderung für Sporttaucher, die sich an verschiedenen Schwierigkeitsgraden ausprobieren wollen. Beim Hinuntergleiten an der Felssäule können die Froschmänner und -frauen auf Unterwasserwellen treffen. Sie treten sehr unregelmässig auf, können aber für die Taucher zu schnellem Absinken oder zu Auftrieb führen.

Einige verloren dadurch die Orientierung, bekamen Konzentrationsprobleme durch den Tiefenrausch und litten an Lähmungen aufgrund der Dekompression. Zwischen 1977 und 2011 starben am Teufelstisch isngesamt zehn Taucher. Dem Vernehmen nach konnten nicht alle Opfer geborgen werden. Seit 1994 gilt an dieser gefährlichen Stelle ein Tauchverbot.

Die Mona Lisa aus dem Wasser

Im Rahmenprogramm der Konstanzer Sonderausstellung «Der gefährliche See» referierte kürzlich die Anthropologin und Archäologin Carola Berszin über Wasserleichen. Warum nicht alle auftauchen, hat verschiedene Gründe. Dazu gehören die konstant tiefen Temperaturen, die ab 30 Meter unter Wasser herrschen.

Der gefährliche See – Wetterextreme und Unglücksfälle an Bodensee und Alpenrhein: noch bis 5. Januar 2020, Rosengartenmuseum Konstanz

rosgartenmuseum.de

Ertrinken ist eine Form des Erstickens in einer Flüssigkeit. Der Ertrinkungsvorgang dauert etwa drei bis fünf Minuten. Dabei wird Wasser eingeatmet und die Atmung setzt schliesslich aus. Vielfach bleibt der Leichnam unter Wasser. Er taucht erst dann wieder auf, wenn die durch die Leichenfäulnis entstehenden Gase den entsprechenden Auftrieb geben.

Bei tiefen Temperaturen wie im Bodensee setzt die Verwesung später ein als bei warmen. Es passiert wenig, der Leichnam kann lange Zeit unter Wasser bleiben oder gar nicht mehr auftauchen. «Nach 30 bis 40 Jahren sind die Ertrunkenen skelettiert», sagt die Wissenschaftlerin. «Es bleiben also nur noch Knochen übrig.»

Wieder aufgetauchte Wasserleichen, vor allem solche von jungen Frauen, hätten im 19.Jahrhundert gar zu romantischen Schwelgereien in der Malerei und in der Literatur geführt, weiss Berszin. Sie seien meistens blumenbekränzt dargestellt worden. Die wohl berühmteste Wasserleiche ist ein unbekanntes Mädchen, das 1890 bei Paris aus der Seine geborgen wurde. Es hatte ein mildes Lächeln auf den Lippen und wurde deswegen zur «Mona Lisa aus dem Wasser» emporstilisiert.

Die «Mona Lisa aus dem Wasser».

«Wasserleichen sind überhaupt nicht romantisch», sagt Berszin, die in der Gerichtsmedizin ein Praktikum absolviert hat. «Sie zeigen grosse Veränderung durch Treibverletzungen, etwa durch Schiffsschrauben, Algenbewuchs und Tierfrass.» Der Körper könne aber auch konserviert werden, etwa durch Fettwachsbildung, einer Versteifung der Körperfetts.

Langzeitwasserleiche gibt Fingerabdrücke

Wasserleichen aus dem Bodensee schaffen es sogar bis zum ZDF-Krimi. Man hat daraus eine fünfteilige Reihe gemacht: «Die Toten vom Bodensee». In der Folge Abgrundtief, die 2017 gedreht worden ist, geht es um die Leiche einer jungen Frau, die vor 15 Jahren im Alter von 17 im Schwäbischen Meer «entsorgt» worden sein soll. Sie hatte Trisomie 21.

Die Wasserschutzpolizei birgt die Tote. Ihre Fingerabdrücke geben Aufschluss über die Identität. Der Körper ist dank einer Wachsschicht praktisch unverändert. Sogar die Todesursache lässt sich mittels Obduktion feststellen: innere Verletzungen durch schwere Misshandlungen.

Die Wachsleiche scheint so ziemlich die gleiche Mär zu sein wie jene vom Skelett im «Cognac-Bomber». Aber wer verlangt denn schon, dass Krimis real sein müssen, Hauptsache, sie unterhalten. Und das können Wasserleichen vortrefflich.

Mehr zum «Seegrund, der Bodensee als Flugzeugfriedhof» in der 77. Ausgabe von Saiten vom August 2000.

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