Philosophische Workshops mit Kindern beginne ich stets mit der Frage, worüber sie oft und gerne nachdenken. Und meistens sind wir schon nach ein paar Minuten beim Tod. Manchmal nimmt das Gespräch ein paar Umwege über das Weltall, ein Haustier oder eine Geschichte vom Opa, aber überraschend schnell ist das Interesse immer und immer wieder bei diesem Thema.
In diesen Gesprächen herrscht dabei immer eine sehr lebhafte und interessierte Atmosphäre. Von Trauer, Bedrückung oder Angst ist wenig zu spüren. Mit Feuereifer wird diskutiert und spekuliert. Kinder wissen viel über das Sterben und stellen klare Aussagen in den Raum, die unverhandelbar sind: «Verbrannt werden ist doof», ist beispielsweise ein Satz, dem viele zustimmen.
Grosse Einigkeit herrscht auch bei dem Gedanken, dass der Tod nicht das Ende ist – man ist dann nur woanders. Dann aber gehen die Vorstellungen auseinander: Im Himmel? Im Paradies? Hier auf der Erde, nur in einer anderen Gestalt? Oder unsichtbar? Vielleicht aber auch in einer anderen Welt?
Auf diese Frage hat sich auch die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren 1973 eingelassen, ansonsten bekannt für eher heitere Geschichten wie Pippi Langstrumpf, Michel aus Löneberga oder Die Kinder von Bullerbü. In ihrem Roman Die Brüder Löwenherz beschreibt sie die Geschichte zweier Brüder, die beide sterben – der kleine Krümel an einer schweren Krankheit, sein Bruder Jonathan aufgrund eines Unfalls.
Sie kommen dann ins Land Nangijala, ein Ort voller Lagerfeuer und Pferderücken, wilden Bächen, grünen Tälern und kleinen Dörfern. Doch auch hier ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Das Heckenrosental wird bedroht von einer dunklen Macht: König Tengil sorgt mit seinem ungeheuerlichen Drachen Katla für Angst und Schrecken. Die Brüder brechen auf zu einer gemeinsamen Reise, um das Böse zu besiegen.
Die Brüder Löwenherz ist ein philosophischer Abenteuerroman. Astrid Lindgren hat dafür viel Kritik erhalten. Ein Vorwurf war, dass sie die Darstellung des Todes zu leichtfertig abhandle und eine Art Suizidempfehlung abgebe, frei nach dem Motto: Wenn es in dieser Welt, in diesem Leben, nicht klappt, dann eben in einem anderen.
Die Autorin erhielt aber auch zahlreiche Auszeichnungen für dieses polarisierende Werk. 1978 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und sprach sich im Rahmen ihrer Rede gegen Gewalt an Kindern aus, die bis dato als gängige Erziehungsmethode eingesetzt wurde. Auch für diese Ansichten erhielt die Schriftstellerin nicht nur Applaus.
Diesen Stoff nun also macht das Theater Konstanz zum Weihnachtsmärchen. Mit Besinnlichkeit und Lebkuchenfiguren hat das wenig zu tun. Das wird spätestens dann deutlich, wenn das Bühnenbild sich in die märchenhafte Welt Nangijalas verwandelt und wilde Gestalten im Ziegenpelz durchs Wurzelwerk galoppieren.
Die Brüder Löwenherz: bis 30. Dezember, Theater Konstanz theaterkonstanz.de
Da es sich um ein Stück für Kinder ab sieben Jahren handelt, habe ich die Premiere mit meinem Sohn Konrad besucht. Er geht in die zweite Klasse und kannte die Romanvorlage vorher nicht. Während er vollkommen in die Welt der beiden tapferen Brüder abtauchte, habe ich mir immer wieder überlegt, ob in der Inszenierung ein Bezug zur DDR hergestellt werden sollte – sollte es nicht. Somit erscheint es als wenig sinnvoll, die Inszenierung aus meinem erwachsenen Blickwinkel zu beschreiben.
Konrad, was hat dir denn am besten gefallen?
Der grosse Junge, Jonathan, weil er so cool und mutig war, obwohl er von einem Mädchen (Sylvana Schneider) gespielt wurde [was ein grosses Kompliment ist, von einem Siebenjährigen]. Krümel (Peter Posniak) war auch cool. Lustig und auch gruselig war der böse Ritter Tengil (Dan Glazer), weil er so eine komische Stimme hatte.
Und was war nicht so gut?
Richtig blöd fand ich, dass man den Drachen nicht gesehen hat. Der hätte mich interessiert. Aber der kam einfach nicht!
Wie hast du dir den denn vorgestellt?
Riesengross. Und schwarzrot mit blauen Strichen am Rücken und orange funkelnden Augen. Und riesigen Zähnen.
Wie hätten sie das denn machen sollen am Theater?
Das kriegen die schon hin. Die haben es ja auch geschafft, dass die Bäume plötzlich nach oben fliegen oder man denkt, dass überall Feuer ist, obwohl da gar keins war. Das war wie im Fernsehen, nur irgendwie besser. Dass sowas im Theater alles geht, wusste ich nicht!
Meinst du bei dem Hausbrand? Dabei ist Jonathan ja gestorben. Wie war das für dich?
Nicht schlimm. Es geht ja dann gleich weiter in dem neuen Land mit dem komischen Namen. Und da ist es ja dann voll schön und der Jonathan trifft seinen Bruder wieder.
Also ist es gar nicht so traurig, wenn man stirbt?
Doch, für die anderen ist es schon traurig. Für die Mama zum Beispiel, die war ja dann ganz alleine und hat auch geweint. Aber für den, der stirbt, ist es nicht traurig.
Ich wäre auch fürchterlich traurig, wenn du sterben würdest. Drum musst du ja auch immer gut aufpassen, beim Fahrradfahren und so.
Ja, ich weiss. Mach ich ja auch. Aber es wäre nicht so schlimm, wie du denkst. Wir würden uns ja auch wieder sehen.
In Nangijala?
Nein, im Himmel.
Okay. Und gibt es dort auch so böse Ritter wie in Nangijala?
Ich glaub nicht. Da ist alles schön.
Fandest du es gut, dass Jonathan und Krümel gegen den Ritter gekämpft haben? Oder hätten sie das besser nicht machen sollen?
Doch, das mussten sie machen, der hatte ja auch ihren Freund gefangen genommen, den mussten sie befreien. Aber ich fand blöd, dass sie gesagt haben, dass man ein Häuflein Dreck ist, wenn man nicht gegen das Böse kämpft. Ich bin kein Häuflein Dreck. Obwohl ich nicht gegen irgendwas Böses kämpfe, weil ja nichts da ist.
Ich glaube, sie meinten das so, dass man ein Häuflein Dreck ist, wenn man nichts unternimmt, wenn irgendwo etwas Ungerechtes passiert. Also wenn man nichts tut, obwohl etwas Böses da ist. Wenn man wegschaut und den anderen nicht hilft.
Ach so. Aber trotzdem ist kein Mensch ein Häuflein Dreck. Menschen sind immer Menschen. Dass sie kämpfen müssen, war ja auch schon klar mit dem Handzeichen, das sie immer gemacht haben. Das fand ich cool.
Das hat mir auch gut gefallen, auch wie sie dargestellt haben, dass sie reiten. So ganz ohne Pferde…
Ein Pferd gab es aber! Das war total lustig! Wie es den Salat gegessen hat… haha!
Fandest du sonst noch was lustig?
Nein, sonst war es mehr spannend. Vor allem der Schluss, als sie den Drachen besiegt haben.
Und fandest du es gruselig?
Nee, kein bisschen! Echt nicht. Nur manchmal kurz.
Meinst du, ihr schaut das auch mit der Schule an?
Nein, wir schauen Der Fischer und seine Frau an. Aber die 3. und 4. Klasse darf in Brüder Löwenherz. Ich würde da auch gern mit und es mir nochmal anschauen! Kann ich jetzt ein Video gucken? [tagtägliche Frage]
Nein, wir waren doch gerade im Theater.
Achso, stimmt! Das war genauso gut. [Eltern wissen, was das bedeutet…]
Fazit als Begleitperson: Die Brüder Löwenherz in Konstanz ist eine unkonventionelle Inszenierung des Klassikers und erfordert Bereitschaft zum Abenteuer. Wer ins Theater geht, um die Helden der eigenen Kindheit in Strumpfhosen und mit Prinz-Eisenherz-Frisur zu sehen, macht sich besser einen gemütlichen DVD-Nachmittag. Wer aber den eigenen Horizont öffnet für eine Neuinterpretation in einer Welt, die Videos beinhaltet, Handys, Computerspiele und Animationsfilme, die Lebensrealität unserer Kinder also, findet mit dieser grossartigen Inszenierung unter der Regie von Sara Ostertag eine Fortführung der eigenen Kindheit in einer neuen, modernen Facette.
Das ist der Zauber des Theaters und auch die Aufgabe, wenn es sich inmitten der Medienvielfalt, die unsere Kinder umgibt, positionieren will. Es gibt keine DVD, die solch eindrucksvolle Stimmungen schafft, wie das mystische Bühnenbild (Nanna Neudeck). Es gibt kein Playstationspiel, in welchem die Protagonisten nicht nur eine körperlich anspruchsvolle Performance an den Tag legen, sondern darüber hinaus Engagement zeigen, das Herzblut beweist (mein Favorit ist Devin Maier als veganes Berghain-Pony). Und es gibt wenige Youtube-Videos, die ambitionierte Choreographien mit warmherzigen Gesangstücken (Musik: Timm Roller) verbinden.
Das alles ist aber möglich: auf der Bühne. Wer das Publikum von morgen begeistern will, fängt so an!
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