Kategorie
Autor:innen
Jahr

Putz mini Flügel vorem Flug

«Alles isch anderscht» heisst das neue Programm der St.Galler Singer-Songwriterin Denise Lier alias Lalier. Es handelt vom Sterben, von der Liebe, der Musik und von einem Pony mit blauer Mähne.
Von  Corinne Riedener , 
Schreibt noch oldschool: Denise Lier (Bild: Raumsinn, Dani Fels)

Wenn Lalier singt, hilft auch der dickste Pulli nicht. Die Gänsehaut kommt, ob man will oder nicht. Wenn sie spielt und singt, öffnen sich Auf- und Abgründe. Lalier kanns zart und fragil, wütend und driftig, manchmal ganz simpel, aber immer frappant – ähnlich wie ihre Texte. Das ist wundervoll, pur, geht unter die Haut und tut deshalb manchmal auch weh. Nicht auf die katzenmusikalische Art, nicht salopp, eher wie feine Nadelstiche – wie das manchmal so ist, wenn die Wehmut übernimmt.

Arriverà la fine ma non sarà la fine

Der Proberaum. In der Mitte liegt ein alter Teppich, drum herum allerlei Gerät; Keyboards, Computer, ein Pult, ein Schlagzeug, drei Boxen, dazwischen Gewimmel aus Kabeln und Aschenbecher. Gemütlich ist es hier, aber auch schaffig. «Arriverà la fine ma non sarà la fine», steht mit Filzstift auf einem Fetzen Papier an der Wand; das Ende wird kommen, aber es wird nicht das Ende sein. Eine Textzeile aus Tiziano Ferros La Fine. Eine Durchhalteparole. Und ein Stück Realität. Auch ein Stück Lalier vermutlich, denn auch sie musste lernen: irgendwann kommt es, das Ende. Der Tod hat klaffende Lücken in ihrem Leben hinterlassen.

Rauch nur no schnell die Zigi
uf derä Stägä im Quarter
si git mir Zyt zum überlege
was i chönnt sägä – nochher bi dir.

So besingt Lalier den Weg zum Ende, zum fünften Stock im doofen Spital.

I chlopf a – wart churz ab – schnuuf tüüf i – und chum ie
s’Liecht isch dimmt – all die Schlüüch – gseh dass schloofsch – schliich zu dir.

Ihre Stimme ist so zerbrechlich wie ihre Haut dünn ist in diesem Moment. Und doch füllt sie den Raum, zittert nicht, schluckt nicht. Anders ich. Sind alle Tode ähnlich? Sind alle Väter ähnlich? Oder nur unsere?

Musik sei Transformation für sie und das Schreiben eine Art Therapie, sagt Lalier. «Ich kenne so viele Leute, die mit Tod und Verlust zu kämpfen haben – auch für sie habe ich dieses Lied geschrieben.» Was danach kommt, nach dem Ende? «Alles isch anderscht», sagt sie.

So heisst auch ihr neues Programm, das sie am 30. April erstmals zeigt: im Theater 111 im Grossacker, dem ehemaligen Kino Apollo, zusammen mit Veysi Terece (Bass), Lydia Potoczny (Akkordeon) und Joris Lutz (Schlagzeug) – eine anregende Bande! Geduldig, rauchend, von Notenblättern umringt sitzen sie in Laliers Atelier Schrägstrich Proberaum und feilen an Übergängen, Solis, Refrains. Dazwischen gibts Bier und einen Crash-Kurs über Lindy Hop, den Tanzstil aus den 1930ern, der gerade eine Renaissance erlebt. Und Muffins. Oder Farmer, je nach Hunger.

Das Pony, das Tipi und die Frage, woher es kommt

Für alle, die sich jetzt fragen: Nein, der Lalier-Liederabend wird keine traurige Angelegenheit. Denn wie gesagt: Das Ende ist nicht das Ende. Weil sowieso nichts beim Alten bleibt. Weil es immer und überall Anfänge gibt, Dinge, die in Bewegung halten. Musik zum Beispiel:

Und wenn i denn kei Wort me find
jo denn drucksch du für mi us
schnuuf i – schnuuf us
putz mini Flügel vorem Flug

Oder die Liebe:

Dir isch chalt – i gib dir warm – nimm di in Arm
und du – du lachsch und saisch: Aha!? Tuesch endlich wieder normal?
und i säg Jo und küss din Hals
well i gnau weiss dass dir da gfallt

Und dann ist da noch Laliers Pony. Es hat blaues Fell und kann Walzer tanzen. Und fliegen. So weit, bis das gemeinsame Tipi nur noch ein weit entfernter, kleiner Fleck ist. Eine versöhnliche, leicht surreale Nummer, von der Lalier «keine Ahnung» hat, wie sie entstanden ist. «Aber sie ist nunmal da», meint sie lachend, «damit muss ich jetzt umgehen.»

Lalier – Alles isch anderscht: 30. April, 20 Uhr, Theater 111, St.Gallen. Mehr: theater111.ch, lalier.ch

Das selbstgeschneiderte Squaw-Kostüm ihrer Oma, das Lalier kürzlich beim Aufräumen gefunden hat, passt wunderbar zu diesem Lied. Heute hängt es in ihrem Proberaum, gleich neben dem beigen Kachelofen hinter der Tür, auf der «Welcome home» draufsteht. Und ein bisschen fühlt es sich schon nach Heimat an, nicht das Atelier, sondern Laliers ganzes Drum und Dran, die Texte, die Melodien, die Ehrlichkeit.

Das mag jetzt abgegriffen tönen, aber so schwer Laliers Themen manchmal auch sind, so sehr kann man ihr Schaffen auch als Hymne ans Leben verstehen. Vermutlich ist es gerade diese Kombination aus Ernsthaftigkeit und Lust, die ihre Lieder zu dem machen, was sie sind: romantisch wie sau und doch niemals kitschig.

 

Dieser Text erschien im Aprilheft von Saiten.

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2

Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
2609 RIO Gerd Zikeli 01 IMG 1149

Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
DSC9907 HDR WEB

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights