Wenn Lalier singt, hilft auch der dickste Pulli nicht. Die Gänsehaut kommt, ob man will oder nicht. Wenn sie spielt und singt, öffnen sich Auf- und Abgründe. Lalier kanns zart und fragil, wütend und driftig, manchmal ganz simpel, aber immer frappant – ähnlich wie ihre Texte. Das ist wundervoll, pur, geht unter die Haut und tut deshalb manchmal auch weh. Nicht auf die katzenmusikalische Art, nicht salopp, eher wie feine Nadelstiche – wie das manchmal so ist, wenn die Wehmut übernimmt.
Arriverà la fine ma non sarà la fine
Der Proberaum. In der Mitte liegt ein alter Teppich, drum herum allerlei Gerät; Keyboards, Computer, ein Pult, ein Schlagzeug, drei Boxen, dazwischen Gewimmel aus Kabeln und Aschenbecher. Gemütlich ist es hier, aber auch schaffig. «Arriverà la fine ma non sarà la fine», steht mit Filzstift auf einem Fetzen Papier an der Wand; das Ende wird kommen, aber es wird nicht das Ende sein. Eine Textzeile aus Tiziano Ferros La Fine. Eine Durchhalteparole. Und ein Stück Realität. Auch ein Stück Lalier vermutlich, denn auch sie musste lernen: irgendwann kommt es, das Ende. Der Tod hat klaffende Lücken in ihrem Leben hinterlassen.
Rauch nur no schnell die Zigi uf derä Stägä im Quarter si git mir Zyt zum überlege was i chönnt sägä – nochher bi dir.
So besingt Lalier den Weg zum Ende, zum fünften Stock im doofen Spital.
I chlopf a – wart churz ab – schnuuf tüüf i – und chum ie s’Liecht isch dimmt – all die Schlüüch – gseh dass schloofsch – schliich zu dir.
Ihre Stimme ist so zerbrechlich wie ihre Haut dünn ist in diesem Moment. Und doch füllt sie den Raum, zittert nicht, schluckt nicht. Anders ich. Sind alle Tode ähnlich? Sind alle Väter ähnlich? Oder nur unsere?
Musik sei Transformation für sie und das Schreiben eine Art Therapie, sagt Lalier. «Ich kenne so viele Leute, die mit Tod und Verlust zu kämpfen haben – auch für sie habe ich dieses Lied geschrieben.» Was danach kommt, nach dem Ende? «Alles isch anderscht», sagt sie.
So heisst auch ihr neues Programm, das sie am 30. April erstmals zeigt: im Theater 111 im Grossacker, dem ehemaligen Kino Apollo, zusammen mit Veysi Terece (Bass), Lydia Potoczny (Akkordeon) und Joris Lutz (Schlagzeug) – eine anregende Bande! Geduldig, rauchend, von Notenblättern umringt sitzen sie in Laliers Atelier Schrägstrich Proberaum und feilen an Übergängen, Solis, Refrains. Dazwischen gibts Bier und einen Crash-Kurs über Lindy Hop, den Tanzstil aus den 1930ern, der gerade eine Renaissance erlebt. Und Muffins. Oder Farmer, je nach Hunger.
Das Pony, das Tipi und die Frage, woher es kommt
Für alle, die sich jetzt fragen: Nein, der Lalier-Liederabend wird keine traurige Angelegenheit. Denn wie gesagt: Das Ende ist nicht das Ende. Weil sowieso nichts beim Alten bleibt. Weil es immer und überall Anfänge gibt, Dinge, die in Bewegung halten. Musik zum Beispiel:
Und wenn i denn kei Wort me find jo denn drucksch du für mi us schnuuf i – schnuuf us putz mini Flügel vorem Flug
Oder die Liebe:
Dir isch chalt – i gib dir warm – nimm di in Arm und du – du lachsch und saisch: Aha!? Tuesch endlich wieder normal? und i säg Jo und küss din Hals well i gnau weiss dass dir da gfallt
Und dann ist da noch Laliers Pony. Es hat blaues Fell und kann Walzer tanzen. Und fliegen. So weit, bis das gemeinsame Tipi nur noch ein weit entfernter, kleiner Fleck ist. Eine versöhnliche, leicht surreale Nummer, von der Lalier «keine Ahnung» hat, wie sie entstanden ist. «Aber sie ist nunmal da», meint sie lachend, «damit muss ich jetzt umgehen.»
Lalier – Alles isch anderscht: 30. April, 20 Uhr, Theater 111, St.Gallen. Mehr: theater111.ch, lalier.ch
Das selbstgeschneiderte Squaw-Kostüm ihrer Oma, das Lalier kürzlich beim Aufräumen gefunden hat, passt wunderbar zu diesem Lied. Heute hängt es in ihrem Proberaum, gleich neben dem beigen Kachelofen hinter der Tür, auf der «Welcome home» draufsteht. Und ein bisschen fühlt es sich schon nach Heimat an, nicht das Atelier, sondern Laliers ganzes Drum und Dran, die Texte, die Melodien, die Ehrlichkeit.
Das mag jetzt abgegriffen tönen, aber so schwer Laliers Themen manchmal auch sind, so sehr kann man ihr Schaffen auch als Hymne ans Leben verstehen. Vermutlich ist es gerade diese Kombination aus Ernsthaftigkeit und Lust, die ihre Lieder zu dem machen, was sie sind: romantisch wie sau und doch niemals kitschig.
Dieser Text erschien im Aprilheft von Saiten.
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