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Es ist leichter, selber zu sterben

Im neuen Film des Rheintaler Filmemachers Thomas Lüchinger geht es um das, was wir alle tun und woran die meisten von uns nur ungern denken: das Sterben.
Von  Frédéric Zwicker
Sterbebegleiterin Elisabeth war früher Gymnasiallehrerin. (Bild: being-there.ch)

«Eines Tages werden wir sterben, Snoopy», sagt Charly Brown zu seinem Freund. «Ja, aber alle anderen Tage werden wir leben», antwortet Snoopy. Diese schöne Comic-Strip-Weisheit weist auf ein Faktum hin, das besonders in der westlichen Welt gilt: Der Tod ist eine Angelegenheit, die wir am liebsten vergessen, solange sie nicht unmittelbar aktuell ist. Es ist zwar der Tod, der dem Leben erst seinen Wert gibt. Aber das kann er auch als abstrakte, hintergründige Gewissheit, die sich nicht unbedingt ins Alltageslicht drängen muss.

Es gibt allerdings Menschen, bei denen das Sterben jeden Tag Thema ist: Sterbebegleiter, die todkranke oder alte Menschen betreuen, wenn deren letzte Reise kurz bevorsteht. Es geht nicht um Sterbehilfe, sondern um Begleitung in den natürlichen Tod. Thomas Lüchinger porträtiert in seinem Film Being there vier Sterbebegleiter, die ihrer Arbeit je auf einem anderen Kontinent nachgehen. Das ist interessant, weil es Einblick in Tod und Sterben in einem Drittweltland, einem Schwellenland und in der ersten Welt erlaubt.

Lernen vom Tod

Alicio Braz ist Brasilianer, Psychiater und Zen-Lehrer. Er bildet Sterbebegleiter aus und spricht nicht nur als professioneller Sterbebegleiter, sondern auch als Angehöriger, als persönlich Betroffener, der seine krebskranke Frau bis in den Tod gepflegt hat. In Kathmandu arbeitet die Nepalesin Sonam Dölma in einem Sterbe-Hospiz. In ihrem Dorf durfte sie sich als Frau keinen Kranken oder Sterbenden nähern. Ihre Angst im Umgang mit ihnen hat sie durch ihre Arbeit verloren.

Ron Hoffman wiederum hat in den USA eine Sterbebegleitungs-Organisation gegründet. Mehr als bei den drei anderen kommen bei ihm auch seine Patienten zu Wort. Einer von ihnen sagt einmal: «Es ist viel einfacher, der Sterbende zu sein, als ein Angehöriger des Sterbenden.» Und schliesslich ist da noch die ehemalige Gymnasiallehrerin Elisabeth Würmli, die eines Tages zu ihrem Mann sagte: «Ich verbringe keinen einzigen Tag mehr in der Schule.» Jetzt bereitet sie keine jungen Menschen mehr aufs Leben vor, sondern Alte und Kranke auf den Tod.

Der eigentliche Fokus von Being there liegt aber nicht auf dem Tod. Er liegt nicht einmal unbedingt auf dem Sterben, treten die Sterbenden in diesem Film doch nur am Rand auf. In erster Linie geht es um die Frage, wie wir Lebenden mit dem Sterben um- gehen. Was können wir vom Tod fürs Leben lernen?

Manche Erkenntnisse sind nicht neu. Alicio Braz etwa erzählt, ihm sei erst richtig klar geworden, was ihm seine Frau bedeutet habe, als sie gestorben war. Dass man, was man hat, erst schätzt, wenn man es eben nicht mehr hat, kann man von jedem zweiten Zuckersäckchen lernen. Dennoch schadet es nichts, es sich wieder einmal – und von glaubwürdigerer Seite – sagen zu lassen.

Thomas Lüchinger: Being There – Da sein. 
Premiere im Kinok in Anwesenheit des Regisseurs: 2. November, 20 Uhr (ausverkauft)
Weitere Daten: kinok.ch

Eines wird klar: Der Tod ist in vielfacher Hinsicht ein einschneidendes Erlebnis. Elisabeth Würmli sagt einmal: «Im Moment des Sterbens ist nichts mehr wichtig, was war. Was ein Mensch geleistet hat, wer er war, das wird nichtig. Es zählt einzig die Existenz.» Das sei der Moment vor dem Übergang in das, was komme, von dem niemand wisse, was es sei. Dass aber etwas kommt, scheinen alle vier Porträtierten zu glauben. Und das ist – je nachdem, was man selber glaubt oder nicht – etwas, was man diesem Film vorwerfen könnte. Es gibt keine spiritualitäts- und religionsbefreite Perspektive. Und teilweise wirkt das Gesagte oder Gezeigte auch selbstdarstellerisch.

Mehr Morphin, weniger Besuch

Dafür bietet und ermöglicht Being there reichlich Aussenperspektive. Einerseits den Blick auf unseren Umgang mit dem Sterben in der Schweiz, andererseits den Blick auf fremdländische Sterbekulturen.

Die Nepalesin Dölma erzählt von einem Kongress, den sie in Paris besucht hat. Im Westen würde viel mehr Morphin verschrieben als bei ihnen, sagt sie. Auch die Besuchszeiten in Spitälern und Heimen haben sie erschreckt. In ihrem Hospiz in Kathmandu werde sehr viel Wert auf die familiäre Betreuung gelegt. Angehörige können rund um die Uhr bei den Patienten sein.

Überhaupt wirkt der Tod in der nepalesischen Gesellschaft wie ein viel natürlicherer Teil des Lebens. Diese Natürlichkeit – und das ist eine erschrecken- de Erkenntnis, die dieser Film ermöglicht – scheint mit wachsen- dem wirtschaftlichen Erfolg abzunehmen. So fordert Alicio Braz denn auch eine neue «ars moriendi», eine enttabuisierte Auseinandersetzung mit dem Sterben.

 

Being there bietet indes nicht nur theoretische Denkanstösse, sondern auch praktischen Rat für alle, die mit Sterbenden konfrontiert sind. Alle vier Sterbebegleiter sind sich einig, dass Zuneigung, Aufmerksamkeit und Berührungen besonders wichtig sind. Man sieht in vielen Pflege- und Gesprächssituationen, dass sie das verinnerlicht haben und dass Patienten positiv auf Nähe und Zuneigung reagieren.

Alicio Braz sagt es so: Man sollte für jemanden, der bald stirbt, ein Gefäss sein, das alle Emotionen aufnimmt. Am meisten hilft man einem Menschen, dessen Tod nahe ist, indem man seine Ängste, seine Wut, die Verzweiflung und die Trauer annehmen und aushalten kann. Das ist eine schwierige Aufgabe für Sterbebegleiter. Noch viel schwieriger ist sie für liebende Angehörige. Und so versteht man dann auch Ron Hoffmans Patienten, der sagt, es sei leichter zu sterben, als einem Sterbenden dabei zuzusehen.

Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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