«Es ist meinem Vater gewidmet und beschäftigt sich mit allem und nichts und noch vielem mehr», schreibt Patric Daeppen alias Mattr über sein neues Album A Brief History Of Nothing, das Anfang November auf Anette Records in Zusammenarbeit mit Mism erschienen ist.
Sein Vater starb im Juni 2015 an einem bösartigen Hirntumor. Eineinhalb Jahre nach der Diagnose und nur wenige Monate nachdem Daeppen selber Vater wurde. Eine Zeit im Durcheinandertal, zwischen Leben und Tod, ersten und letzten Worten.
«Die neun Songs entstanden in irgendwelchen Nächten, in seltsamen Momenten der scheinbaren Stille, vor oder nach Trauer- oder Wutanfällen, vor oder nach dem Wickeln meines Babys, vor oder nach den Besuchen bei meinem vom Krebs gezeichneten Vater», sagt er. «Geprägt von Vaterfreuden, Sorgen und Ängsten. In Phasen zwischen absoluter Trauer und allumfassender Glückseligkeit. Zwischen Panikattacken und tiefster Euphorie.»
Dunkle und helle Momente
Mattrs Tracks heissen I Lost A World, A Funeral In My Brain oder You Have To Learn To Die. So düster wie man es vermuten könnte, klingen die Kompositionen aber nicht. Zumindest nicht düsterer als andere Mattr-Produktionen, etwa sein 2013 erschienenes Album I Ate Some Darkness. Oder sein melancholischer Beat zu Statik von Audio88.
Mattr: A Brief History Of Nothing, Vinyl (Sonderedition 100 Stück) und digital erhältlich.
Die neue Scheibe mag dunkel und drumlastig sein, hat aber auch helle Momente – und sie kommt wie schon die Vorgängerin praktisch ohne Vocals aus. Was gut ist, denn die Downtempo-Beats des Wahl-St.Gallers sind ungemein vielschichtig und kämen weniger gut zur Geltung, wenn auch noch darüber gerappt würde. Und im Moment will der im Bernbiet geborene Rapper und Produzent ohnehin nicht allzu viele Worte verlieren: «Ich nehme mich nicht mehr so wichtig wie früher. Und sind wir ehrlich: Irgendwann ist auch alles einmal gesagt und und du bleibst sprachlos zurück.»
Ein Patchwork der Gefühle
Gelungen sind Beats unter anderem dann, wenn man bei jedem Mal hören etwas Neues entdeckt. Auf A Brief History Of Nothing ist das definitiv der Fall: Hier eine Dissonanz, da ein orgelndes Echo, dort ein wogender Bass oder eine verdrehte Liebe. Und dazwischen immer wieder Streicher und Glocken.
«Die Tracks sind eine Art Patchwork», sagt Mattr. «Sie spiegeln meine damalige Gefühlswelt wieder, das Chaos der letzten Jahre.» Vielleicht hat er die Beats auch deshalb ständig verändert, überarbeitet, neu zusammengesetzt. Und von A bis Z selber produziert.
Vocals findet man trotzdem auf dem Album, beispielsweise eine von Mattr gesungene Strophe eines Gedichts von Emily Dickinson. Oder die Buchstaben G-L-I-O-B-L-A-S-T-O-M-A, wie man bösartige Gehirntumore im Fachjargon nennt. Mattr besingt die Krankheit seines Vaters fast wie in einem Kinderlied.
«Solche Brüche mag ich, dieses Spiel mit Erwartungen», sagt er. «Besagten Part habe ich an einem Abend eingespielt und eingesungen, nachdem ich meinen Sohn ins Bett gebracht habe. Das war einer der glücklichsten Momente während der Arbeit an diesem Album. Ich strahlte über das ganze Gesicht, tauchte komplett in meine Musik ein und buchstabierte dieses Wort immer und immer wieder, als ob ich damit den Krebs verschwinden lassen könnte.»
Tabuisierter Tod
Dying for Beginners, Track Nummer sieben, ist fast siebeneinhalb Minuten lang. Drei Videos gibt es dazu, produziert in Hamburg, von Dennis Dirksen. Und in zweien kommt eine Zahnbürste vor.
Im einen sieht man einen Mann, der ein letztes Bier trinkt und Zähne putzt, im anderen Video eine junge Frau, die sich herausputzt und Zähne putzt, allein durch die Strassen geht und wie der Mann einen einsamen Platz in der Natur sucht – um sich dann dort in einen Sarg zu legen.
«Mir gefällt dieses Absurde, das mit dem Zähneputzen», sagt Mattr. «Weshalb sollte man sich auch nicht die Zähne putzen, bevor man sich in einen Sarg legt? Wofür steht denn ein Sarg? Es ist eine Holzkiste. Nicht mehr und nicht weniger.»
Im Westen werde Sterben immer noch tabuisiert, sagt Mattr. Man habe Angst davor, sich mit dem Tod, mit der eigenen Vergänglichkeit auseinanderzusetzen. In anderen Kulturen gehe man offener damit um.
«In Japan beispielsweise planen und bezahlen die Leute ihre eigene Bestattung, um die Angehörigen nicht unnötig zu behelligen. Ich selber habe mich schon mehrfach gefragt: Kann man Särge eigentlich auch in der Schweiz probeliegen? Wir alle sind im Sterben so unglaublich ungeübt. Eventuell wäre das was für die Migros Klubschule. Sterben für Anfänger. Sterben for Advanced. Einen Master in Sterben. Ich würde mich sofort anmelden.»
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