Kaum ein Land schrumpft und altert so schnell wie der Inselstaat Japan. Fast ein Drittel der Bevölkerung ist älter als 65 und in kaum einem anderen Land ist die Geburtenrate tiefer. Dieser demografische Wandel stellt das Gesundheits- und Sozialsystem, die Arbeitsmärkte sowie die Gesellschaft als Ganzes vor grosse Herausforderungen. Hinzu kommen die seit Jahren stagnierende Wirtschaft und eine restriktive Einwanderungspolitik. Zu welchen Auswüchsen eine solche «Überalterungskrise» führen könnte, zeigt Chie Hayakawa eindrücklich in ihrem Near-Fiction-Spielfilm Plan 75.
Japan in naher Zukunft. Alten Menschen gegenüber herrscht eine feindselige Atmosphäre. Viele von ihnen müssen bis ins hohe Alter arbeiten, um über die Runden zu kommen, was auch heute schon so ist. Sie schämen sich, Sozialhilfe zu beantragen und machen es darum nicht. Auch eine Wohnung finden sie ohne fixes Einkommen nur schwer. Nach einem Massaker in einem Altersheim verabschiedet die Regierung den «Plan 75», das Recht auf Sterbehilfe für Menschen über 75, um die Überalterung zu bekämpfen. Wer sich dem freiwilligen «Programm» anschliesst, erhält eine einmalige Vorauszahlung von 100‘000 Yen zur freien Verfügung, umgerechnet einige hundert Franken.
Sicherheitscheck im Altersheim
Da ist Hiromu (Hayato Isomura), ein junger Verkaufsangestellter und Berater bei «Plan 75», der dank dieser Anstellung wieder Kontakt zu seinem Onkel knüpft. Da ist Maria (Stefanie Arianne), eine Pflegefachkraft aus den Philippinen mit einer kranken Tochter und akuten Geldsorgen. Und da ist die 78-jährige Michiko (Chieko Baisho), von ihren Freundinnen nur Michi genannt. Sie arbeitet in einem Hotel, lebt alleine, mag Pflanzen und Karaoke. Um diese drei Menschen webt Hayakawa ihre Geschichte, bis sie am Schluss eine Entscheidung über Leben oder Tod treffen müssen.
Chieko Baisho als Michiko
In der Schweiz ist das Thema Sterbehilfe lange nicht so tabuisiert wie in anderen Ländern, die Prämisse des Films allein dürfte hier also nicht für viel Aufsehen sorgen. Trotzdem zeigt die Regisseurin uns eine Dystopie. Das beginnt schon beim Sicherheitscheck im Altersheim, damit keine weiteren Gewalttaten passieren. Und viele Fragen, die Hayakawa stellt, sind gar nicht allzu weit weg von der Realität: Was bedeutet die rasende Vergreisung für die Pflegeberufe? Darf der Tod ein Geschäft sein, und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wie faschistisch ist eine Gesellschaft, die die Arbeitskraft über die Würde der Menschen stellt und alles Unproduktive eliminiert? Und kann man überhaupt von Freiwilligkeit beim Sterben reden, wenn die Menschen vom System dazu gedrängt werden?
Plan 75: im Kino Cameo Winterthur (ab 4. Mai), im Kinok St.Gallen (ab 5. Mai) und im Kino Rosental Heiden (13. Mai)
kinocameo.ch kinok.ch kino-heiden.ch
Michiko, das tragende Element
Solche Fragen schwingen mit, sie prägen jedoch nicht die Atmosphäre des Films. Er ist nicht polemisch oder moralisierend, zumindest nicht vordergründig, sondern oft zart und auf seine eigene Weise humorvoll. Hayakawa arbeitet mit langen Einstellungen, warmen Farben und stillen Details, das Ensemble spielt unaufgeregt und auf den Punkt, allen voran Chieko Baisho als Michiko, das tragende Element der Geschichte.
So erzählt Plan 75 auch von den schönen Seiten des Lebens; von neu geknüpften Generationenbanden, Frauenfreundschaften und den kleinen Freuden des Alltags. Wobei man trotz allem nicht vergisst, wie vergänglich diese sein können. Und wie fragil eine Gesellschaft ist, die ihre Alten entsorgt und ihre Jungen entmenschlicht.
Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.
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