Aktivismus und Sinnhaftigkeit, aber auch Altern und Sterben: Solche existenziellen Motive ziehen sich durch das Schaffen des Ostschweizer Filmemachers Thomas Lüchinger. Auch in seinem jüngsten Werk. Im Dokfilm Sound and Silence zeigt er ein Künstlerpaar, zwei selbsternannte Seelenverwandte, die zusammen alt geworden sind, ohne alt zu werden. Langsamer sind sie vielleicht geworden, weniger laut und umtriebig, aber sie sind auch mit bald 80 noch beneidenswert schaffensfreudig, aktivistisch und neugierig geblieben.
Shizuko (*1944) und Toshio (*1947) Orimo sprengten Konventionen, nicht nur jene der traditionsgeprägten japanischen Gesellschaft. In den 70er- und 80er-Jahren schlug das Improvisationsduo hohe Wellen mit seinem wilden Mix aus Punk, Jazz und elektronischer Musik. Als Voice-Artistin schrie sich Shizuko förmlich die Seele aus dem Leib, flankiert von Multiinstrumentalist Toshio, der sich im Film als der eher «weibliche und sanfte» Part bezeichnet.
Er habe die temperamentvolle Shizuko oft extra provoziert, damit sie während der Performance umso mehr explodiere, erzählt Toshio mit einem Lachen. Nicht selten wurden ihre Sessions auch als anstössig empfunden, als zu vulgär, zu sexuell aufgeladen. Shizuko schmunzelt bis heute darüber. «Wir hatten nie Geld», sagt sie augenzwinkernd. «Armut ist zwar keine Ausrede, aber so blieb halt Sex unser Hobby.»
Auch mit ihrem Lebensstil haben die Orimos polarisiert. Jahrelang war sie als Aktivistin auf der Strasse und er als Hausmann daheim. «Die gesellschaftlichen Probleme haben mich eben mehr gekümmert», erklärt Shizuko.
Toshio und Shizuko an einer Friedensedemo.
Für Sohn Sabu, 1990 geboren, war das ein Glück. Wenn er von der Schule kam, waren meist beide Elternteile daheim. Auch er macht Musik, spielt die traditionelle japanische Bambusflöte Shakuhachi, improvisiert gemeinsam mit seinen Eltern. «Vater hatte die Ideen, Mutter setzte sie um», sagt er einmal über die künstlerischen Prozesse seiner Eltern. Heute sind ihre Klänge eher meditativ.
10. März, 19 Uhr: Premiere in Anwesenheit des Regisseurs Thomas Lüchinger. Das Gespräch führt Anya Schutzbach, Japanologin und Leiterin des Literaturhaus St.Gallen.
kinok.ch
Mit Materialismus oder Kommerzialisierung konnten die Orimos noch nie etwas anfangen, genauso wenig wie mit traditionellen Geschlechterbildern. Diese Überzeugungen durchdringen den Film. Und die tiefe Zuneigung, die sie füreinander empfinden. Thomas Lüchinger porträtiert das freigeistige Paar mit ruhigen Bildern in Schwarzweiss, lediglich die Rückblenden sind in Farbe. Er lässt sie zurückblicken auf ihre Anfänge als Paar und als Künstler:innen, auf ihre gemeinsamen Entwicklungen und auf ihren Aktivismus, der bis heute ungebrochen ist.
Manchmal kommt Lüchinger schmerzlich nahe heran. Das ist nicht selbstverständlich angesichts der holprigen Entstehungsgeschichte des Films. Nach den ersten Dreharbeiten erkrankte Shizuko schwer und das Projekt stand auf der Kippe. Dann kam Corona und Lüchinger konnte nicht mehr reisen. Dass der Film trotzdem fertiggestellt werden konnte, ist auch Roger Walch zu verdanken, der für Bild und Ton mitverantwortlich war und Lüchinger einige Türen in Japan geöffnet hat. Der ehemalige Saitenredaktor und Regisseur ist vor 25 Jahren nach Japan ausgewandert (mehr von ihm im Februarheft von Saiten).
An den Solothurner Filmtage feierten auch zwei Dokumentarfilme von Ostschweizer Filmschaffenden ihre Weltpremiere: Sound and Silence von Thomas Lüchinger und Klassenverhältnisse am Bodensee von Ariane Andereggen.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.