Heilung gibt es für sie keine mehr. Aber trotzdem verliert die Patientin im Hospiz ihren Mut nicht: «Es chonnt guet, wie’s chonnt». Es ist ein berührender Moment zum Auftakt des neuen Films von Thomas Lüchinger, ein Moment der unerschütterlichen Zuversicht.
Zuversicht nennt der in Teufen lebende Filmemacher seinen Film schlicht. Schlicht ist auch die filmische Anlage, coronabedingt: In kurzen Szenen aneinander gereiht, äussern sich Frauen, Männer und Kinder zu ihrem Umgang mit Ängsten, ihren Hoffnungen, zu dem, was sie stärkt und auch Krisen überstehen lässt.
Hoffnung und Endlichkeit
Die Pandemie hat nicht nur formal auf den Film eingewirkt, sie war auch inhaltlich ein Auslöser – den Filmemacher interessiert, was gerade in unsicheren Zeiten den Menschen Hoffnung macht. Das schliesst an Lüchingers ebenso um existentielle Fragen kreisende Vorgängerfilme Being There – Da Sein und Paths of Life an.
Ein Wohlfühlfilm ist daraus jedoch nicht geworden. Gleich zu Beginn geht es ums Altwerden und Sterben; nach der Patientin im Hospiz sehen wir den 93jährigen Godi mühsam und dennoch heiter die Treppe hinuntersteigen, und Anita erzählt von ihrer Brustkrebsdiagnose, nach der sie sich die Zuversicht erst langsam wieder erarbeiten musste bis zur Einsicht: «Ich kann heil werden, auch wenn ich sterbe».
Godi Zesiger.
Es gebe keine Selbstverständlichkeiten im Leben, sagt Thomas, ein nächster Gesprächspartner, und schildert seine Erfahrungen «zwischen Zuversicht und Apokalypse». Auch Luxman, der Flüchtling aus Sri Lanka kennt die Angst – ebenso wie das Glück, das darin bestehe, Arbeit zu haben.
Ostschweizer Panorama
Lüchinger hat nicht nach schillernden Namen gesucht, sondern nach Expertinnen und Experten des Alltags. Einige kennt man aus der Ostschweizer Öffentlichkeit: den Choreographen Marco Santi, der sich nach einem Burnout neu orientieren musste; die Puppenspielerin Kathrin Bosshard, die mit ihren Tierfiguren zwischenmenschliche Abgründe mit Humor überwindet; die Tänzerin Claudia Römmel und ihre verfilmten «Wagnisse», die Klimaaktivistin Miriam Rizvi oder ETH-Professor Anton Gunzinger, die sich auf je eigene Weise dem Klimawandel mit Mut und manchmal mit Wut stellen.
Andere Porträtierte sind von Berufs wegen mit existentiellen Situationen konfrontiert: der Rettungssanitäter, die Hebamme oder die namenlos bleibende Frau, die als Sans Papier in St.Gallen wohnt und bloss eines wünscht: hier ohne Angst leben zu können.
Kathrin Bosshard.
Neben den Personen ist auch die Ostschweizer Landschaft ein Protagonist des Film. Der Corona-Winter, in dem Lüchinger gedreht hat, ist schneereich – teilweise liegt die weisse Pracht meterhoch und schafft surreale Landschaftsstimmungen. Der Schnee dämpft das Tempo des Films und verleiht ihm eine Ruhe, die selber schon wie ein erster Schritt zu einem Denken und Fühlen in Zuversicht erscheint.
«Sei was du bist»
Dazu tragen die Gedichte von Rose Ausländer und anderen Autorinnen bei, die der Schauspieler Philipp Langenegger in kurzen Einschüben liest, begleitet von Patrick Kesslers Kontrabass. Eine der berühmt gewordenen Formeln Ausländers, aus dem Gedicht Noch bist du da, könnte auch als Motto über dem Film stehen: «Sei was du bist / Gib was du hast».
Filmpremieren (ausverkauft): 17. Juni 18.15 Uhr und 20.30 Uhr, Kinok St.Gallen mit Thomas Lüchinger und Protagonist:innen des Films. Weitere Vorstellungen ab 19. Juni und im Juli.
kinok.ch
«Wer es könnte / die Welt / hochwerfen / dass der Wind / hindurchfährt» heisst ein anderes viel zitiertes Gedicht Ausländers. Filmemacher Lüchinger bleibt zwar auf dem Boden, aber hat die Gabe, die porträtierten Personen gelassen und natürlich so reden zu lassen, dass zwischen ihren Sätzen viel Raum bleibt für den «Wind» der eigenen Bilder und Assoziationen.
Gewidmet ist der Film den Jugendlichen Liv und Serafin, die sich erstmal am sperrigen Wort «Zuversicht» die Zähne ausbeissen, aber in ihrer Ernsthaftigkeit und ihrer Spielfreude die Botschaft dieses Films verkörpern. «Die zuversichtliche Generation» nennt sie Lüchinger im Vorspann.
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