Es ist die wohl grösste Beleidigung – oder neutraler gesagt: Herausforderung – des Lebens: dass der Mensch am Lebensende wieder aus seinem Körper heraus muss. Oft unter Leiden, Schmerzen, Qualen aller Art, manchmal auch friedlich, aber immer letztlich allein.
Wer es erlebt hat, bei Angehörigen oder erst recht an sich selber, zweifelt rasch einmal am Sinn dieses Leidens. Und wer es noch nicht erlebt hat, will möglichst nichts davon wissen. Weniger der Tod, aber das Sterben ist die vielleicht letzte grosse Tabuzone der Gesellschaft.
Und jetzt spielt das Theater St.Gallen in der Lokremise ein Stück mit dem Titel sterben helfen – wollen die Leute das überhaupt sehen?
Der «saubere» Tod
Der deutsche Autor Konstantin Küspert greift mit seinem vor drei Jahren uraufgeführten Text mitten in die Tabuzone und in die Debatten um Sterbehilfe und Menschenwürde hinein. In der Gesellschaft, die sein Stück entwirft, geht man dem Sterben rechtzeitig aus dem Weg. Jede und jeder Erwachsene hat den Inhalator mit dem tödlichen Cocktail griffbereit. Wenn es soweit ist, organisiert man seine Beerdigung, hält wie Lucys Mutter eine schwungvolle Abschiedsrede und tritt «in Würde» die letzte Fahrt ins Krematorium an.
Verständnislos: Der Vater (HansJürg Müller) drängt seine Tochter (Jessica Cuna) zum Suizid.
Bloss Lucy macht nicht mit. Sie ist jung, erfolgreich, schwanger, und dann die Diagnose: Krebs. Statt sich ins Unabänderliche zu schicken, rebelliert sie, nimmt Operation und Chemo auf sich, plagt sich und ihre Liebsten und den Arzt, den es zwischen gesellschaftlicher Norm und ärztlichem Dienstleistungsanspruch fast zerreisst, bis er sie zur Rede stellt: Sie sei «nur noch ein Kostenfaktor».
Wortlos berührend
Aus einem Stoff wie diesem könnte leicht ein abgehobenes Debattierstück werden. Oder ein sentimentales Rührstück. Die St.Galler Inszenierung vermeidet beides. Sie gibt den kontroversen Positionen zwar den nötigen Raum, aber Regisseur Manuel Bürgin interessiert nicht das Spektakuläre am Thema, sondern die individuelle Auseinandersetzung. Und so stehen auf der Bühne Figuren, denen man auch draussen im Leben begegnen könnte: Menschen, die das Sterben an ihre Grenzen bringt. Und die das Publikum auf diese Auseinandersetzung mitnehmen.
Am berührendsten ist dies, wenn die Worte ausbleiben. Lucy (Jessica Cuna) sitzt auf dem Stuhl in der Raummitte, lesend, der kleine Bell spielt unter ihr mit dem Stofftier, es ist ein seltener Ruhepunkt in der Aufregung der Krankheit. Sie zupft sich ein Haar, dann noch eins, realisiert erst nach und nach, dass das die Folgen der Chemo sind. Bell greift auch nach einem Haar, lässt es in der Luft tanzen. Dann unvermittelt die Verwandlung – unter den Haaren kommt die nackte Kopfhaut hervor.
Jessica Cuna und Fabian Müller, im Hintergrund Birgit Bücker.
Die Inszenierung schafft immer wieder und besonders zwischen Lucy und Trude (Anja Tobler) solche intimen Momente, wo nur noch die Gegenwart zählt und die Einsicht: Es ist, wie es ist. Szenen, in denen es nicht mehr um Ideologie geht, nicht um Sympathien für die trotzige Lebenslust des Vaters (der Tod, «das ist einfach die Wahrheit. Daran ist nichts, aber auch gar nichts traurig»), für die pragmatische Haltung des Arzts oder die trotz aller Überforderung bedingungslose Unterstützung durch Trude. Dann fallen einfache Sätze, aber sie klingen lange nach: «Wenn ich dir das abnehmen könnte, würde ich es tun. Das denkt man da. Sonst nichts besonderes.»
Am Ende wird das Leiden übermächtig und der Tod (in halb mütterlicher, halb bedrohlicher Gestalt) greift nach Lucy. «Und jetzt stirbst du, wahrscheinlich lang vor mir», sagt Trude. «Und unser Kind bleibt bei mir, allein. Das ist nicht schlimm. Nur furchtbar. Ich hab solche Angst. Aber es wird weitergehen.»
Überdurchschnittliches Interesse
Das klingt schwerer, als das Geschehen auf der Bühne tatsächlich wirkt. Dennoch: Wollen die Leute das sehen? Dramaturg Stefan Späti sagt auf Anfrage: Ja, sie wollen. Neue Stücke müssten sich immer erst herumsprechen – hier seien die bisher fünf Vorstellungen bereits überdurchschnittlich gut besucht gewesen, entgegen den anfänglichen Bedenken des Theaters, ob das ernste Thema nicht abschrecken würde. Im Publikum dominierten zwar die älteren Semester – «aber auch die Jungen kommen».
Weitere Vorstellungen: 15., 16., 25., 26. und 28. April, Lokremise St.Gallen
Publikumsgespräch: 16. April, mit Manuel Bürgin, Daniel Büche u.a.
theatersg.ch
Diese Woche geht die Vorstellungsreihe weiter, am Mittwoch samt einem Publikumsgespräch nach der Aufführung. Anwesend sind Regisseur Manuel Bürgin, der Leiter der Palliativstation am Kantonsspital Daniel Büche und Mitglieder des Ensembles. Büche sagt in einem Interview des Theatermagazins Terzett, wir müssten uns als Gesellschaft solchen Szenarien stellen, wie sie das Stück entwerfe. Seine persönliche Überzeugung sei allerdings: «Der Mensch darf nicht ökonomisiert werden.»
Es spielen Jessica Cuna, Anja Tobler, HansJürg Müller, Birigit Bücker, Marcus Schäfer und Fabian Müller.
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