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Und alles ohne Auferstehung?

Mit Covid 19 wird das Sterben öffentlich. Und damit die Einsicht, dass uns die früher selbstverständliche Perspektive über den eigenen Tod hinaus abhanden gekommen ist. Ein Essay des Philosophen Ludwig Hasler über die existentielle Dimension der Krise: das Sterben und das Nicht-sterben-Wollen.
Von  Gastbeitrag , 

Die Bilder vom Corona-Tod bleiben hängen. Wie in Bergamo Kolonnen von Armee-Fahrzeugen die Särge aus der Stadt bringen. Wie in New York Gabelstapler die Leichen zu Kühllastern fahren, die auf der Strasse parken. Hier in der Schweiz führt sich die Pandemie freundlicher auf, die Spitäler sind prima vorbereitet, Ärztinnen und Pfleger selten überfordert, Beatmungsgeräte gibt es reichlich. Dennoch möchten auch wir nicht so sterben, im Koma, auf Intensivstationen, maschinell beatmet, reduziert auf den hinsiechenden Körper, komplett isoliert, rigoros getrennt von Familie, Freunden, ohne deren Zuspruch, ohne Händedruck, ohne Abschied, ohne öffentliche Abdankung.

Wie möchten wir denn sterben – wenn überhaupt? «Im Grunde glaubt niemand an den eigenen Tod», sagt Sigmund Freud. Also leben wir, als lebten wir ewig. Es sterben ja stets die andern. Auch in der Schweiz sind es monatlich gegen 1200 Menschen über 65, die waren halt krank, alt, das ist normal, das passiert im Schatten der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Mit Covid 19 wird das Sterben öffentlich. Hier könnten alle drankommen, deren Immunkräfte schwinden, zumindest alle Alten. Wer über 80 ist, rechnet zwar klugerweise mit dem Tod, doch es gibt in der Schweiz 450 000 in dieser Risikoklasse, also muss mit drastischen Massnahmen verhindert werden, dass sie alle sich anstecken.

«Gesundheit über alles» ist eine bescheuerte Devise

Seither gibt es in Bern das tägliche Corona-Hochamt mit dem Bundesrat als Klerus, der die Gemeinde rituell einschwört auf die zehn Gebote in Pandemie-Zeiten. Über all den Geboten steht «Gesundheit hat Vorrang!». Also darf, wo sie gefährdet ist oder scheint, alles übrige eingesperrt oder stillgelegt werden. Hauptsache, gesund. Heisst so unsere neue Gottheit? Haben wir sonst nichts, was uns heilig wäre? Die Wirtschaft, klar, die fällt dann doch manchen ein. So entsteht der Streit um «Gesundheit versus Wirtschaft», wobei die meisten sich beeilen, der Gesundheit den Primat zu gönnen; das gehört sich offenbar so in alternden Wohlstandsgesellschaften.

Nur, als Primgöttin versagt Gesundheit sofort, nie hat sie gelernt, auf eigenen Füssen zu stehen, sie ist ein Geschenk günstiger Umstände. Trüben die Umstände ein, pausiert die Volkswirtschaft nur ein paar Monate, liegen wir schnell flach, seelisch wie körperlich, fallen in Armut, in Verzweiflung, zerrütten Familien, denken an Suizid.

«Gesundheit über alles» ist eine bescheuerte Devise. In der aktuellen Lage überdies heuchlerisch. Die kriegsähnliche Aufrüstung gegen das Virus soll ja die «Risikogruppen» schützen, oder nicht? Diese Gruppen aber, mehrheitlich so ab 75, sind eh nicht mehr gesund. Die meisten plagen sich mit chronischen Krankheiten, Herz- und Lungenleiden, Diabetes, Krebs, ohne ausgeklügelte Medizin wären sie gar nicht mehr am Leben. Covid 19 wirkt als rücksichtsloser Beschleuniger. Der Kampf gegen das Virus schützt also nicht die Gesundheit der Alten – er verlängert nur deren irdische Aufenthaltsfrist. Ein bisschen.

Konkret soll um jeden Preis verhindert werden, dass zum Beispiel ich – 75, lädierte Lunge – mich anstecke und jetzt sterbe, statt etwas später. Danke.

Wäre das denn das Schlimmste? Ich bin nicht lebensmüde, der Tod käme mir ungelegen. Doch um jeden Preis eine Zeitlang weiterleben? Das Leben draussen ausschalten, damit es mich und meine Risiko-Kollegen noch etwas länger gibt? Gilt da gar nicht Gesundheit als höchster Wert, sondern das nackte Leben? Und der Tod als Skandal, als das erschreckend Unvorstellbare? Doch warum? Können wir nicht sterben, weil wir in der säkularisierten Gesellschaft nichts haben, was über den Tod hinaus von Bedeutung ist?

Die sogenannt letzten Fragen (woher kommen wir, wohin gehe ich?) sind heute nicht mehr gross im Spiel. Antworten kennen wir ohnehin keine (ich auch nicht). Wir leben dahin, als gäbe es gar keine Fragen, wenn es ums Letzte geht. Schluss ist Schluss – fragt sich nur: Wie lange noch nicht? Korrekterweise dürfte gar nie Schluss sein, weil dann ist auch Schluss mit mir, und ich bin mir nicht nur der Nächste, ich bin mir das Wichtigste, das Zentrum meiner Welt, daran haben wir uns im Laufe der Moderne gewöhnt. Wenn das aber so ist, wenn es für mich nichts Bedeutenderes gibt als mich selbst, dann habe ich im Alter schlechte Aussichten. Medizin und Bundesrat mögen alles tun, damit wir noch eine Runde anhängen dürfen: Das Ich bleibt endlich, es schrumpft, es serbelt, es ist – letztlich – nicht zu retten.

Das vergessene Gespräch mit den Toten

Nein, keine Osterpredigt. Nur schwer stelle ich mir (meine) Auferstehung vor, die Ewigkeit danach erst recht. Dass aber der Tod einfach Päng macht – und danach ist nichts, damit müssen wir erst zurecht kommen. In allen Kulturen bisher war das Alter keine Endstation und das Sterben kein Abschluss, sondern ein Zwischenereignis, ein Übergang von der endlichen Existenz in eine andere, unbekannte. Darum war die Dauer des irdischen Aufenthaltes eher nebensächlich, Hauptsache, man hatte gute Karten für das Reich der Ahnen, für Walhall, fürs Paradies, für den Himmel.

Hokuspokus? Stets auch die Hoffnung, es gebe noch etwas Grösseres als unseren irdischen Betrieb. Die Erinnerung daran, dass es mehr Leben gibt, als wir gerade leben, die Bilder von Quellen der Kraft, der Lust, des Rätsels, des Rausches, der Stille, der Schönheit. Das konnte dem Alter eine Dimension eröffnen, gegen die jede Kreuzfahrt banal wirkt. Es brachte das Ich ins Gespräch mit der grossen Kolonie der Unsichtbaren, die uns beobachten, beurteilen, erwarten. Das Gespräch mit den Toten war in allen Kulturen unentbehrlich. Verbindung aufnehmen mit den Abwesenden, Abgetretenen, Unsichtbaren. Schon mal da anklopfen, wo wir alle demnächst uns finden werden. Eine Antenne für Transzendenz ausfahren.

So war es für meine Grosseltern, noch für meine Eltern. Und heute? Wer unterhält noch ein Verhältnis zum Unsichtbaren? Wem ist es egal? Wer vermisst es? Können wir gelassen alt werden ohne das Unsichtbare? Können wir – mit Epikur – sagen: «Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.» Tönt logisch. Bloss sah Epikur unsere Reaktion nicht voraus: Gerade weil wir im Tod nicht mehr existieren, fahren wir gegen den Tod stets gröbere Geschütze auf, damit wir am Existieren bleiben. Ohne metaphysische Dimension wird das Alter anstrengend.

Mit Corona wird Sterben wieder Schicksal

Mit dem Virus erst recht. Es setzt ausser Kraft, was wir dem Tod entgegensetzen: unsere Kontrollvernunft, vor allem die medizinische Kunst. Ihre Macht wirkt begrenzt, doch sie lässt uns immerhin vorstellen, wir könnten unser Sterben steuern. Den Krebs zum Beispiel «besiegt» sie keineswegs, den Krebstod schiebt sie stets erfolgreicher hinaus. Dito Diabetes, Herz- und Lungenleiden. In dieser Phase des Todesaufschubs hängen wir allerdings an Pharma und Spezialmedizin, die eigene Immunabwehr taugt nicht mehr viel. Genau da schlägt Covid 19 ein. Sie trifft die Immunschwachen – und damit unsere Hoffnung auf steuerbares Sterben.

Sterben wird wieder Schicksal. Das fällt leichter mit einer Perspektive über mich hinaus. Bin ich mir selbst das einzig Wertvolle, kann ich schlecht sterben, da mit mir ja alles verschwindet, woran mir liegt. Sehe ich mich jedoch mittendrin, als kleinen Akteur, in einem grossen Welttheater, kann ich getrost mal verschwinden – ohne mich vor der Frage «Glaubst du an so etwas wie das ewige Leben?» zu drücken: Klar. Muss ja nicht meines sein.

Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph, ist Autor des philosophischen Bestsellers Für ein Alter, das noch was vorhat (Rüffer & Rub, 2019, Besprechung hier). In CH-Media-Zeitungen hat Ludwig Hasler unlängst die gesellschaftlichen Tücken der Corona-Krise analysiert.

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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

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Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

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Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
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Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

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Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights