Die Bilder vom Corona-Tod bleiben hängen. Wie in Bergamo Kolonnen von Armee-Fahrzeugen die Särge aus der Stadt bringen. Wie in New York Gabelstapler die Leichen zu Kühllastern fahren, die auf der Strasse parken. Hier in der Schweiz führt sich die Pandemie freundlicher auf, die Spitäler sind prima vorbereitet, Ärztinnen und Pfleger selten überfordert, Beatmungsgeräte gibt es reichlich. Dennoch möchten auch wir nicht so sterben, im Koma, auf Intensivstationen, maschinell beatmet, reduziert auf den hinsiechenden Körper, komplett isoliert, rigoros getrennt von Familie, Freunden, ohne deren Zuspruch, ohne Händedruck, ohne Abschied, ohne öffentliche Abdankung.
Wie möchten wir denn sterben – wenn überhaupt? «Im Grunde glaubt niemand an den eigenen Tod», sagt Sigmund Freud. Also leben wir, als lebten wir ewig. Es sterben ja stets die andern. Auch in der Schweiz sind es monatlich gegen 1200 Menschen über 65, die waren halt krank, alt, das ist normal, das passiert im Schatten der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Mit Covid 19 wird das Sterben öffentlich. Hier könnten alle drankommen, deren Immunkräfte schwinden, zumindest alle Alten. Wer über 80 ist, rechnet zwar klugerweise mit dem Tod, doch es gibt in der Schweiz 450 000 in dieser Risikoklasse, also muss mit drastischen Massnahmen verhindert werden, dass sie alle sich anstecken.
«Gesundheit über alles» ist eine bescheuerte Devise
Seither gibt es in Bern das tägliche Corona-Hochamt mit dem Bundesrat als Klerus, der die Gemeinde rituell einschwört auf die zehn Gebote in Pandemie-Zeiten. Über all den Geboten steht «Gesundheit hat Vorrang!». Also darf, wo sie gefährdet ist oder scheint, alles übrige eingesperrt oder stillgelegt werden. Hauptsache, gesund. Heisst so unsere neue Gottheit? Haben wir sonst nichts, was uns heilig wäre? Die Wirtschaft, klar, die fällt dann doch manchen ein. So entsteht der Streit um «Gesundheit versus Wirtschaft», wobei die meisten sich beeilen, der Gesundheit den Primat zu gönnen; das gehört sich offenbar so in alternden Wohlstandsgesellschaften.
Nur, als Primgöttin versagt Gesundheit sofort, nie hat sie gelernt, auf eigenen Füssen zu stehen, sie ist ein Geschenk günstiger Umstände. Trüben die Umstände ein, pausiert die Volkswirtschaft nur ein paar Monate, liegen wir schnell flach, seelisch wie körperlich, fallen in Armut, in Verzweiflung, zerrütten Familien, denken an Suizid.
«Gesundheit über alles» ist eine bescheuerte Devise. In der aktuellen Lage überdies heuchlerisch. Die kriegsähnliche Aufrüstung gegen das Virus soll ja die «Risikogruppen» schützen, oder nicht? Diese Gruppen aber, mehrheitlich so ab 75, sind eh nicht mehr gesund. Die meisten plagen sich mit chronischen Krankheiten, Herz- und Lungenleiden, Diabetes, Krebs, ohne ausgeklügelte Medizin wären sie gar nicht mehr am Leben. Covid 19 wirkt als rücksichtsloser Beschleuniger. Der Kampf gegen das Virus schützt also nicht die Gesundheit der Alten – er verlängert nur deren irdische Aufenthaltsfrist. Ein bisschen.
Konkret soll um jeden Preis verhindert werden, dass zum Beispiel ich – 75, lädierte Lunge – mich anstecke und jetzt sterbe, statt etwas später. Danke.
Wäre das denn das Schlimmste? Ich bin nicht lebensmüde, der Tod käme mir ungelegen. Doch um jeden Preis eine Zeitlang weiterleben? Das Leben draussen ausschalten, damit es mich und meine Risiko-Kollegen noch etwas länger gibt? Gilt da gar nicht Gesundheit als höchster Wert, sondern das nackte Leben? Und der Tod als Skandal, als das erschreckend Unvorstellbare? Doch warum? Können wir nicht sterben, weil wir in der säkularisierten Gesellschaft nichts haben, was über den Tod hinaus von Bedeutung ist?
Die sogenannt letzten Fragen (woher kommen wir, wohin gehe ich?) sind heute nicht mehr gross im Spiel. Antworten kennen wir ohnehin keine (ich auch nicht). Wir leben dahin, als gäbe es gar keine Fragen, wenn es ums Letzte geht. Schluss ist Schluss – fragt sich nur: Wie lange noch nicht? Korrekterweise dürfte gar nie Schluss sein, weil dann ist auch Schluss mit mir, und ich bin mir nicht nur der Nächste, ich bin mir das Wichtigste, das Zentrum meiner Welt, daran haben wir uns im Laufe der Moderne gewöhnt. Wenn das aber so ist, wenn es für mich nichts Bedeutenderes gibt als mich selbst, dann habe ich im Alter schlechte Aussichten. Medizin und Bundesrat mögen alles tun, damit wir noch eine Runde anhängen dürfen: Das Ich bleibt endlich, es schrumpft, es serbelt, es ist – letztlich – nicht zu retten.
Das vergessene Gespräch mit den Toten
Nein, keine Osterpredigt. Nur schwer stelle ich mir (meine) Auferstehung vor, die Ewigkeit danach erst recht. Dass aber der Tod einfach Päng macht – und danach ist nichts, damit müssen wir erst zurecht kommen. In allen Kulturen bisher war das Alter keine Endstation und das Sterben kein Abschluss, sondern ein Zwischenereignis, ein Übergang von der endlichen Existenz in eine andere, unbekannte. Darum war die Dauer des irdischen Aufenthaltes eher nebensächlich, Hauptsache, man hatte gute Karten für das Reich der Ahnen, für Walhall, fürs Paradies, für den Himmel.
Hokuspokus? Stets auch die Hoffnung, es gebe noch etwas Grösseres als unseren irdischen Betrieb. Die Erinnerung daran, dass es mehr Leben gibt, als wir gerade leben, die Bilder von Quellen der Kraft, der Lust, des Rätsels, des Rausches, der Stille, der Schönheit. Das konnte dem Alter eine Dimension eröffnen, gegen die jede Kreuzfahrt banal wirkt. Es brachte das Ich ins Gespräch mit der grossen Kolonie der Unsichtbaren, die uns beobachten, beurteilen, erwarten. Das Gespräch mit den Toten war in allen Kulturen unentbehrlich. Verbindung aufnehmen mit den Abwesenden, Abgetretenen, Unsichtbaren. Schon mal da anklopfen, wo wir alle demnächst uns finden werden. Eine Antenne für Transzendenz ausfahren.
So war es für meine Grosseltern, noch für meine Eltern. Und heute? Wer unterhält noch ein Verhältnis zum Unsichtbaren? Wem ist es egal? Wer vermisst es? Können wir gelassen alt werden ohne das Unsichtbare? Können wir – mit Epikur – sagen: «Das schauerlichste Übel, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.» Tönt logisch. Bloss sah Epikur unsere Reaktion nicht voraus: Gerade weil wir im Tod nicht mehr existieren, fahren wir gegen den Tod stets gröbere Geschütze auf, damit wir am Existieren bleiben. Ohne metaphysische Dimension wird das Alter anstrengend.
Mit Corona wird Sterben wieder Schicksal
Mit dem Virus erst recht. Es setzt ausser Kraft, was wir dem Tod entgegensetzen: unsere Kontrollvernunft, vor allem die medizinische Kunst. Ihre Macht wirkt begrenzt, doch sie lässt uns immerhin vorstellen, wir könnten unser Sterben steuern. Den Krebs zum Beispiel «besiegt» sie keineswegs, den Krebstod schiebt sie stets erfolgreicher hinaus. Dito Diabetes, Herz- und Lungenleiden. In dieser Phase des Todesaufschubs hängen wir allerdings an Pharma und Spezialmedizin, die eigene Immunabwehr taugt nicht mehr viel. Genau da schlägt Covid 19 ein. Sie trifft die Immunschwachen – und damit unsere Hoffnung auf steuerbares Sterben.
Sterben wird wieder Schicksal. Das fällt leichter mit einer Perspektive über mich hinaus. Bin ich mir selbst das einzig Wertvolle, kann ich schlecht sterben, da mit mir ja alles verschwindet, woran mir liegt. Sehe ich mich jedoch mittendrin, als kleinen Akteur, in einem grossen Welttheater, kann ich getrost mal verschwinden – ohne mich vor der Frage «Glaubst du an so etwas wie das ewige Leben?» zu drücken: Klar. Muss ja nicht meines sein.
Ludwig Hasler, Publizist und Philosoph, ist Autor des philosophischen Bestsellers Für ein Alter, das noch was vorhat (Rüffer & Rub, 2019, Besprechung hier). In CH-Media-Zeitungen hat Ludwig Hasler unlängst die gesellschaftlichen Tücken der Corona-Krise analysiert.
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.