Endlich wieder schreiben, nachdem mir das tagelang unmöglich war; ich schreibe in dieser seltsamen Blase oder aus ihr heraus, hebe kurz den Kopf und schaue aus dem Fenster in den Garten unserer kleinen Genossenschaft. Vieles scheint hier auf dem Land wie zuvor, aber so fühlt es sich nicht an…
Wir wohnen mit Blick auf den Wald, in unserem Wohnzimmer keimen Broccoli & Blumenkohl und nun streckt auch der erste Fenchel seine Keimblättchen aus der Erde; ich wässere die Pflänzchen mit der bunten Giesskanne, mit der die Kinder für gewöhnlich in der Badewanne plantschen…
14 frischgedruckte Bücher stehen auf dem Kachelofen nebenan, verpackt in einem Karton; 14 Mal Was uns betrifft, mein zweiter Roman, der unlängst beim Zytglogge Verlag erschien, aber neuerdings wird mir unwohl, wenn ich die Bücher betrachte. Die Vernissage am Wortlaut: abgesagt. Auch alle weiteren Lesungen bis mindestens Ende April: abgesagt. Das bedeutet: kein Geld, kein Austausch mit Leser*innen, keine Gespräche mit Literaturinteressierten; vorübergehend keine Sichtbarkeit meiner jahrelangen Arbeit im stillen Kämmerchen…
Mit den Kindern im Garten; sie mischen Suppe aus Sandwasser & Primeln & wildem Schnittlauch; ein kühler Stein liegt in meiner Hand, ich platziere ihn neben dem Eimer mit dem sogenannten Unkraut; eben habe ich das Karottenbeet-in-spe umgegraben, zig Regenwürmer habe ich dabei entdeckt, einige leider auch zerhackt, ich hielt kurz inne bei jedem einzelnen, registrierte jede kleinste Bewegung…
Nextex: geschlossen. Kinok: geschlossen. Theater 111: geschlossen. Bibliothek in der Hauptpost: geschlossen. Comedia, Notenpunkt, Markwalder: geschlossen. Alle Konzerte, Lesungen, Theater- und Tanzaufführungen, Slams, Kunstvernissagen, Performances: abgesagt…
Zu Hause bleiben heisst: Zeit mit den Kindern. Zeit fürs Schreiben. Zeit für den Garten. Zeit, vom Estrich längst vergessene Bücher runterzuholen. Es heisst: aufräumen, betrachten, putzen, singen, denken, vergessen, denken, vergessen… hinhören, kochen, einmachen, innehalten, denken, vergessen, denken, vergessen… spielen, schrubben, schrauben; und ich muss auch noch loslassen,
loslassen loslassen loslassen
Geplantes aufgeben, mich ergeben, mich sortieren in dem was jetzt ist …
Zeit fürs Schreiben, Zeit für Vernetzung. Aus Affekt kontaktiere ich auf Facebook einen mir nur vom Namen her bekannten Autor, der Ende März ebenfalls seine Buchpremiere gefeiert hätte; wir kommunizieren ein wenig hin und her, tauschen uns aus über das, was ist und das, was noch sein kann, und ich staune, denn es kommt mir vor, als würden wir uns schon lange kennen; er schreibt mir: «fühle dich bei dir im Leeren…»
Ich fühle mich alt in dieser Leere. Bin gleichzeitig neu im Leeren, nicht zum ersten Mal, aber zum ersten Mal auf diese Weise. Versuche zu begreifen. Papierseiten zu füllen. Oder weiss zu lassen. Den Blick noch weiter zu heben: zu den Tannenwipfeln, zum blauen Himmel; ich höre das Johlen und Jauchzen der Genossenschaftskinder, die noch zu klein sind für die Schule, und denke: wenn die wüssten. Und freue mich, dass sie es nicht tun, dass sie nicht «wissen», dass sie sich tollen und raufen und lachen: jeden Tag im Garten vor dem Haus spielen!
Auf einmal auch eine neue Art von Zusammenhalt. Neue Blicke, neue Worte. Neue Ideen, die langsam keimen. Neue Freude an Altem auch: Wie schön wir leben! Wie nah der Wald! Wie toll, sind wir hier nicht allein! Jetzt ist es sehr laut in der Welt und auch sehr leise. Vertrauen in das «Leise» bedeutet: Vielleicht ist mein Buch doch sichtbar im Unsichtbaren, vielleicht gibt es mehr Leser*innen, die jetzt da drin sind, in der Romanlandschaft von Was uns betrifft, oder in sonst einem Roman; andere Menschen hören vielleicht Musik, singen oder tanzen, wippen zumindest mit dem Kopf…
Auch Rahel, die Protagonistin von Was uns betrifft, lebt in einer Art Stillstand, in einer Blase, auch wenn es eine ganz anderen ist als meine derzeit; Rahels Themen sind nicht Viren und ihre Auswirkungen auf unsere Gesellschaft, sondern die Frage nach dem Mensch- und Muttersein, nach Beziehungen und Familienkonstellationen; aber auch das sind ja Themen, die das Virus jetzt berührt, die Frage: Wie wollen wir beisammen sein? Und wie nah können wir uns kommen, sind wir getrennt …
Vertrauen auf die Bewegung. Sie geht zuerst nach innen, in die Ruhe und Zurückgezogenheit, und später wieder nach aussen. Es wird in den nächsten Wochen und Monaten Verschiebungen geben im Denken, Fühlen und Sein. Zwischenräume werden abgetastet werden, neue Möglichkeiten entdeckt. Wenn das alles vorbei ist, werden wir dastehen und uns anschauen. Und vielleicht – vielleicht ein kleines bisschen mehr verstanden haben …
Laura Vogt, 1989, ist in Ausserrhoden aufgewachsen und lebt in St.Gallen. 2016 erschien ihr Erstling So einfach war es also zu gehen, vor wenigen Wochen ihr zweiter Roman Was uns betrifft; die Buchpremiere war am 26. März am St.Galler Wortlaut-Festival geplant, die Besprechung online: saiten.ch/unter-der-haut.
Laura Vogt: Was uns betrifft, Zytglogge Verlag 2020, Fr. 31.90.
Gleich zwei Romandebüts von Ostschweizerinnen innert weniger Wochen und ein (fast) gemeinsamer Auftritt am Wortlaut-Festival: Mit Rebecca C. Schnyder und Laura Vogt betreten zwei junge Autorinnen mit Ambitionen die Bühne.
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.