Isuf Sherifi kennt beides: die Freiheit und das Gefängnis. Zweieinhalb Jahre sass er in Kosovo in Haft als politischer Gefangener, bevor er in die Schweiz kam. Aber auch hier, so schreibt der in Wittenbach lebende Autor in seinem Beitrag zur Geografie der Freiheit, gibt es unterschiedliche Freiheitsgrade. «Auch hier musste ich erfahren, dass die grösste Freiheit den alteingesessenen Bewohnern dieses Landes, den Eidgenossen vorbehalten ist.»
Die ganze Welt ein Gefängnis: Das ist das Bild, das der britisch-französische Schriftsteller John Berger (1926-2017) in seinem Essay Haftgenossen 2008 beschreibt, und dies ausdrücklich «nicht im metaphorischen, sondern im wahrsten Sinn des Wortes». Im Zeitalter der Globalisierung sei die Welt vom Finanzkapital beherrscht, dessen «Inhaftierungslogik» sich auf alle möglichen Zonen ausdehne, auf «Arbeitsplatz, Flüchtlingslager, Einkaufszentrum, Randzone, Ghetto, Büroblock, Favela oder auch Vorort». Produzenten wie Konsumenten würden zu «Haftgenossen» unter der Tyrannei des Markts, mit den Regierungen als gehorsamen «Aufsehern».
John Berger (Porträt von Ute Schendel aus dem Buch).
Bergers Essay hat den St.Galler Verleger Josef Felix Müller gepackt, wie er im Vorwort zum Buch schreibt. Er liess ihn ins Deutsche übertragen und fragte befreundete Autorinnen, Künstler und Mitdenkerinnen um einen Beitrag an.
Bergers Text erinnert frappant an Friedrich Dürrenmatts Preisrede auf Vaclav Havel, in der er seinerseits 1989, kurz nach dem Mauerfall, die Schweiz als Gefängnis beschrieben hatte. Die Provokation, die Dürrenmatts Brandrede damals auslöste, nehmen auch die Beiträge im John Berger gewidmeten, reich illustrierten Band auf – allen voran der St.Galler Autor und Theologe Rolf Bossart in seinen «Variationen» zu Berger unter dem Titel Das Schwierige an der Freiheit.
Freiheit und Solidarität
Bossart lässt Bergers «Welt- oder Menschheitsmetapher» nicht unwidersprochen. Sie berge, wie alle Pauschalisierungen, die Gefahr der Relativierung, die Gefahr, dass das reale, individuelle Leiden hinter der Abstraktion verschwinde. Mit Zitaten aus Gramscis Gefängnisheften, mit Zeugnissen prominenter Gefangener von Rosa Luxemburg bis Nelson Mandela oder mit Überlegungen zum «Privileg der Unsichtbarkeit», das künftig eines der wichtigsten Attribute der Freiheit sein werde und zugleich «ein Gut der Reichen», holt Bossart Bergers Abstraktion ins Konkrete zurück.
Schliesslich kommt Bossart auf die «Dialektik der Freiheit» zu sprechen und kontrastiert den Freiheitsdrang mit der Bedürftigkeit des Menschen. Freiheit könne nie total sein, sondern stets nur in Beziehung zur gegenseitigen Abhängigkeit, «anders gesagt: Jede Freiheit muss durch Akte der Solidarität gedeckt sein, wenn sie keine Freiheit auf Kosten der anderen sein will».
Noch konkreter wird Bergers bilderreicher, aber auch etwas fahriger Text in einem Porträt von Langzeitgefangenen, welches die Autorin und Regisseurin Anna Papst verfasst hat (Der lange Weg zurück), in Impressionen aus Bergers Wohnheimat Savoyen von Bettina Dyttrich oder in einem literarischen Rundgang von Vanessa Rüegger durch «Gefängnistexte» von Dürrenmatt, Glauser oder Foucault bis Stevenson.
Mit und trotz der Schwerkraft
Nochmal andere Assoziationsräume öffnen die Bildstrecken im Buch. Herausragend ist Katja Schenkers Performance vesuv, in der die Künstlerin einen schweren Stein an einer Leine in Drehung bringt, bändigt und eine Kratzspur auf dem Boden ziehen lässt – eine 27minütige Kraftanstrengung im Widerstand gegen die Gesetze der Physik. Weitere Bild- und Textbeiträge stammen von Karin K. Bühler, Hans Jörg Geiger, Vera Ida Müller, Lika Nüssli, Andrea Vogel, Laura Vogt und anderen. Von Annina Frehner ist Transit zu sehen, eine Installation im einstigen Flüchtlingsheim in Wienacht-Tobel, vom Art-Brut-Künstler Peter Wirz der Kopfzermalmapparat.
Geografie der Freiheit, hrsg. von Josef Felix Müller, Vexer Verlag St.Gallen 2019, Fr. 52.90
Entstanden ist ein Buch, das weniger «Haftgenossen» vereint als vielmehr eine lose «groupe de reflexion», die über die Bedingungen und Grenzen der Freiheit nachdenkt. Ein grosses Stück Freiheit bedeutete für den Herausgeber und Initianten Josef Felix Müller auch die Tatsache, dass das Projekt von den Ostschweizer Kantonen grosszügig gefördert wurde. «Ich musste für einmal nicht dem Geld nachrennen», sagte er an der Buchvorstellung.
Geografie der Freiheit war eines von drei Projekten, das für die erstmalige Beitragsvergabe des Förderprogramms Buch und Literatur Ost+ ausgewählt worden war. Die beiden anderen waren das Buch trobadora.montage einer Autorinnengruppe um Annette Hug und Sag mir, wo die Blumen sind der Liechtensteiner Anna Hilti.
Die nächsten: Annett Höland und Sarah Elena Müller
Jetzt sind die nächsten zwei Förderprojekte bekannt: Die Liechtensteiner Gestalterin Annett Höland macht sich auf die Spur des Kulturphilosophen Vilém Flusser im Projekt There’s something wrong with my hands. Oh yes, they’re not holding you. Und die St.Galler Autorin Sarah Elena Müller beschäftigt sich mit Ilse Aichingers Essays, Projekttitel: Meine Sprache und ich.
Wie im Förderprogramm vorgegeben, sind jeweils ganze Teams am Werk. Bei Annett Höland sind es Fachleute aus Kunst, Architektur, Forschung und Design. Sie gehen laut Jury der Frage nach, «welche Möglichkeiten und Einschränkungen die technologischen Mittel der undinglichen Welt in Zusammenhang mit der Produktion und Vermittlung von Inhalten, insbesondere mittels Text, bieten», und welche Rolle das Buch an der Schnittstelle zwischen digitaler und analoger Welt einnehmen kann. Ausgangspunkt ist Flussers Schrift Dinge und Undinge. Phänomenologische Skizzen aus dem Jahr 1993, die unter anderem beobachtet, dass die Fingerspitzen zum wichtigsten Organ des Menschens geworden sind.
Zum 100-jährigen Geburtstag von Ilse Aichinger 2021 entwirft die Autorin und Musikerin Sarah Elena Müller in Kooperation mit dem Virtual Reality-Entwickler Benjamin Rudolf und Fachleuten aus den Bereichen Lyrik, Theater und Sprachphilosophie ein Virtual Reality-Erlebnis, das auf den kritischen Schriften der Autorin basiert. Begriffsschöpfungen, Sätze, Kurztexte und Interviewzitate von Aichinger werden in einer interaktiven Welt auditiv, visuell und haptisch erlebbar gemacht. «Der Kontrast zwischen der Textwelt Aichingers und einem Medium, das von einer fast übersteigerten Hyperzugänglichkeit seiner Inhalte träumt, bietet Reibungsfläche», heisst es in der Beschreibung des Projekts.
Buch und Literatur Ost+ ist 2017 ins Leben gerufen worden. Das auf vier Jahre angelegte, mit insgesamt 400’000 Franken dotierte Förderprogramm nach einem Konzept von Dorothee Elmiger und Johannes Stieger wird getragen von den Ostschweizer Kantonen und dem Fürstentum Liechtenstein. Ziel sei es, so Jens Lampater von der Projektgruppe, kollektives Arbeiten statt solistische Schreibbiotope zu fördern und der Literatur im Zusammenspiel mit anderen Sparten neue Resonanzräume zu eröffnen.
buchundliteraturostplus.ch
Frei und doch strukturiert will das Förderprogramm «Buch und Literatur Ost+» sein. Wie das geht, wird allmählich sichtbar. Diesen Donnerstag kann man die Geförderten kennenlernen. Es sind Anna Hilti, Annette Hug und der Vexer Verlag.
«Buch und Literatur Ost+» zielt auf Vernetzung und die Auseinandersetzung mit bestehenden Texten ab. Eine Gruppe um die Autorin Annette Hug hat Irmtraud Morgners «Trobadora Beatriz» weitergeschrieben – und gleich die ganze Buchproduktion neu gedacht.
Das Pilotprojekt Buch und Literatur Ost+ erprobt die «ergebnisoffene Kulturförderung». Wie das geht, wurde an einem öffentlichen Werkstattgespräch in Rapperswil deutlicher. Eine Erkundungstour.
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.