Ein ausgedrucktes Blatt Papier an der Ecke des Durchgangs zu einem Innenhof an der Volksbadstrasse weist unscheinbar die Richtung: «Sofalesung mit Gianna Molinari, 3. Stock». Die Strasse ist menschenleer an diesem Sonntagabend. Nach zweimaligem Klingeln öffnet sich die Haustüre. Ein Jugendstilbau, riesiges Treppenhaus, überall stehen Pflanzen. Stimmen erklingen von oben, die Türe zur Wohnung im 3. Stock ist offen, Leute stehen im weiträumigen Gang, an einer Wand hängen tibetische Gebetsfahnen.
Auf dem Schuhkasten eine Kasse sowie Flyer der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL, welche diese erste Sofalesung in St.Gallen organisiert hat. Und daneben ein Buch: Hier ist noch alles möglich von Gianna Molinari. Die an Massstäben der Literaturszene gemessen junge Autorin aus Basel, Jahrgang 1988, liest heute Abend aus ihrem Werk vor. Das von Presse und Kritik hochgelobte Buch ist ihr Debutroman. Molinari sitzt ruhig in einer Ecke des Wohnzimmers hinter einem Pult, rundherum ist der Raum gefüllt mit Stühlen, Sesseln und einem Sofa.
Neue Formen, alte Probleme
«Wir vom Vorstand der GdSL waren nach Lesungen ab und zu etwas frustriert. Da organisiert man eine solche im wunderschönen und riesigen Raum für Literatur und dann kommen oft, auch bei grossen Namen, so sechs, sieben Zuschauer, was sich dann nach sehr wenig anfühlt», sagt Laura Vogt beim Gespräch in der Küche. Die 30-Jährige ist selber Autorin und gemeinsam mit Rebecca C. Schnyder zuständig für das neue Format. «Innerhalb des Vorstandes wurde vermehrt darüber gesprochen, ob es nicht noch andere Formen von Lesungen gäbe, und dann kam der Verein Sofalesungen auf uns zu und fragte, ob wir daran interessiert wären, so etwas auch in der Ostschweiz auszuprobieren», sagt Vogt. «Wir haben sofort zugesagt.» Dieses Format sei eine Auflockerung des klassischen Programms der GdSL
An der ersten St.Galler Sofalesung im Volksbadquartier. (Bild: pd)
Das Wohnzimmer ist bis auf den letzten Platz gefüllt, die Lesung ausverkauft. 29 Personen auf geschätzten 24 Quadtratmetern. Die Organisatorinnen werfen ein paar Fragen ins Publikum, markantestes Ergebnis: Nur vier Personen sind jünger als 35. Ein altbekanntes Phänomen an Lesungen. «Warst du schon mal an den Solothurner Literaturtagen?», fragt Vogt. «Da kommst du manchmal in den grossen Saal und siehst fast nur graue Hinterköpfe.»
Warum in der Regel nur wenige junge Leute an einer Lesung auftauchen, darauf hat Laura Vogt auch keine Antwort. Vielleicht habe es damit zu tun, dass Lesungen automatisch mehr Konzentration fordern als Konzerte – oder dass vielen das Lesen für sich selbst schon ausreiche.
Wildtiere, Altplakat und MTV
«Der Wolf und die Wölfe haben keine Namen. Man nennt sie Wolf und Wölfe. Sie haben Verstecke. Sie bewegen sich nachts. Auch ich bewege mich nachts, auch ich schaue viel die Dunkelheit. Auch ich drang in Gebiete vor», liest Molinari aus den ersten Zeilen ihres Romans. Die Stimmung im Raum ist intim, das Publikum still, jedes Geräusch hörbar. Jemand verlässt den Raum, der alte Parkettboden knarrt. Auch hier gibt es viele Pflanzen, an einer Wand ein freistehender Sicherungskasten. Über mir ein Plakat: «Hidden Orchestra. Dachstock Bern. So, 13. Dezember 2015».
Was sagt eine Wohnung über ihre Bewohner aus? Und wie fühlt es sich an, fremde Leute in sein privates Zuhause zu lassen? In meiner Jugendzeit habe ich manchmal «MTV Cribs» geschaut, jene Sendung, in der reiche Rapper wie beispielsweise 50 Cent ein Kamerateam durch ihre grössenwahnsinnigen Luxusvillen führten, Leopardenkäfig und «15-Autos-haben-hier-Platz»-Garagen inklusive. Das kommt mir während der Lesung in den Sinn – unpassend, aber auch hier wird einem Publikum eine sehr schöne Wohnung präsentiert.
Karsten Redmann, Gastgeber des Abends und Mitglied der GdSL, findet, dass der Raum gar keine so grosse Rolle spiele. Es könnte genauso gut eine Garage sein, entscheidend seien die Begegnungen. «Ich mache hier mit, weil ich Spass an Literatur habe und es gut finde, wenn es Möglichkeiten gibt, dass sich Menschen damit beschäftigen können. Dafür stelle ich gerne meinen Raum zur Verfügung.»
Das «Wie» wäre also nicht so wichtig – die Grösse allerdings schon. Für eine Sofalesung braucht es einen gewissen Raum, denn das Ziel ist klar: mehr Leute für Literatur zu begeistern auf eine niederschwellige Art.
«Ich will in Interaktion treten»
Die Lesung neigt sich dem Ende zu, Applaus hallt durch die Wohnung. «Dadurch, dass die Sofalesungen in einem persönlichen Raum stattfinden, hat das automatisch einen anderen Charme – was per se nicht besser oder schlechter sein muss – aber der Austausch ist schon ein anderer als in einem grösseren, öffentlichen Raum, gerade auch zwischen Publikum und Autorin oder Autor», sagt Vogt zu den Vorteilen dieses Formates. Ein älterer Herr pflichtet ihr bei: «Es gibt keinen Graben, kein Gefälle. Und mir gefällt die Ungezwungenheit des Abends.»
Die nächste Sofalesung findet am 23. Juni statt: Niko Stoifberg liest im Honnerlag’schen Doppelpalast in Trogen.
gdsl.ch sofalesungen.ch
Ich gehe durch das Bürozimmer nach draussen zum Balkon und bringe meinen Nikotinpegel ins Lot. Drinnen leert sich die Wohnung immer mehr, eine der letzten, die geht, ist Gianna Molinari. Auch sie ist vom Prinzip der Sofalesungen überzeugt: «Alles ist direkter, ich bekomme die Reaktionen viel besser mit als auf einer Bühne.» Und es finde meistens wirklich ein Kontakt zwischen Publikum und Autorin statt, was das Schönste am Ganzen sei. «Darum mache ich Lesungen, ich will in Interaktion treten.»
Die Kooperation zwischen dem Verein Sofalesungen und der GdSL ist fürs erste auf das Jahr 2019 beschränkt. Laura Vogt ist optimistisch, dass das Format sich bewährt und auch künftig Teil des Programms der GdSL bleibt.
Gianna Molinari. (Bild: Christoph Oeschger)
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