Was wird bei Wortlaut anders gegenüber dem letzten Jahr?
Richi Küttel: Wir haben das Programm klarer strukturiert. Am Samstag sind Programmreihen und Orte klar verbunden. Extras wie die literarische Stadtführung oder die Vernissage der neuen Edition Literatur Ostschweiz finden am Sonntag statt. Das Samstagsprogramm ist etwas gestrafft, das Kinder- und Jugendprogramm fällt weg – es hätte den Rahmen gesprengt, zudem gibt es künftig die darauf spezialisierte neue Stadtbibliothek in St.Katharinen, die näher an den jungen Leserinnen und Lesern dran ist als wir.
Joachim Bitter: Was natürlich bleibt, ist der Schwerpunkt mit Neuerscheinungen, die wir im Stadthaus-Saal und im Raum für Literatur vorstellen. Darunter sind die neuen Romane von Simona Ryser, Ruth Schweikert oder Kristof Magnusson. Kontrovers wird sicher die Nicht-Lesung von Urs Mannhart, den wir mit seinem Reportagenband «Bergsteigen im Flachland» eingeladen hatten, lange bevor das Buch wegen einer Plagiatsklage vorläufig gestoppt wurde.
Richi Küttel: Das Open Mic für regionale Autorinnen und Autoren erhält einen eigenen Raum im Splügeneck und damit mehr Präsenz. Neu ist auch das Literaturgespräch «Zwischen Professionalisierung und Spezialisierung», moderiert von Reina Gehrig, der Leiterin der Solothurner Literaturtage. Im Gegenzug kann Wortlaut in Solothurn den ersten Band der neuen Edition Literatur Ostschweiz präsentieren.
Slam und Spoken Word haben viel Gewicht am Wortlaut. Zu viel?
Küttel: Nach meiner Einschätzung nicht – und die neue Plattform spoken-word.ch, die wir am Wortlaut vorstellen können, zeigt gerade, wie lebendig die Szene ist. Wichtige Stimmen im diesjährigen Programm sind Guy Krneta oder Hazel Brugger, der Berliner Ahne oder Sandra Künzi mit der Kontrabassistin Reg Fry. Und zum fixen Programmpunkt dürfte sich der Dialekt-Slam entwickeln.
Wortlaut konzentriert sich stark auf Schweizer Autorinnen und Autoren. Internationaler will man nicht werden?
Bitter: Wir bewegen uns jetzt in einem Dreieck zwischen Zürich, Berlin und Wien und sind momentan damit ausgelastet. Grenzüberschreitend ist Wortlaut eher mit Blick auf die Sparten: mit Comic, Spoken Word und Kabarett neben der traditionelleren Literatur.
Letztes Jahr haben Sie rund 2000 Eintritte gezählt. Genug?
Küttel: Wir haben viele gute Rückmeldungen erhalten. Aber es könnten noch mehr Besucher sein. Wer zweitausend Leute erreichen will, muss ein Programm machen, das viele interessiert – auch wenn wir auf eigentliche Bestseller-Autoren verzichten.
Warum braucht es überhaupt ein Festival wie Wortlaut?
Küttel: «Klassische» Autorenlesungen veranstalten wir mit der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur (GdSL) ja das ganze Jahr über. Hinzu kommen die Anlässe der Buchhandlungen. Wortlaut will im Gegensatz dazu populärer sein und Literatur möglichst ohne Schwellenangst vermitteln. Wir überlegen uns bei der Planung, wer uns interessiert, wer ein neues Buch hat, aber auch, wer gut auftreten kann. Bühnenpräsenz ist wichtig, wenn man das Publikum erreichen will. Wir wollen die Leute ja zu Literatur verführen.
Könnte man nicht statt populär auch eigenbrötlerischer programmieren? Und sich so von der Konkurrenz unterscheiden. Die ist ja stark, auch in der Region: Gerade fanden in Rapperswil-Jona die Literaturtage statt. Im April gibt es in Singen-Schaffhausen zum sechsten Mal das Festival «Erzählzeit». Und in Winterthur startet im Juni eine neue Literatur- und Spoken-Word-Reihe mit dem Titel «lauschig»…
Küttel: Eigensinnig programmieren kann man, wenn man sich seines Publikums hundertprozentig sicher ist. Wortlaut hat nach unserer Überzeugung seine Form gefunden und auch sein Publikum – aber das braucht auch noch mehr Zeit. Entscheidend ist für mich, dass es uns gelingt, an diesem Wochenende Literatur lebendig zu machen. Und dazu gehört auch Zeit und Raum für Geselligkeit und für Begegnungen.
Literaturtage Wortlaut St.Gallen: Donnerstag, 26. bis Sonntag, 29. März, diverse Orte
Bevor die Kunsthalle St.Gallen im Dezember wegen Umbauarbeiten voraussichtlich bis April 2027 schliesst, dreht sie nochmals voll auf. In der Ausstellung «House of Change: Pre-Construction-Warm-Up-Galore» präsentiert sie im laufenden Monat ein dichtes, buntes Programm an Kunst und Kultur.
In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern