Wortlaut, das St.Galler Literaturfestival geht in sein zehntes Jahr: Zeit für eine Hommage oder Ende der Schonfrist? Ein fiktives Gespräch zwischen dem nörgelnden und dem applaudierenden Ich.
Zum 10. Mal Wortlaut – ausser der Grafik hat sich das Festival zum Jubiläum aber nicht gerade neu erfunden.
Das war doch auch nicht nötig. Wortlaut hat sich vom Jekami an gefühlt 20 verschiedenen Orten in der Stadt über die Jahre zu einer Veranstaltung mit deutlichem Profil entwickelt. Von der Wasserglas-Lesung bis zum Dance & Draw: Einen so breiten Literaturbegriff findet man nun wirklich an keinem anderen Festival in der Schweiz.
Wenn sie tatsächlich ernst machen wollten mit der Integration aller Literatur, dürfte es aber nicht für jede Sparte eine eigene Location geben: die Slammer in der Grabenhalle, die Zeichner im Palace, ganz schlimm ist das Ostschweizer Ghetto im Splügeneck, das ist dermassen ab vom Schuss.
Es hindert dich doch niemand daran, einmal rinks abzubiegen und etwas Neues auszuprobieren.
Ach, diese jandelnden Spartentitel haben sie immer noch?
Übrigens, eine Neuerung gibt es sehr wohl: Das Festivalzentrum ist jetzt im Waaghaus. Mit Buchbeiz, Textkiosk und Buchmarkt. Alles ganz zentral, mitten im Samstagsgewusel.
Das löst mein Problem nicht. Luisen-Liebhaberinnen müssen weiterhin jede Stunde einmal quer durch die Stadt rennen, von der Hauptpost ins Waaghaus und wieder zurück. Ich sehe keinen Sinn darin, und vermutlich werde ich lieber mal in ein Café abbiegen. Gelegentlich verpasst man ja auch nichts. Jens Steiner zum Beispiel ist zum wiederholten Mal in St.Gallen eingeladen.
Das spricht doch nicht gegen ihn.
Aber gegen die Lust auf neue Entdeckungen.
Wortlaut 2018: 22. bis 25. März, verschiedene Orte in St.Gallen wortlaut.ch
Dann darfst Du Anja Kampmann auf gar keinen Fall auslassen! Sie hat 2016 den Gedichtband Proben von Stein und Licht vorgelegt und nun mit Wie hoch die Wasser steigen ihren ersten Roman. Das Setting ist alles andere als lyrisch, es geht um harte Arbeit auf einer Ölbohrplattform unter lauter Männern. Es ist zu laut zum Sprechen, und überhaupt haben diese modernen Söldner kaum eine gemeinsame Sprache. Ausser den Maschinen und der Kantine gibt es dort draussen nur einen Strich: die Linie zwischen der See und dem Himmel. Aber die Hauptfigur Waclaw bekommt ein erstaunlich reiches Innenleben. In Trauer um seinen Freund Mátyás reist er durch halb Europa und schliesslich ins Ruhrgebiet zu den Zechen, in denen sein Vater damals hartes Brot verdient hat. Mich beeindrucken diese genauen Wahrnehmungen von Arbeitswelten und wie sie verbunden werden mit zutiefst menschlichen Empfindungen. Es ist ein überraschendes Debüt, vor allem wenn man bedenkt, dass Anja Kampmann erst 35 Jahre alt ist. Sie stammt aus Hamburg und hat am Literaturinstitut in Leipzig studiert.
Anja Kampmann. (Bild: Julia Heinrich)
Schade, dass man im Programmheft so gar nichts zu den Autorinnen und Autoren erfährt.
Stimmt. Tim Krohn zum Beispiel ist ja kein Unbekannter in St.Gallen, auch wenn er vor allem auf den Bühnen präsent war, mit Quatemberkinder in der Grabenhalle und Vrenelis Gärtli im Stadttheater. Zu seiner Person gäbe es trotzdem etwas zu erzählen: Er arbeitet an einem Projekt über «Menschliche Regungen» – von Aalglätte, Abartigkeit und Abenteuerlust bis Zweifel, Zwiespalt und Zynismus. Die Geschichten spielen in einem Genossenschaftshaus an der Röntgenstrasse in Zürich und sind echte Seelenwärmer. Besonders an diesem Projekt ist auch, dass Krohn die menschlichen Regungen über eine Crowdfunding-Plattform verkauft. Er hat sich damit das Schreiben und gleichzeitig die Renovation seines 400 Jahre alten Hauses im Val Müstair finanziert. Die ersten beiden Bände Herr Brechbühl sucht eine Katze und Erich Wyss übt den freien Fall waren auch gedruckt ein grosser Erfolg, und Krohn wird in St.Gallen nun aus dem dritten Band Julia Sommer sät aus vorlesen, der erst im August erscheint. Eine Vorpremiere.
Tim Krohn. (Bild: Susanne Schleyer)
Ok, zwei wirkliche Neuheiten. Aber ich bin noch nicht fertig: Nicol Ljubić und Markus Orths waren beide schon einmal am Wortlaut, Dana Grigorcea in der Hauptpost. Es gäbe doch genug andere.
Für Ljubić möchte ich ein Wort einlegen. Ein Mensch brennt ist eine überzeugende Engführung der Geschichte einer Kleinfamilie und der Zeitgeschichte des Deutschen Herbsts 1977. Wenn dieses Jahr der Aufbruch von 68 gefeiert wird, muss dieser Roman unbedingt mitgelesen werden, weil er das Politische ins Private hinein projiziert. Aber klar, wenn man schon jemanden aus Berlin einfliegt, dann wäre die Auswahl gross gewesen. Und aus der Schweiz – Julia Weber vielleicht?
Muss nicht sein, sie wird seit einem Jahr überall herumgereicht, da hat St.Gallen den Zeitpunkt verpasst. Aber Anna Felder hätte ich gern gehört, die Gewinnerin des Grand Prix Literatur 2018 – bei der GdSL fehlt ja ganz generell die ältere Schriftstellergeneration. Auch von den Bewährten hätten mich ein paar Neuerscheinungen interessiert: Christina Viragh, Anita Siegfried und Lukas Holliger ganz besonders, Margrit Schriber oder Yusuf Yesilöz oder Lisa Elsässer. Und warum nicht ein Erstling, Barbara Schibli zum Beispiel? Die unabhängigen Schweizer Verlage kommen ja an den Buchmarkt, warum lesen ihre Autorinnen und Autoren dann nicht?
Hoppla. Das war jetzt aber das Wunschprogramm für die Insider.
Schon klar. Aber so ein Mutanfall pro Jahr läge doch drin im Rahmen eines Festivals…
Klagen auf hohem Niveau! Drei parallele Veranstaltungen pro Stunde – die reinste Qual der Wahl. «Wirbelsturm», «Jungsmusik», «Mieze Medusa»… das klingt doch vielversprechend. Sehen wir uns beim Gassenhauer – der neuerdings auch im Waaghaus auf die Gasse haut?
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
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