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Dem Strukturwandel auf der Spur

Vier Wochen haben sich Studierende der Universität Basel und der University of Namibia sowie junge Berufstätige in einem Austauschprojekt mit dem Strukturwandel in Kleinstädten und deren Hinterland befasst. In Oranjemund, Herisau, Appenzell und La Chaux-de-Fonds.
Von  Julia Kubik , 
Nebliger Ausblick: Die Austauschgruppe auf dem Hohen Kasten. (Bilder: Julia Kubik)

Austauschprojekte verlaufen oft relativ einseitig – noch immer ist es die viel häufigere Praxis, dass Europäerinnen zu Forschungszwecken nach Afrika reisen, nicht umgekehrt.

Das ist einer der Gründe, weshalb das gemeinsame Projekt «Learning for (Ex)change» der Universitäten Basel und Namibia entstand. Es zielt darauf ab, den Austausch gleichberechtigt zu gestalten. Genauso lange wie die Studierenden der Schweiz sich mit Namibia befassen, beobachten die namibischen Studierenden anschliessend die Schweiz. An beiden Orten werden Fragen zum laufenden und vergangenen Strukturwandel gestellt.

Die Diamantenstadt

Oranjemund liegt im Süden Namibias, auf der Nordseite der Orange River-Mündung. Das Nordufer des Flusses bildet gleichzeitig die Grenze zu Südafrika. Die Stadt wurde in den 1930er-Jahren als Lager für Diamantminenarbeiter gebaut und war bis 2011 im Privatbesitz des Diamantenkonzerns Namdeb. Von oben betrachtet ist die Stadt eine überraschend grüne Fläche mitten in der Wüste.

Öff. Präsentation der ersten Feldforschungsergebnisse:
16. Juli, 17.30 Uhr, Haus Erika, Gonten

Unter der früheren Besatzung Namibias durch Apartheid-Südafrika wurde Oranjemund zu einem Zentrum der Wanderarbeit: Für den Betrieb der Mine wurden tausende von Arbeitern in Nordnamibia rekrutiert und nach Oranjemund gebracht. Die meisten von ihnen mussten ihre Familien zurücklassen. Für weisse Arbeiter war es häufiger möglich, sie mitzubringen. Bis heute sieht man in der ganzen Stadt die Spuren der Apartheid. Gute Infrastruktur, Freizeitangebote und Zugang zu diversen Gütern stand den Weissen zu. Sportclubs, Häuser und Friedhöfe waren nach Hautfarbe getrennt.

Mit zunehmender Verlagerung der Diamantenförderung in den Atlantik und den damit verbundenen Plänen, das Diamantensperrgebiet in einen Nationalpark umzuwandeln, wurde Oranjemund vor zwei Jahren zu einer öffentlichen Stadt. Seit Oktober 2017 ist sie frei zugänglich. Zuvor konnte man sie nur mit einer Sonderbewilligung betreten, wenn man nicht dort wohnte. Noch ist unklar, ob und wann die Mine endgültig schliesst. Bis heute bildet sie den Hauptwirtschaftszweig für Oranjemund. Die Frage, wie die Stadt ohne Mine überleben könnte, bleibt offen.

Man sagt, alle können in Oranjemund einen Diamanten finden. Aber es wäre besser, ihn sofort ins Meer zu werfen oder liegen zu lassen, da es strikt verboten ist, als Privatperson Diamanten aus diesem Gebiet mitzunehmen.

Um mehr über mögliche Entwicklungen in der Region herauszufinden, setzten sich die Sudierenden in fünf Gruppen mit verschiedenen Schwerpunkten auseinander: Food production, Main economic sector(s), Built environment/Infrastructure, Toursim und Future and Visions.

Ebenfalls Teil dieser Gruppen waren fünf «Young Professionals»; Personen zwischen 23 und 30 mit verschiedenen Berufserfahrungen und jeweiligem Lokalbezug. Zwei aus der Schweiz, zwei aus Oranjemund und eine junge Berufstätige aus Windhoek, die in Oranjemund aufwuchs. Ziel dieser Einbindung war die gegenseitige Inspiration; ein neuer, eher praktischer Blick auf Kleinstädte für die Studierenden und akademische Inputs für die Young Professionals. Die Fachbereiche der Studierenden setzen sich zusammen aus African Studies, Geschichte, Geografie, Tourismus und Umweltwissenschaften.

Die Built Environment/Infrastructure-Gruppe präsentiert ihre Ergebnisse.

Die Tage in Oranjemund gingen schnell vorbei – zum einen, weil gerade Winter ist in Namibia und ab 17.30 Uhr optisch die Nacht beginnt, zum andern, weil unser Domizil in Windhoek war, was zweimal zwei Tage Busfahrt bedeutete und somit nur noch sieben eigentliche Oranjemund-Tage übrig blieben. Diese wurden mit Interviews, Umlandserkundungen und Stadtstreifzügen gefüllt. Am letzten Abend fanden Präsentationen der vorläufigen Beobachtungen der Gruppen statt, vor einer kleinen, interessierten Öffentlichkeit im Zentrum von Oranjemund.

Über- und Untertourismus

Am 9. Juli ging es weiter mit Teil zwei der Gruppenarbeit in der Schweiz, der mit einem Crashkurs über Appenzeller Geografie und Geschichte an der Universität in Basel begann. Seither bewohnt die Gruppe ein Haus in Gonten, von wo aus sich ebenfalls viele Erkundungstouren machen lassen.

Die Gruppen und Themen bleiben gleich, die Bedingungen und Ausprägungen des Strukturwandels sind aber sehr verschieden. Der grösste Wandel im Appenzellerland geschah schon lange – er begann mit dem Niedergang der Textilindustrie und der Handstickerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber auch die Reaktionen auf den Wandel sind sehr unterschiedlich.

Zwar setzen sowohl Appenzell als auch Oranjemund zum Beispiel auf Tourisms, aber während dieser Wirtschaftszweig in Oranjemund von Grund auf neu geschaffen werden musste, kann Appenzell auf eine lange Geschichte von Kur- und Bädertoursimus aufbauen. Ausserdem sind die finanziellen und staatlichen Unterstützungen in Oranjemund minimal und die Distanzen zu Städten riesig. Während in Appenzell zur Hauptsaison beinahe ein Überinteresse und -Angebot besteht, gibt es in Oranjemund noch keinen erwähnenswerten Tourismus.

Was für neue Erkenntnisse und Erfahrungen hinzukamen und welche Vergleiche trotz aller Unterschiede sinnvoll sind, wird sich zeigen – spätestens am 16. Juli. Dann findet im Haus Erika in Gonten die zweite öffentliche Präsentation statt – alle sind herzlich willkommen. Anschliessend geht es für die letzten drei Tage weiter nach La Chaux-de-Fonds, wo der Rückgang der Uhrenindustrie in den 1970er-Jahren bis heute grosse Auswirkungen auf die Stadt hat.

Julia Kubik ist Saiten-Comiczeichnerin und Autorin und war in diesem Projekt als Young Professional beteiligt.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter