Gehört Kunst auf die Berge? Die Frage ist genauso falsch gestellt wie die, ob Kunst in den Stadtraum oder in ein öffentliches Gebäude gehört. Kunst gehört dorthin, wo sie etwas in Gang setzen kann, wo sie Auseinandersetzungen anregt und den Blick neu und frisch macht. Reibung und Ärger inklusive.
Unter diesen Voraussetzungen gehört der Sichelmond von Christian Meier auf dem «Gipfel der Freiheit» im Alpstein selbstverständlich dorthin: Weil er es auf die Spannung zwischen künstlichem Mond und natürlichem Berg abgesehen hat, ebenso wie auf die Gegenüberstellung von Gipfelkreuz und Gipfelmond. Und damit auf die Frage, was religiöse Symbole in der sogenannten «freien» Natur zu suchen haben.
Die Vereinnahmung der Berge
Meiers Mondsichel erinnert zum einen an die komplexe Geschichte der Vereinnahmung der Berge für politische Zwecke im weitesten Sinn. Eine lange Geschichte – sie beginnt früh, mit Albrecht Hallers Grossgedicht Die Alpen von 1729, das quasi die Gründungsurkunde der geistigen Auseinandersetzung mit dem Hochgebirge ist und eines der ersten Zeugnisse der ideellen Überhöhung der Natur ist. Im zwanzigsten Jahrhundert ist die Nähe zwischen Faschismus und Alpinismus eines der düsteren Kapitel dieser Vereinnahmungsgeschichte, dazu gibt es Berge von Literatur und Texte etwa von Elfriede Jelinek. Auch die Geschichte des Schweizer SAC ist nicht frei von braunen Trübungen.
Das Gipfelkreuz ist ein vergleichsweise harmloses Symbol – naiverweise könnte man darin bloss eine Wegmarke sehen, weniger naiv betrachtet ist das Kreuz die so selbstverständliche wie fragwürdige Antenne des berge-bezwingenden Menschen himmelwärts: zum dort vermuteten Schöpfer der hehren Bergwelt und Schützer vor deren Gefahren.
Insofern hält der Mond dem Kreuz, und dem christlichen Westen, einen Spiegel vor – und erst noch, mit seinem heiter bläulichen Licht, einen höchst charmanten Spiegel. Einen unvergleichlich charmanteren jedenfalls als das gigantische Schweizer Kreuz, das um den 1. August die Riesenwand des Säntis verunziert. Wer Ja zu jenem fahnenschwingenden Bergpatriotismus sagt, soll zu dieser heiter schimmernden Gipfelsichel ebenfalls Ja sagen.
Gstürm um den Windraum
Die Appenzeller Behörden haben denn auch nicht einfach Nein gesagt, sondern mit Augenmass auf die «Provokation», als die der Künstler selber seinen Mond gerne sähe, reagiert. Kein Wunder, denn mit Kunst auf dem Berg hat man in Appenzell Erfahrung. Mehr als zehn Jahre ist es her, seit der Streit um den geplanten «Windraum» des Künstlers Roman Signer endgültig entschieden worden ist – negativ.
Den «Windraum», ein den Stürmen und Lüften offenes Kabäuschen, wollte die Ebenalpbahn oben auf dem Berg installieren. Kernpunkt des jahrelangen Streits um eine Bewilligung war die Frage der Standortgebundenheit der Skulptur. Die Baubewilligungsbehörden verneinten sie, die Standeskommission (Regierung) sah den Standort als zwingend an, das Verwaltungsgericht als letzte Instanz hob deren positiven Bescheid schliesslich wieder auf.
Das zeigt, dass Kunst auf dem Berg nicht nur eine Sache der geistigen, sondern auch der bürokratischen Auseinandersetzung ist. In Signers Fall setzte sich die Ansicht durch, «dass bei der Beurteilung der Standortgebundenheit von Kunstwerken die selben Kriterien gelten wie für andere Bauten und Anlagen». Mehr dazu hier. Trotz Kunstfreiheit könne daher kein Sonderrecht für Kunst geschaffen werden – auch wenn wie bei Signer der Wind auf der Ebenalp definitiv anders weht als unten in der Bauzone.
Das teils groteske Hickhack um den «Windraum» machte zumindest eines klar: Wer meint, auf den Bergen Kunst plazieren zu müssen, tut dies am besten ohne Bewilligung. Und räumt sie dann halt wieder ab. Oder er macht es so wie das «Alpstein-Museum» des Künstlers H.R. Fricker: Es hat sich in den Bergwirtschaften so diskret wie wandererfreundlich eingenistet.
Bilder: Christian Meier/Facebook
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