Kategorie
Autor:innen
Jahr

Der Mond ist aufgegangen

Der Innerrhoder Künstler Christian Meier hat mit einem leuchtenden Sichelmond auf einem Alpsteingipfel Aufsehen erregt. Darf Kunst auf den Berg? Klar.
Von  Peter Surber

Gehört Kunst auf die Berge? Die Frage ist genauso falsch gestellt wie die, ob Kunst in den Stadtraum oder in ein öffentliches Gebäude gehört. Kunst gehört dorthin, wo sie etwas in Gang setzen kann, wo sie Auseinandersetzungen anregt und den Blick neu und frisch macht. Reibung und Ärger inklusive.

Unter diesen Voraussetzungen gehört der Sichelmond von Christian Meier auf dem «Gipfel der Freiheit» im Alpstein selbstverständlich dorthin: Weil er es auf die Spannung zwischen künstlichem Mond und natürlichem Berg abgesehen hat, ebenso wie auf die Gegenüberstellung von Gipfelkreuz und Gipfelmond. Und damit auf die Frage, was religiöse Symbole in der sogenannten «freien» Natur zu suchen haben.

mond1

Die Vereinnahmung der Berge

Meiers Mondsichel erinnert zum einen an die komplexe Geschichte der Vereinnahmung der Berge für politische Zwecke im weitesten Sinn. Eine lange Geschichte – sie beginnt früh, mit Albrecht Hallers Grossgedicht Die Alpen von 1729, das quasi die Gründungsurkunde der geistigen Auseinandersetzung mit dem Hochgebirge ist und eines der ersten Zeugnisse der ideellen Überhöhung der Natur ist. Im zwanzigsten Jahrhundert ist die Nähe zwischen Faschismus und Alpinismus eines der düsteren Kapitel dieser Vereinnahmungsgeschichte, dazu gibt es Berge von Literatur und Texte etwa von Elfriede Jelinek. Auch die Geschichte des Schweizer SAC ist nicht frei von braunen Trübungen.

Das Gipfelkreuz ist ein vergleichsweise harmloses Symbol – naiverweise könnte man darin bloss eine Wegmarke sehen, weniger naiv betrachtet ist das Kreuz die so selbstverständliche wie fragwürdige Antenne des berge-bezwingenden Menschen himmelwärts: zum dort vermuteten Schöpfer der hehren Bergwelt und Schützer vor deren Gefahren.

Insofern hält der Mond dem Kreuz, und dem christlichen Westen, einen Spiegel vor – und erst noch, mit seinem heiter bläulichen Licht, einen höchst charmanten Spiegel. Einen unvergleichlich charmanteren jedenfalls als das gigantische Schweizer Kreuz, das um den 1. August die Riesenwand des Säntis verunziert. Wer Ja zu jenem fahnenschwingenden Bergpatriotismus sagt, soll zu dieser heiter schimmernden Gipfelsichel ebenfalls Ja sagen.

mond3

Gstürm um den Windraum

Die Appenzeller Behörden haben denn auch nicht einfach Nein gesagt, sondern mit Augenmass auf die «Provokation», als die der Künstler selber seinen Mond gerne sähe, reagiert. Kein Wunder, denn mit Kunst auf dem Berg hat man in Appenzell Erfahrung. Mehr als zehn Jahre ist es her, seit der Streit um den geplanten «Windraum» des Künstlers Roman Signer endgültig entschieden worden ist – negativ.

Den «Windraum», ein den Stürmen und Lüften offenes Kabäuschen, wollte die Ebenalpbahn oben auf dem Berg installieren. Kernpunkt des jahrelangen Streits um eine Bewilligung war die Frage der Standortgebundenheit der Skulptur. Die Baubewilligungsbehörden verneinten sie, die Standeskommission (Regierung) sah den Standort als zwingend an, das Verwaltungsgericht als letzte Instanz hob deren positiven Bescheid schliesslich wieder auf.

Das zeigt, dass Kunst auf dem Berg nicht nur eine Sache der geistigen, sondern auch der bürokratischen Auseinandersetzung ist. In Signers Fall setzte sich die Ansicht durch, «dass bei der Beurteilung der Standortgebundenheit von Kunstwerken die selben Kriterien gelten wie für andere Bauten und Anlagen». Mehr dazu hier. Trotz Kunstfreiheit könne daher kein Sonderrecht für Kunst geschaffen werden – auch wenn wie bei Signer der Wind auf der Ebenalp definitiv anders weht als unten in der Bauzone.

Das teils groteske Hickhack um den «Windraum» machte zumindest eines klar: Wer meint, auf den Bergen Kunst plazieren zu müssen, tut dies am besten ohne Bewilligung. Und räumt sie dann halt wieder ab. Oder er macht es so wie das «Alpstein-Museum» des Künstlers H.R. Fricker: Es hat sich in den Bergwirtschaften so diskret wie wandererfreundlich eingenistet.

Bilder: Christian Meier/Facebook

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess