Vor kurzem hatte ich einen Traum. Ich war mit dem Velo unterwegs von der Kreuzbleiche in den Osten der Stadt. Meine Route führte über Passerellen, tauchte in grosszügige Unterführungen unter verkehrsreichen Strassen hindurch oder führte auf grosszügig angelegten Velospuren an stehenden Autoschlangen vorbei. Die Kreuzungen waren ein Highlight durchdachter Verkehrsführung und bestachen durch clevere Abbiegespuren für uns Zweiradfahrer. Als ich schliesslich auf die Martinsbruggstrasse einbog – auf dem abgegrenzten Velostreifen komplett unbehelligt vom übrigen Verkehr – wachte ich auf. Und das im doppelten Sinn.
Hartes Pflaster für Velofahrer
Die Realität der (korrekten) Velofahrer in St.Gallen besteht aus nervenaufreibend langen Wartezeiten und teils halsbrecherischen Einspurmanövern. Kein Wunder, hält sich ein erheblicher Anteil der Zweiradfahrer nicht an die verschlungenen Radwege oder passt die Querung einer Kreuzung lieber dem Verkehrsfluss als der ewig roten Veloampel an. Die Stadt wirbt trotzdem für das Velo als «ideales und gesundes Fortbewegungsmittel». Nun soll es im Rahmen des zweiten Agglomerationsprogrammes endlich auch zum «Quantensprung» kommen für die Attraktivität von Fuss- und Veloverkehr, und das gleich im ganzen Kanton St.Gallen.
Das Potential dafür wird mir sofort wieder klar, als ich in der Nähe des Rathauses einen Veloparkplatz suche: dank dem wunderbaren Herbstwetter türmen sich die Drahtesel beinah zweistöckig auf den dafür vorgesehenen Abstellplätzen. Kurzerhand schliesse ich mein Velo gleich neben dem Eingang zum Rathaus ab. Sollte sich jemand beschweren, könnte ich mit der betreffenden Person ja gleich die neuesten Prognosen in Sachen Entwicklung der Velostadt St.Gallen diskutieren. Schliesslich gastiert im ersten Stock des Rathauses zu eben diesem Thema eine Wanderausstellung, die den 300-seitigen Massnahmenbericht «Agglomerationsprogramm St.Gallen/Arbon-Rorschach» publikumsverdaulich präsentiert.
Fast zu schön, um wahr zu sein
Auf ein Stellwänden werden Karten und Diagramme präsentiert, Schlüsselprojekte vorgestellt, Realisierungszeiträume angedeutet. Die Darstellung einer sogenannten Schwachstellen-Analyse zeigt das Stadtzentrum St.Gallen als eine einzige rote Zone – velotechnisch gesehen. Die Details des umfassenden Massnahmenplans bringen mich kurzzeitig wieder ins Träumen: da sind Passerellen geplant, Velotunnels, der lang ersehnte Ausbau der Bahnhofunterführungen und eine neue Velostation am chronisch überbelegten Bahnhof….
Alle Projekte sind mit höchster Priorität klassiert und sollen zum grössten Teil bis Ende 2018 umgesetzt werden. Das Geld dafür kommt zu fast gleichen Teilen vom Bund wie von Seiten des Kantons, der Städte und Gemeinden der Agglomerationsregion. Etwas allzu oft ist zu lesen, dass gerade die Projekte im Fuss- und Veloverkehr den Bund überzeugt hätten, das Agglomerationsprogramm positiv zu beurteilen. Dient dieses finanziell doch eher bescheidene Massnahmenteilpaket am Ende nur als Feigenblatt für die Unterstützung der viel teureren und teils äusserst strittigen Strassenprojekte?
Skeptische Träumerin
Mich würde es freuen, wären bis 2018 auch nur einige der skizzierten Verbesserungen verwirklicht. Die Situation für Velofahrer kann in der Stadt gemäss eigenen Erfahrungen kaum schlechter werden. Zu diesem Schluss kam auch die Interessensgemeinschaft Velo Schweiz, auf deren Städteranking die St.Gallen derzeit auf dem vorletzten von 28 Plätzen rangiert. Doch Illusionen mache ich mir keine – wir Zweiradfahrer geniessen keine echte Priorität gemessen an den Diskussionen um grössere Parkplatzangebote und neue Autobahnanschlüsse.
Die Wanderausstellung der Verkehrskampagne clevermobil ist noch bis 10. Oktober im St.Galler Rathaus zu sehen. Die Daten der nächsten Ausstellungsorte werden laufend auf clemo.ch publiziert. Der Massnahmenbericht «Agglomerationsprogramm St.Gallen Arbon-Rorschach» ist hier zu finden.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
In eigener Sache