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Der Traum vom Quantensprung

Eine Wanderausstellung im Rathaus soll Einblick in die Zukunft der Velostadt St.Gallen geben. Feigenblatt für die teils strittigen Projekte im motorisierten Verkehr oder Anlass zum Träumen für Velofahrer? von Cathrin Caprez
Von  Gastbeitrag

Vor kurzem hatte ich einen Traum. Ich war mit dem Velo unterwegs von der Kreuzbleiche in den Osten der Stadt. Meine Route führte über Passerellen, tauchte in grosszügige Unterführungen unter verkehrsreichen Strassen hindurch oder führte auf grosszügig angelegten Velospuren an stehenden Autoschlangen vorbei. Die Kreuzungen waren ein Highlight durchdachter Verkehrsführung und bestachen durch clevere Abbiegespuren für uns Zweiradfahrer. Als ich schliesslich auf die Martinsbruggstrasse einbog – auf dem abgegrenzten Velostreifen komplett unbehelligt vom übrigen Verkehr – wachte ich auf. Und das im doppelten Sinn.

Hartes Pflaster für Velofahrer

Die Realität der (korrekten) Velofahrer in St.Gallen besteht aus nervenaufreibend langen Wartezeiten und teils halsbrecherischen Einspurmanövern. Kein Wunder, hält sich ein erheblicher Anteil der Zweiradfahrer nicht an die verschlungenen Radwege oder passt die Querung einer Kreuzung lieber dem Verkehrsfluss als der ewig roten Veloampel an. Die Stadt wirbt trotzdem für das Velo als «ideales und gesundes Fortbewegungsmittel». Nun soll es im Rahmen des zweiten Agglomerationsprogrammes endlich auch zum «Quantensprung» kommen für die Attraktivität von Fuss- und Veloverkehr, und das gleich im ganzen Kanton St.Gallen.

Das Potential dafür wird mir sofort wieder klar, als ich in der Nähe des Rathauses einen Veloparkplatz suche: dank dem wunderbaren Herbstwetter türmen sich die Drahtesel beinah zweistöckig auf den dafür vorgesehenen Abstellplätzen. Kurzerhand schliesse ich mein Velo gleich neben dem Eingang zum Rathaus ab. Sollte sich jemand beschweren, könnte ich mit der betreffenden Person ja gleich die neuesten Prognosen in Sachen Entwicklung der Velostadt St.Gallen diskutieren. Schliesslich gastiert im ersten Stock des Rathauses zu eben diesem Thema eine Wanderausstellung, die den 300-seitigen Massnahmenbericht «Agglomerationsprogramm St.Gallen/Arbon-Rorschach» publikumsverdaulich präsentiert.

Fast zu schön, um wahr zu sein

Auf ein Stellwänden werden Karten und Diagramme präsentiert, Schlüsselprojekte vorgestellt, Realisierungszeiträume angedeutet. Die Darstellung einer sogenannten Schwachstellen-Analyse zeigt das Stadtzentrum St.Gallen als eine einzige rote Zone – velotechnisch gesehen. Die Details des umfassenden Massnahmenplans bringen mich kurzzeitig wieder ins Träumen: da sind Passerellen geplant, Velotunnels, der lang ersehnte Ausbau der Bahnhofunterführungen und eine neue Velostation am chronisch überbelegten Bahnhof….

Alle Projekte sind mit höchster Priorität klassiert und sollen zum grössten Teil bis Ende 2018 umgesetzt werden. Das Geld dafür kommt zu fast gleichen Teilen vom Bund wie von Seiten des Kantons, der Städte und Gemeinden der Agglomerationsregion. Etwas allzu oft ist zu lesen, dass gerade die Projekte im Fuss- und Veloverkehr den Bund überzeugt hätten, das Agglomerationsprogramm positiv zu beurteilen. Dient dieses finanziell doch eher bescheidene Massnahmenteilpaket am Ende nur als Feigenblatt für die Unterstützung der viel teureren und teils äusserst strittigen Strassenprojekte?

Skeptische Träumerin

Mich würde es freuen, wären bis 2018 auch nur einige der skizzierten Verbesserungen verwirklicht. Die Situation für Velofahrer kann in der Stadt gemäss eigenen Erfahrungen kaum schlechter werden. Zu diesem Schluss kam auch die Interessensgemeinschaft Velo Schweiz, auf deren Städteranking die St.Gallen derzeit auf dem vorletzten von 28 Plätzen rangiert. Doch Illusionen mache ich mir keine – wir Zweiradfahrer geniessen keine echte Priorität gemessen an den Diskussionen um grössere Parkplatzangebote und neue Autobahnanschlüsse.

 

Die Wanderausstellung der Verkehrskampagne clevermobil ist noch bis 10. Oktober im St.Galler Rathaus zu sehen. Die Daten der nächsten Ausstellungsorte werden laufend auf clemo.ch publiziert. Der Massnahmenbericht «Agglomerationsprogramm St.Gallen Arbon-Rorschach» ist hier zu finden.

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