Zum Schluss gab es dann doch noch die grosse Überraschung: Christoph Simon gewann vor 900 Zuschauern den Titel des Schweizer Meisters im Poetry Slam, nachdem er das Publikum als Angsthasen beschimpft hatte. Schliesslich stünden sie ja nicht auf der Bühne – ein Appell an alle im Publikum, sich selber herauszufordern, sich seinen Ängsten zu stellen und sich sein Leben zu erobern.
Gleichzeitig ein Werbeblock für die Kunstsportform Poetry Slam und ebenso eine Geschichte über Christoph Simon selber, diesen eher schüchternen, feingeistigen Prosapoesie-Erzähler mit der sanften Stimme, der ein bisschen wie Martin Freeman aka Bilbo Baggins aussieht. Und der als Vater von drei Kindern als eine willkommene Abwechslung im meist pubertär-testosterongesteuerten Slamzirkus daherkommt. Als ihn ein Mitpoet kurz vor der letzten Runde gefragt hatte, ob er überhaupt noch einen Text habe, hatte er geantwortet: «Nur einen, der mir Angst macht.»
Ansonsten wenig Überraschungen
Bis zu diesem Zeitpunkt war an den Poetry Slam Meisterschaften in Basel alles sehr geradlinig verlaufen. Routiniert. Für jemanden, der das Phänomen Poetry Slam nicht erst an diesem Wochenende entdeckte, vielleicht fast ein bisschen langweilig. Und wer das Subkulturelle, Anrüchige, Improvisierte suchte, wurde vom perfekt durchorganisierten Basler Orga-Team wie auch von den teilnehmenden Slammerinnen und Slammern «enttäuscht», wenn man das als Enttäuschung werten will.
Am Freitagabend gewannen Valerio Moser und Manuel Diener aka Interrobang zum zweiten Mal in Serie den Titel in der Kategorie Team, nicht zuletzt, weil sie das einzige Team waren, das es schaffte, mehr als nur einen Text in perfekt einstudierter Choreographie auf die Bühne zu bringen. Auch in der Kategorie U20 blieb eine Überraschung aus – die Waldorf & Statler-Galerie unkte gar, der Sieger Michael Weiss sei nichts als ein Klon des Vorjahressiegers Marco Gurtner mit roten Haaren – was zumindest auf die Hip-Hop-Kluft (schwarze Kappe inklusive) und den Berner Dialekt zutraf.
Und die vermeintlich grösste Überraschung der Veranstaltung, das Ausscheiden der ehemaligen Schweizermeisterin Lara Stoll in der Vorrunde, entpuppte sich als geplant: Stoll war mit Burka, Gitarre und Feuerwerkskörpern aufgetreten – gleich ein dreifacher Regelbruch, wofür sie (als erste Slammerin überhaupt an einer Schweizermeisterschaft) disqualifiziert wurde. Die umtriebige Filme- und Fernsehmacherin und Dauerauftreterin hatte keine Zeit für die Vorbereitung gehabt und wollte nicht einfach kurzfristig absagen.
Ins Final, aber nicht zum Sieg
Den Ostschweizer Teilnehmenden erging es bitter: Zwar schafften es mit Pierre Lippuner (St.Gallen), Jan Rutishauser (Güttingen) und Martina Hügi (Winterthurgau) gleich drei ins grosse Finale (womit immerhin der Status der Ostschweiz als Hochburg ein wenig bestätigt wurde), das Stechen der besten drei verkam dann allerdings zur berndeutschen Meisterschaft zwischen dem Solothurner Kilian Ziegler, dem bereits erwähnten Marco Gurtner und eben: Christoph Simon.
Insbesondere Jan Rutishausers Performance polarisierte nicht nur beim Publikum – in der Basler «Tageswoche» wurde er als «kabarettistischer Hampelmann» heruntergeputzt. Was insbesondere deshalb ein wenig amüsant ist, weil Jan Rutishauser im Vorjahr das Oltner Kabarettcasting gewonnen hatte. In diesem Jahr hiess der Sieger Christoph Simon, der bei den Vorbereitungen dafür unterstützt wurde – von Jan Rutishauser.
Die zwei Ostschweizer Teams Gegensprechanlage (Damian Funk und Mathieu Heinz) und Zweiwanderer (Julia Kubik und, äh, der Autor dieses Texts) mussten sich mit den Plätzen fünf und sechs zufrieden geben. Nur gerade im U20 schaffte es noch eine St.Gallerin, Katharina Schmidt, aufs Podest mit Platz 3.
Apropos Randgruppen: Über die gesamte Meisterschaft bestätigte sich zwar einmal mehr das alte Klischee, dass Slam vor allem ein Männersport sei – von 37 Startern im Einzel waren gerade einmal sechs Frauen, wovon sich immerhin vier für das Final qualifizierten. Ob das eine Momentaufnahme oder in den Worten von Songwriter Marcus Wiebusch «keine glückliche Fügung sondern Fortschritt, Veränderung, wir sind auf dem Weg» ist, wird sich spätestens nächstes Jahr in Zürich zeigen.
Bild: Schweizer Meister Christoph Simon wird von seiner Konkurrenz gefeiert, Simon Hitzinger
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Naturmuseum Thurgau
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.