Am 14. April mache ich mit meiner Frau eine Kunstreise von Trogen nach Basel. In Trogen ist Sophie Taeuber aufgewachsen und in Basel wird ihr gehuldigt. Basel schmückt sich temporär mit ihr, aber in Trogen schwebt ihr inspirierender Geist ewig über dem Dorf. Davon soll hier zuerst die Rede sein.
Hoffen auf «Sophies Garten»
Wurde ich gelegentlich gefragt, welche Ambitionen ich als Künstler hätte, antwortete ich, es sei nicht mein Ziel, ein Platzhirsch zu sein, aber eine Fussnote in der Kunstgeschichte möchte ich schon werden. Dieses Ziel habe ich erreicht, allerdings vor allem, weil ich vor Jahren ein Büchlein über Sophie Taeuber-Arps Kindheit und Jugend in Trogen geschrieben habe. Deshalb erwähnen mich Journalistinnen und Journalisten, denen ich Auskunft über die Trogener Jahre der Künstlerin gebe, jeweils in den Fussnoten ihrer Texte.
Nic Aluf: Sophie Taeuber, 1920
Weil Sophie Taeuber dadaistisch inspirierend über Trogen schwebt, wovon auch etliche Künstlerinnen und Künstler im Dorf Zeugnis ablegen, müsste das Andenken an sie umfänglicher und vor allem sichtbarer gepflegt werden. Zur Zeit steht zum Beispiel das dunkelrot gestrichene Wohnhaus der Familie Taeuber zum Verkauf.
Dieses Haus könnte zum Schaulager für jene Werke werden, die sonst in den Depots verschiedener Museen schlummern. Aber auch ohne Originalwerke liesse sich im Taeuber-Haus mittels Fotos und Texten ein spannender Einblick in das Leben der Künstlerin aufbauen. Das im Moment neu gestaltete Pärkli vor dem Fünfeckpalast könnte, ohne viel Aufwand, zu «Sophies Garten» in Trogen werden.
Das Geburtshaus von Sophie Taeuber-Arp in Trogen, erbaut 1901–08. (Bild: H.R. Fricker)
Vor Jahren schenkte ich der Gemeinde Trogen eine kleine Grafik von Sophie Taeuber, welche ich im Wohnhaus von Sophie Taeuber und Hans Arp in Meudon (Frankreich) gekauft hatte. Irgendetwas von dieser weltweit geschätzten Künstlerin müsste doch im Dorf vorhanden sein, dachte ich mir. Trogen nennt sich auf der Homepage immerhin «Kulturdorf».
Elisabeth Pletscher, die Kämpferin für Frauenrechte (1908–2003), war die Einzige, die unermüdlich auf die bekannte Künstlerin aus Trogen aufmerksam machte. Erst als Sophie Taeuber 1995 auf der neuen 50-Franken-Note erschien, regte sich das Interesse im Dorf, und ich erhielt den Auftrag, über die Kindheit und Jugend von Sophie Taeuber ein Büchlein herzustellen. Elisabeth Pletscher stand mir beratend zur Seite, wusste sie doch etliche Geschichten aus dem Umfeld der Familie Taeuber zu erzählen.
Die textile Prägung
Um zu illustrieren, wie die damaligen Jugendlichen das textile Geschehen im Dorf wahrnahmen, erzählte sie, dass sie und ihre Kolleginnen oft auf den Fenstersimsen der Keller hockten, in denen gewoben und gestickt wurde. Sie wollten aber alle Entwerferinnen werden, also nicht in den Webkellern oder Sticklokalen eingesperrt sein.
Sophie Taeuber hätte dank ihrer gezielten Ausbildung zur Textilzeichnerin tatsächlich den Beruf der Entwerferin ergreifen können, während Pletscher zur engagierten medizinischen Laborantin wurde. Sophie hatte auch das Glück, nicht in einer Weber- oder Stickerfamilie aufgewachsen zu sein. Untersuchungen zur Kinderarbeit um 1900 zeigen, dass Kinder neben der Schule bis zu 60 Wochenstunden im häuslichen Textilbetrieb mitarbeiten mussten.
Sophie Taeuber-Arp: Bewegtes Kreisbild, 1934. (Bilder: Kunstmuseum Basel)
Ich wollte im Büchlein den Beweis führen, dass Sophie Taeuber durch ihr Aufwachsen in einem durch die Textilindustrie geprägten Umfeld Anschauungsunterricht für ihr späteres künstlerisches Schaffen genossen hatte. Je mehr ich mich in das Thema der Prägung vertiefte, umso spekulativer schienen mir jedoch meine Gedanken.
Letztlich wählte ich eine List, um das Textildorf Trogen doch noch mit Sophies Werk verbinden zu können: «Kaum Beachtetes, Marginales aus der Trogener Arbeitswelt vor hundert Jahren scheint nun aber, verzaubert durch die Existenz der Werke von STA, der Kunst zugehörig zu sein. Die Lochkarte, welche den Jaquardwebstuhl steuert, verwandelt sich unweigerlich in eine Komposition aus Kreisen (1934), nun mit Steuerfunktion auf die Blicke und Empfindungen der Betrachter. Abgeschnittene Fäden auf dem damals feuchten Webkellerboden aus gestampftem Lehm werden aufgewertet durch Sophie Taeubers Linienbilder, zu Bewegten Linien auf chaotischem Grund (1939). Es scheint auch, dass die Künstlerin den Betrachter mit sanftem Zwang dazu bringen möchte, die von Vergrösserern mühsam ausgemalten Musterzeichnungen auf kariertem Papier als Komposition aus quadratischen Flecken wahrzunehmen.»
Sophie Taeuber-Arp – Gelebte Abstraktion: bis 20. Juni, Kunstmuseum Basel, Online-Reservation obligatorisch
kunstmuseumbasel.ch
Kunst und Kunstgewerbe Hand in Hand
Am 14. April nun also die Kunstreise von Trogen nach Basel. Am Morgen fahren wir mit dem Auto an den beiden Häusern im Vordorf vorbei, in denen sie aufgewachsen ist. Mit der Appenzellerbahn gehts nach St.Gallen, wo sie sich seit 1904 in zwei Schulen zur Textilzeichnerin ausbilden liess. In Winterthur stellte sie 1915 im Gewerbemuseum kunstgewerbliche Arbeiten aus. In Zürich entwickelte sich Sophie Taeuber-Arp von 1915 an zur eigenständigen Tänzerin, Künstlerin und Lehrerin.
Schon bevor sie Hans Arp kennen lernte und sich mit der Dadaszene rund um das Cabaret Voltaire vernetzte, hatte sie sich mit ihren textilen kunstgewerblichen Arbeiten einen Namen gemacht. 1916 wird Sophie Taeuber-Arp Lehrerin an der Abteilung Kunstgewerbe der Gewerbeschule Zürich.
Vorbei an diesen prägenden Stätten schliesslich Ankunft in Basel und Besuch der grandiosen Schau im Kunstmuseum. Mindestens sechs grosse Museumsausstellungen mit Werken von Sophie Taeuber-Arp habe ich schon gesehen. Deshalb erwartete ich auch hier vor allem grosse Kreisbilder und Linienbilder. Empfangen werden die Besucherinnen und Besucher aber von einer Fülle textiler Arbeiten, wie ich sie noch nie in einer Museumsausstellung gesehen hatte.
Allerdings hat in der Kunstgeschichte schon seit einiger Zeit ein Umdenken gegenüber dem Werk von Sophie Taeuber-Arp stattgefunden. Nun gibt es keine Unterschiede mehr zwischen angewandter Kunst und Kunst als Malerei.
Die textilen Werke wie Wandteppiche, Tischteppiche, Stickereien, Wolle auf Stramin, Beutel, Glasperlenstickereien, Halsketten und Armbänder werden zwar zum Teil immer noch in den Kunstgewerbesammlungen von Kunstinstitutionen aufbewahrt, aber Farben und Formen sind nun mehr als bloss Dekorationen, die Gebrauchsgegenstände schmücken.
Sophie Taeuber-Arp: Halskette, 1918–20.
Sich von einem farbigen Perlarmband berühren zu lassen scheint nun legitim, allein mit dem Wort «schön» wird man diesen Werken nicht mehr gerecht. Wahrscheinlich ist es boshaft, anzunehmen, diese Umwertung habe etwas mit Teurermachen zu tun.
Abstraktion und Alltag
Im Katalog zu den Ausstellungen im MoMA New York, in London und im Kunstmuseum Basel untersucht T’ai Smith im Beitrag Die vielen Dimensionen der Perlbeutel von Sophie Taeuber-Arp die Zugehörigkeit dieser «kunstgewerblichen» Arbeiten zum Kontext der Kunst. Im Zusammenhang mit einer Erklärung, die Tristan Tzara am ersten Dada-Abend 1916 vorgetragen hatte, seien die Perlbeutel von Sophie Taeuber- Arp «zu einem unerwarteten Mittel ästhetischer Revolte» geworden.
T’ai Smith beschäftigt sich im Text auch mit den Titeln, welche die Künstlerin ihren Arbeiten gab: «Wasserfeuerwerk, Schachtelhalm, Intensitätsclown», und sieht sie «eher als humorvolle Auseinandersetzung mit der sich gerade herausbildenden abstrakten Bildsprache».
Schliesslich fragt sich T’ai Smith, was wohl passieren würde, wenn «eine oder mehrere dieser Perlarbeiten in einer Ausstellung zu sehen wären – nicht an der Wand, in einer Vitrine oder auf einem Sockel, sondern am Handgelenk modebewusster Besucherinnen hängend.» Einer solchen Person sind wir im Kunstmuseum Basel allerdings nicht begegnet.
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