40 Jahre alt sind The Young Gods dieses Jahr geworden. Damit sind sie ein Jahr jünger als die Grabenhalle, in der sie am Freitagabend aufgetreten sind. Doch welche Rolle spielt überhaupt das Alter bei einer Band, die ihrer Zeit oft voraus war und bis heute auf eine ganz eigene Weise zeitlos geblieben ist? Die weder Ermüdungserscheinungen noch Altersmilde zeigt, sondern sich in all den Jahren immer wieder neu erfunden hat? Die Antwort steckt schon in den Fragen: so gut wie keine.
Selbst die Aussage, die jungen Götter seien gut gealtert, ist nicht ganz zutreffend, denn diese erleben quasi gerade ihre Wiedergeburt – einerseits musikalisch, indem sie zu ihren Wurzeln zurückkehren, und andererseits kommerziell, sofern man diesen Begriff im Zusammenhang mit dieser Band überhaupt verwenden möchte. Das Konzert war schon Wochen im Voraus ausverkauft, was man – trotz ihres Stellenwerts – durchaus als Überraschung bezeichnen kann, zumindest den frühen Zeitpunkt. Ihr letztes Konzert in der Grabenhalle im Sommer 2020, als die Coronapandemie gefühlt pausierte und nach dem ersten Lockdown für kurze Zeit so etwas wie (Konzert-)Normalität herrschte, war ebenso wenig ausverkauft wie der Auftritt im Palace vor zwei Jahren, an dem sie ihre Interpretation von Terry Rileys In C live aufführten.
Doch seit dem Release von Appear Disappear vor genau einem halben Jahr surft die Band auf einer Erfolgswelle. Fast alle Konzerte in der Schweiz sind ausverkauft, und Appear Disappear schaffte es als erstes Young-Gods-Album überhaupt auf Platz 1 der Schweizer Hitparade. Das ist zwar weder ein Qualitätsmerkmal noch hat es in Zeiten von Musikstreaming dieselbe Aussagekraft wie früher, aber es zeigt dennoch, dass The Young Gods endlich (wieder) die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdienen. Und hätte es noch einen Beweis gebraucht, warum sie die beste und wichtigste Rockband sind, welche die Schweiz hervorgebracht hat, erbringen sie ihn an diesem Abend.
Lustvoll und bedingungslos ehrlich
Das Konzert in der Grabenhalle beginnt mit Appear Disappear, dem Opener des gleichnamigen neunten Studioalbums (Werke wie Play Kurt Weill, Heaven Deconstruction oder Play Terry Riley In C ausgenommen), mit dem sich für Franz Treichler, Cesare Pizzi und Bernard Trontin gewissermassen ein Kreis geschlossen hat. Es schlägt die Brücke zu den Anfangsjahren, als The Young Gods mangels (finanzieller) Möglichkeiten, Gitarren richtig gut aufzunehmen, kurzerhand auf erschütternde Gitarrensamples auswichen, diese mit donnernden Drums oder metallisch stampfenden Beats unterlegten und so zu Pionieren des Industrial-Genres wurden. Solche Samples finden sich auf dem neuen Werk zuhauf. Nicht bloss als Referenz auf die alten Zeiten, sondern bewusstes Stilmittel in einem modernen Sound. Es gab sie auch Super Ready/Fragmenté (2007) und Everybody Knows (2010), aber nicht in dieser Konsequenz.
Franz Treichler spielt erst seit den Nullerjahren Gitarre. Davor kamen alle Gitarrenklänge aus dem Sampler.
Gründungsmitglied Cesare Pizzi verliess The Young Gods 1988 und kehrte 2012 zurück.
Wie wichtig Appear Disappear für The Young Gods ist, unterstreicht auch die Tatsache, dass sie das Album fast komplett durchspielen. Neun der zehn Tracks finden den Weg ins Set, einzig Tu en ami du temps fehlt. Dazu gibt es sechs Songs aus den Anfangsjahren bis zum dritten Album T.V. Sky von 1992, darunter Klassiker wie The Night Dance, Skinflowers oder Did You Miss Me?. Und alles dazwischen? Bis auf das fantastische All My Skin Standing vom letzten Werk Data Mirage Tangram (2019) ignorieren die Götter den Rest ihrer Diskografie.
Die Setlist an diesem Abend ist dieselbe wie bei den meisten anderen Konzerten der Tour, die seit Mitte Oktober läuft. Und doch hat man in keinem Moment das Gefühl, dass hier eine Band einfach dasselbe Programm abspult wie jeden Abend. Im Gegenteil: Wie lustvoll und bedingungslos ehrlich das Trio seine Musik spielt, ist beeindruckend.
Ein emotionales wie körperliches Erlebnis
Die Musik setzt die Grabenhalle von den ersten Takten an unter Strom. Der Sound ist perfekt abgemischt und The Young Gods jagen eine Druckwelle nach der anderen durch den Saal. Mal bauen sie die Spannung mit knisternder Elektronik und instrumentaler Dynamik langsam auf, um sie dann explosionsartig ausbrechen zu lassen, etwa im zweiten Song Systemized, mal lassen sie es wie in Blue Me Away ohne viel Anlaufzeit krachen. Die messerscharfen Samples von Cesare Pizzi – dem Gründungsmitglied, das 2012 nach 23 Jahren zur Band zurückgekehrt war – fräsen sich ins Knochenmark. Sänger Franz Treichler, mittlerweile mit kurzen Haaren und Brille, verstärkt diese mit richtigen Gitarren oder schafft, wo Samples fehlen, einen schönen Kontrast – ein Stilmittel, das The Young Gods seit etwas mehr als einer Dekade praktizieren. Auch ohne viele Worte zu verlieren hat der 64-Jährige ein einnehmendes Charisma.
Und Bernard Trontins Drumming ist ein Erlebnis für sich. Es ist so etwas wie das Herz dieser Musik, der Pol, der sie zusammenhält, der Motor, der sie antreibt. Der Schlagzeuger, seit 1997 Mitglied der Band, verrichtet seinen Job mit Präzision und Sinnlichkeit gleichermassen. Mal martialisch, mal hypnotisch, mit Gefühl und Kraft gleichzeitig, und immer wieder blitzt dieses diabolische Grinsen auf, das zeigt, wie viel Spass es ihm macht.
Bernard Trontin stiess 1997 zu The Young Gods.
Es ist ein umwerfend gutes Konzert, ein emotionales wie körperliches Erlebnis. Diese Wucht, die das Trio auf der Bühne entwickelt, hat nicht primär mit Lautstärke zu tun, sondern mit der schieren Kraft der Musik. Das zeigt sich auch in den vergleichsweise ruhigeren Momenten, etwa All My Skin Standing. Und die perfekt auf diese abgestimmte Lichtshow mit den neun Lichtsäulen tut ihr Übriges, um das Publikum in den Bann zu ziehen – und die Zeit komplett vergessen zu lassen.
Für alle, die das Konzert in der Grabenhalle verpasst haben, gibt es in der Region nochmal eine Chance: Am 6. März spielen The Young Gods im Salzhaus in Winterthur.