Die schiere Kraft der Musik

Was für eine Wucht: The Young Gods an ihrem Konzert in der ausverkauften Grabenhalle. (Bilder: Mario Baronchelli)

Am Freitag haben The Young Gods in der St.Galler Grabenhalle Halt gemacht und dabei ihr neues Album Appear Disappear präsentiert. Es war ein fantastisches Konzert, das einen bis in die Knochen erschütterte.

40 Jah­re alt sind The Young Gods die­ses Jahr ge­wor­den. Da­mit sind sie ein Jahr jün­ger als die Gra­ben­hal­le, in der sie am Frei­tag­abend auf­ge­tre­ten sind. Doch wel­che Rol­le spielt über­haupt das Al­ter bei ei­ner Band, die ih­rer Zeit oft vor­aus war und bis heu­te auf ei­ne ganz ei­ge­ne Wei­se zeit­los ge­blie­ben ist? Die we­der Er­mü­dungs­er­schei­nun­gen noch Al­ters­mil­de zeigt, son­dern sich in all den Jah­ren im­mer wie­der neu er­fun­den hat? Die Ant­wort steckt schon in den Fra­gen: so gut wie kei­ne. 

Selbst die Aus­sa­ge, die jun­gen Göt­ter sei­en gut ge­al­tert, ist nicht ganz zu­tref­fend, denn die­se er­le­ben qua­si ge­ra­de ih­re Wie­der­ge­burt – ei­ner­seits mu­si­ka­lisch, in­dem sie zu ih­ren Wur­zeln zu­rück­keh­ren, und an­de­rer­seits kom­mer­zi­ell, so­fern man die­sen Be­griff im Zu­sam­men­hang mit die­ser Band über­haupt ver­wen­den möch­te. Das Kon­zert war schon Wo­chen im Vor­aus aus­ver­kauft, was man – trotz ih­res Stel­len­werts – durch­aus als Über­ra­schung be­zeich­nen kann, zu­min­dest den frü­hen Zeit­punkt. Ihr letz­tes Kon­zert in der Gra­ben­hal­le im Som­mer 2020, als die Co­ro­na­pan­de­mie ge­fühlt pau­sier­te und nach dem ers­ten Lock­down für kur­ze Zeit so et­was wie (Kon­zert-)Nor­ma­li­tät herrsch­te, war eben­so we­nig aus­ver­kauft wie der Auf­tritt im Pa­lace vor zwei Jah­ren, an dem sie ih­re In­ter­pre­ta­ti­on von Ter­ry Ri­leys In C live auf­führ­ten. 

Doch seit dem Re­lease von Ap­pear Di­s­ap­pear vor ge­nau ei­nem hal­ben Jahr surft die Band auf ei­ner Er­folgs­wel­le. Fast al­le Kon­zer­te in der Schweiz sind aus­ver­kauft, und Ap­pear Di­s­ap­pear schaff­te es als ers­tes Young-Gods-Al­bum über­haupt auf Platz 1 der Schwei­zer Hit­pa­ra­de. Das ist zwar we­der ein Qua­li­täts­merk­mal noch hat es in Zei­ten von Mu­sik­strea­ming die­sel­be Aus­sa­ge­kraft wie frü­her, aber es zeigt den­noch, dass The Young Gods end­lich (wie­der) die Auf­merk­sam­keit be­kom­men, die sie ver­die­nen. Und hät­te es noch ei­nen Be­weis ge­braucht, war­um sie die bes­te und wich­tigs­te Rock­band sind, wel­che die Schweiz her­vor­ge­bracht hat, er­brin­gen sie ihn an die­sem Abend.

Lust­voll und be­din­gungs­los ehr­lich

Das Kon­zert in der Gra­ben­hal­le be­ginnt mit Ap­pear Di­s­ap­pear, dem Ope­ner des gleich­na­mi­gen neun­ten Stu­dio­al­bums (Wer­ke wie Play Kurt Weill, He­a­ven De­con­s­truc­tion oder Play Ter­ry Ri­ley In C aus­ge­nom­men), mit dem sich für Franz Treich­ler, Ce­sa­re Piz­zi und Ber­nard Tron­tin ge­wis­ser­mas­sen ein Kreis ge­schlos­sen hat. Es schlägt die Brü­cke zu den An­fangs­jah­ren, als The Young Gods man­gels (fi­nan­zi­el­ler) Mög­lich­kei­ten, Gi­tar­ren rich­tig gut auf­zu­neh­men, kur­zer­hand auf er­schüt­tern­de Gi­tar­ren­samples aus­wi­chen, die­se mit don­nern­den Drums oder me­tal­lisch stamp­fen­den Beats un­ter­leg­ten und so zu Pio­nie­ren des In­dus­tri­al-Gen­res wur­den. Sol­che Samples fin­den sich auf dem neu­en Werk zu­hauf. Nicht bloss als Re­fe­renz auf die al­ten Zei­ten, son­dern be­wuss­tes Stil­mit­tel in ei­nem mo­der­nen Sound. Es gab sie auch Su­per Re­a­dy/Frag­men­té (2007) und Ever­y­bo­dy Knows (2010), aber nicht in die­ser Kon­se­quenz. 

Franz Treichler spielt erst seit den Nullerjahren Gitarre. Davor kamen alle Gitarrenklänge aus dem Sampler. 

Gründungsmitglied Cesare Pizzi verliess The Young Gods 1988 und kehrte 2012 zurück. 

Wie wich­tig Ap­pear Di­s­ap­pear für The Young Gods ist, un­ter­streicht auch die Tat­sa­che, dass sie das Al­bum fast kom­plett durch­spie­len. Neun der zehn Tracks fin­den den Weg ins Set, ein­zig Tu en ami du temps fehlt. Da­zu gibt es sechs Songs aus den An­fangs­jah­ren bis zum drit­ten Al­bum T.V. Sky von 1992, dar­un­ter Klas­si­ker wie The Night Dance, Sk­in­flowers oder Did You Miss Me?. Und al­les da­zwi­schen? Bis auf das fan­tas­ti­sche All My Skin Stan­ding vom letz­ten Werk Da­ta Mi­ra­ge Tang­ram (2019) igno­rie­ren die Göt­ter den Rest ih­rer Dis­ko­gra­fie. 

Die Set­list an die­sem Abend ist die­sel­be wie bei den meis­ten an­de­ren Kon­zer­ten der Tour, die seit Mit­te Ok­to­ber läuft. Und doch hat man in kei­nem Mo­ment das Ge­fühl, dass hier ei­ne Band ein­fach das­sel­be Pro­gramm ab­spult wie je­den Abend. Im Ge­gen­teil: Wie lust­voll und be­din­gungs­los ehr­lich das Trio sei­ne Mu­sik spielt, ist be­ein­dru­ckend. 

Ein emo­tio­na­les wie kör­per­li­ches Er­leb­nis

Die Mu­sik setzt die Gra­ben­hal­le von den ers­ten Tak­ten an un­ter Strom. Der Sound ist per­fekt ab­ge­mischt und The Young Gods ja­gen ei­ne Druck­wel­le nach der an­de­ren durch den Saal. Mal bau­en sie die Span­nung mit knis­tern­der Elek­tro­nik und in­stru­men­ta­ler Dy­na­mik lang­sam auf, um sie dann ex­plo­si­ons­ar­tig aus­bre­chen zu las­sen, et­wa im zwei­ten Song Sys­te­mi­zed, mal las­sen sie es wie in Blue Me Away oh­ne viel An­lauf­zeit kra­chen. Die mes­ser­schar­fen Samples von Ce­sa­re Piz­zi – dem Grün­dungs­mit­glied, das 2012 nach 23 Jah­ren zur Band zu­rück­ge­kehrt war – frä­sen sich ins Kno­chen­mark. Sän­ger Franz Treich­ler, mitt­ler­wei­le mit kur­zen Haa­ren und Bril­le, ver­stärkt die­se mit rich­ti­gen Gi­tar­ren oder schafft, wo Samples feh­len, ei­nen schö­nen Kon­trast – ein Stil­mit­tel, das The Young Gods seit et­was mehr als ei­ner De­ka­de prak­ti­zie­ren. Auch oh­ne vie­le Wor­te zu ver­lie­ren hat der 64-Jäh­ri­ge ein ein­neh­men­des Cha­ris­ma. 

Und Ber­nard Tron­tins Drum­ming ist ein Er­leb­nis für sich. Es ist so et­was wie das Herz die­ser Mu­sik, der Pol, der sie zu­sam­men­hält, der Mo­tor, der sie an­treibt. Der Schlag­zeu­ger, seit 1997 Mit­glied der Band, ver­rich­tet sei­nen Job mit Prä­zi­si­on und Sinn­lich­keit glei­cher­mas­sen. Mal mar­tia­lisch, mal hyp­no­tisch, mit Ge­fühl und Kraft gleich­zei­tig, und im­mer wie­der blitzt die­ses dia­bo­li­sche Grin­sen auf, das zeigt, wie viel Spass es ihm macht. 

Bernard Trontin stiess 1997 zu The Young Gods. 

Es ist ein um­wer­fend gu­tes Kon­zert, ein emo­tio­na­les wie kör­per­li­ches Er­leb­nis. Die­se Wucht, die das Trio auf der Büh­ne ent­wi­ckelt, hat nicht pri­mär mit Laut­stär­ke zu tun, son­dern mit der schie­ren Kraft der Mu­sik. Das zeigt sich auch in den ver­gleichs­wei­se ru­hi­ge­ren Mo­men­ten, et­wa All My Skin Stan­ding. Und die per­fekt auf die­se ab­ge­stimm­te Licht­show mit den neun Licht­säu­len tut ihr Üb­ri­ges, um das Pu­bli­kum in den Bann zu zie­hen – und die Zeit kom­plett ver­ges­sen zu las­sen. 

Für al­le, die das Kon­zert in der Gra­ben­hal­le ver­passt ha­ben, gibt es in der Re­gi­on noch­mal ei­ne Chan­ce: Am 6. März spie­len The Young Gods im Salz­haus in Win­ter­thur. 

Die Setlist des Konzerts in der Grabenhalle

Song (Al­bum)

Ap­pear Di­s­ap­pear (Ap­pear Di­s­ap­pear) 

Sys­te­mi­zed (Ap­pear Di­s­ap­pear)

Hey Amour (Ap­pear Di­s­ap­pear)

Black­wa­ter (Ap­pear Di­s­ap­pear)

All My Skin Stan­ding (Da­ta Mi­ra­ge Tang­ram) 

She Rains (T.V. Sky) 

In­tert­idal (Ap­pear Di­s­ap­pear)

The Night Dance (T.V. Sky) 

Ga­so­li­ne Man (T.V. Sky) 

Mes yeux de tous (Ap­pear Di­s­ap­pear)

Blue Me Away (Ap­pear Di­s­ap­pear)

Shi­ne That Dro­ne (Ap­pear Di­s­ap­pear)

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Sk­in­flowers (T.V. Sky) 

L’Amour­ir  (Sin­gle von 1988, spä­ter als Bo­nus­track auf L’eau rouge)

Off The Ra­dar (Ap­pear Di­s­ap­pear) 

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Did You Miss Me? (The Young Gods)

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