The Young Gods haben wahrlich schon Grenzen ausgelotet. Die legendäre Post-Industrial-Band aus der Romandie war in den fast 40 Jahren ihres Bestehens nicht nur stilprägend und hat zahlreiche Musiker:innen beeinflusst, sie hat ausserdem auch immer wieder neue Herausforderungen gesucht: Stücke von Kurt Weill neu aufgenommen, den Woodstock-Film neu vertont oder ihr eigenes Material in akustischer Form neu eingekleidet. Zuletzt haben The Young Gods In C aufgenommen. Es ist ein Highlight in ihrer Diskografie.
In C ist ein Klassiker der Minimal Musik, geschrieben 1964 von Terry Riley. Es besteht aus 53 kurzen, nummerierten Teilen, sogenannten Phrasen. Die Musiker:innen entscheiden selber, wie oft sie eine Phrase wiederholen, wann sie zur nächsten Phrase übergehen oder an welchen Stellen sie pausieren und so ihr Instrument kurzzeitig aus dem Gesamtbild zurücknehmen. Die vielen Versionen, die es von In C gibt, unterscheiden sich denn auch grundlegend, sei es in Bezug auf die Grösse der Formationen oder der Länge. Die Version von Franz Treichler, Bernard Trontin und Cesare Pizzi dauert knapp eine Stunde und besteht aus Gitarre, Schlagzeug und Sampler.
Hypnotisch und fesselnd
Den Young Gods ist eine Interpretation von In C gelungen, der man sich stundenlang hingeben kann. Es ist ein hypnotisches Stück, das einen mit seinem Wechselspiel aus Rhythmen, Instrumenten, Dynamik und Tempo vom Anfang bis zum Ende einnimmt. Immer wieder entstehen neue Motive, die Klangfarben wechseln. Es ist, als ob sich die Töne und Geräusche aus vielen Puzzleteilen, die um einen herumschweben, zu einem wabernden Gesamtbild zusammensetzen.
Die Musik ist in einem steten Fluss, mal pulsiert sie ganz sanft, dann wieder kräftiger und lauter. Wobei The Young Gods trotz ihres Markenzeichens, der krachenden Ausbrüche, noch nie eine Band waren, die Kraft mit Lautstärke gleichgesetzt haben. Auch auf In C entsteht diese Kraft oft aus ganz leisen Momenten. Erst nach knapp 40 Minuten hört man eines dieser messerscharfen Gitarrensamples, für die die Band bekannt ist. Gesang gibt es nicht, Franz Treichlers Stimme wird nur an einigen wenigen Stellen instrumental eingesetzt. So bauen The Young Gods über 50 Minuten lang eine Spannung auf, die wellenförmig immer grösser wird und sich am Ende in einem eruptiven Crescendo löst.
Live nochmal eine andere Stufe
Diese Platte ist ein Erlebnis. Sie zu Hause auf dem Sofa zu hören, ist bei jedem Hördurchgang aufs Neue faszinierend und fesselnd. Aber mitzuerleben, wie Franz Treichler, Bernard Trontin und Cesare Pizzi, der 2012 für Al Comet zu den jungen Göttern zurückgekehrt ist, live auf der Bühne dieses wundervolle Werk kreieren, wie sie mit einem blinden Verständnis aufeinander reagieren, sich gegenseitig inspirieren, herausfordern und antreiben, das ist nochmal eine andere Stufe dieser Erfahrung. Zumal sie bei diesen Auftritten ihre Interpretation von In C in einem ersten Teil des Konzerts als Ganzes aufführen – soweit man das von diesem Stück überhaupt sagen kann.
Live: 13. Oktober, 21 Uhr, Palace St.Gallen
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