Das Büro der City-Managerin, die die Stadt vermarktet, befindet sich im selben Gebäude, auf derselben Etage, geschützt durch den gleich hohen Sicherheitsstandard wie jenes des Bürgermeisters. Tel Aviv ist das mediterrane Paradebeispiel für erfolgreiches City-Branding. Die «Weisse Stadt» feiert ihre Offenheit, ihre Kreativität, die Opposition zum israelischen Nationalismus, der in Jerusalem vorherrscht, das Jungunternehmertum, allgemein die Wirtschaftsfreundlichkeit, auch die soziale und ethno- kulturelle Vielfalt, die sprühende Party- und LGBTIQ*-Community und das «weltweit grösste Ensemble der Bauhaus-Architektur». Überall schiessen die Hipster-Cafés aus dem Boden, der Tourismus blüht.
All About Tel Aviv-Jaffa: bis 6. Oktober, Jüdisches Museum Hohenems
jm-hohenems.at
In den letzten Jahren ist ein derartiger Hype um das Tor zum Westen, die Oase inmitten des kriegsgeplagten Nahen Ostens, entstanden, dass das Jüdische Museum in Hohenems beschloss, Tel Aviv, seinen Mythen und seinen Abgründen die Sonderausstellung «All About Tel Aviv-Jaffa» zu widmen.
Tel Aviv heisst «Hügel des Frühlings». Darin verbirgt sich das zionistische Programm, nach welchem die Stadt als weltliches Gegenstück zum religiösen Jerusalem aus dem Boden gestampft wurde. Aus dem Alten entsteht Neues, das kulturelle Wiedererwachen Israels auf Jahrtausende alten Dünen. Die Erbauer prägten das Bild einer Stadt aus dem Sand und blendeten damit die fast 2000-jährige arabische Siedlungsgeschichte des heutigen Metropolitangebiets bewusst aus.
Stadt ohne Geschichte
«Tel Aviv ist eine Erfindung des 20. Jahrhunderts, eine Retortenstadt, deren Geschichte als Vorort einer anderen Stadt beginnt», sagt Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums Hohenems, als er uns durch die Ausstellung führt. «Die Stadt will anders sein, die nationale Politik entspricht nicht jener Tel Avivs. Die Stadt lebt aber vor allem im Hier und Jetzt. Mit Geschichte setzt man sich nicht allzu sehr auseinander, weil diese könnte arabisch sein.»
Der Rückgriff auf die Bauhaus-Tradition der 1920er- und 30er-Jahre dient nicht zuletzt auch dem Kampf gegen megalomane Stadtbaupläne. 2003 wurde die Bauhaus-Architektur Tel Avivs ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen. Damit geworben wird jetzt, zum Bauhaus-Jubiläum, mehr denn je, auch wenn Israel 2018 aus der Unesco ausgetreten ist. «Viele Gebäude in Tel Aviv haben den Bauhausstil allerdings nur zur Fassade hin imitiert», sagt Hanno Loewy. «Mit der Sozialutopie von Bauhaus haben diese wenig zu tun.»
Mit zunehmendem Erfolg des City-Brandings hat auch die Gentrifizierung der einst ärmlichen Künstlerviertel eingesetzt. Die ärmeren Schichten werden immer weiter in die schäbigen Vorstädte abgedrängt. «Das Entwicklungstempo und die Gegenwartshysterie legen Konflikte frei», sagt Loewy. Seit den 1880er-Jahren folgten diverse Einwanderungswellen in das Gebiet, und immer blickten die bereits Anwesenden auf die Neuankömmlinge herunter. Der Tel-Aviver Sänger und Schauspieler Arik Einstein und der frühere Regisseur und heutige orthodoxe Rabbiner Uri Zohar haben 1973 dazu einen schönen Sketch aufgenommen.
In der sozialen Hackordnung stehen die europäischen Juden zuoberst, über den arabischen Juden, den schwarzen Juden und den muslimischen Arabern. Die vielgepriesene Toleranz, das ethnische Miteinander bleibt letztlich oberflächlich, die soziale und ökonomische Realität ist eine andere. Die berühmten Jaffa-Orangen, die nach dem arabischen Stadtteil, den Tel Aviv umschlossen hat, benannt sind, sind zum Symbol des palästinensischen Freiheitskampfs geworden. Die Früchte für den Saft, der in den Strand-Bistros serviert wird, werden von aussen herangekarrt.
Auf fünf Räume im Untergeschoss des Jüdischen Museum Hohenems ist die Sonderausstellung verteilt. Historische Bilder und zeitgenössische Fotografien von Peter Loewy, Architekturmodelle und Filmsequenzen zeigen die Geschichte, die Mythen, aber eben auch die Abgründe sozialer Ungleichheit und megalomanischer Stadtplanungswut, die Siedlungs- und die Gleichstellungspolitik einer Stadt, die versucht, ihre eigene Ge- schichte zu vergessen und zu verdrängen, was nicht als «weiss» gilt. Eine Stadt, die immer weiter wächst und wo nur weit im Hintergrund noch ein paar Orangen blühen.
Der Text erschien im Juni-Heft.
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