Zwanzig Jahre nach seinem Tod ist Meienberg in St.Gallen angekommen, mit Ausstellung, Debatten und kaum noch Misstönen. "Warum Meienberg?" fragt die Ausstellung im Kulturraum am Klosterplatz. Zur Vernissage gab es Grossandrang.
„Ein grosser Moment – Meienberg in St.Gallen“: So leitet Ursula Badrutt vom kantonalen Amt für Kultur am Freitagabend die Vernissage zur Meienberg-Ausstellung „Warum Meienberg?“ im Kulturraum am Klosterhof ein.
Andere Zeiten – 1991 hatte der damalige Kulturamtschef Walter Lendi eine Einladung zur städtischen Kulturpreisverleihung an Meienberg noch unwirsch abgelehnt, weil sie „in Anbetracht des Anti-St.Gallen-Syndroms des zu Ehrenden deplaziert“ sei. Es gab weitere bemerkenswerte Absagen, darunter vom FDP-Gemeinderat und heutigen Stadtammann Thomas Scheitlin: „Niklaus Meienberg ist nicht eine Persönlichkeit, die zur positiven Entwicklung unserer Stadt beigetragen hat“, schrieb jener „in der Hoffnung auf eine zukünftige bessere Wahl“. Man kann das nachlesen, eine ganze Reihe von Druckern spuckt Meienberg-Texte und Texte zu Meienberg aus. Das ist das Listige an dieser Ausstellung, die Stefan Keller, Johannes Stieger und Michael Schoch konzipiert haben: Sie präsentiert den „zu Ehrenden“ nicht einfach offen, hofiert ihm schon gar nicht, man muss ihn vielmehr suchen in den Texten und wird so verführt zum Wieder- und Weiterlesen.
Erinnerungen und Neu-Lektüren
Andere Zeiten… Jetzt also richtet der Kanton, zusammen mit der Vadiana, die Ausstellung aus. Die Laudatio hält Regierungsrat Martin Klöti, dessen Vorvorgänger sich damals 1991 noch in corpore ihrerseits entschuldigen liessen, ohne Begründung. Wir St.Galler dürften stolz sein darauf, dass Meienberg, die „Ausnahmeerscheinung“ im Schweizer Journalismus, einer der unsrigen sei, sagt Klöti und fühlt sich vorerst dennoch nur halbwegs berufen, N.M. zu würdigen, der nicht zu seinen Lieblingsautoren gehöre. Umso pikanter die persönliche Erinnerung, die Klöti erzählt: Er wuchs in einem Haus in Feldmeilen auf, Blick auf Mariafeld, das Wohngut des Wille-Clans; das Grundstück hatte Vater Klöti der Wille-Familie abgekauft für 25 Franken den Quadratmeter – jener Clan also, dessen undemokratische und deutschfreundliche Armeeführung im ersten und zweiten Weltkrieg Meienberg in „Die Welt als Wille & Wahn“ aufdeckte.
Von den Willes hätte man auch gern ein Erinnerungsstück in der Ausstellung gehabt, so wie ein paar Devotionalien, Schreibtisch und Hermes Baby, Hut und Töffhelm aus dem Estrich der Meienberg-Erbin Loris Scola den Weg nach St.Gallen gefunden haben. Aber die Wille-Nachkommen lehnten per Mail kurz angebunden ab. Das Mail liegt jetzt in der Vitrine neben Meienbergs Notizbuch, und das Wille-Buch ist noch im Handel. Also: Meienberg weiterlesen!
Kindheit, Jugend und Studium, Frankreich, Tagi-Berufsverbot, Reportagen über grosse und kleine Leute, Ernst S. und Maurice Bavaud, Schweiz-Reflexion und Sprachgewalt: Das sind die Meienberg-Stationen, mit pfiffigem Mobiliar über den Raum verteilt. Bisher Unbekanntes oder neue Deutungen bietet die Ausstellung zwar nicht, aber vielfältige Anregungen zur Neu-Entdeckung. Warum Meienberg? Antworten darauf wollen in erster Linie die Diskussionsrunden innerhalb der Ausstellung geben, Start am 22. August mit Peter Bichsel und Peter Meienberg, später auch mit Ruth Dreifuss, Paul Rechsteiner und zahlreichen anderen.
Antworten aus Frauensicht gibt es bereits: versammelt auf einem Plakat. Anna Frei, die zusammen mit Bettina Stehli das Projekt initiiert hat, Meienberg aus queer_feministischer Perspektive wieder zu lesen, gesteht darauf unter anderem: „Wütend an der Arbeit mit Meienbergs Textkörper machte mich, gerade weil wir uns vorgenommen haben, uns nicht an ihm abzuarbeiten, dass uns seine Präsenz erst mal gar nichts anderes übrig liess.“ Die Abarbeitung hat sich dennoch gelohnt, das Ergebnis ist höchst spannend.
Posten, post Meienberg
Andere Zeiten… Bei aller Lust des Wiederlesens: Meienbergs Welt ist Geschichte. Das wird an der Vernissage schlagend klar mit den Liedern, die Manuel Stahlberger singt. „Begegnigszone“, „Neumarkt“, „Leaving Eggersriet“ oder „Schadet de Wirtschaft“: In diesen kurzen Songs, komisch und traurig, messerscharf beobachtet, aber nie aggressiv, skizziert Stahlberger satirisch die Welt nach Meienberg: Polizeiidylle in der Stadt, Überwachungskameras „nur zum Spass“, „kei Protest – gege was au?“. Alles läuft rund, die Welt als Drive-in und Konsumtempel, das Leben ein Musicalstoff. Draussen lärmt während der Meienberg-Vernissage das St.Gallerfest.
Meienberg, so beginnt Stefan Keller seine Laudatio, hatte ein paar Wochen vor seinem Freitod am 22. September 93 schon einmal einen Selbstmordversuch gemacht und ihm, dem Freund davon erzählt: Abgebrochen habe er ihn, weil ihm zum Ersticken nur ein Coop-Plastiksack zur Hand war und er nicht noch im Tod Reklame machen wollte.
Warum Meienberg? Pourquoi Meienberg? Kulturraum am Klosterplatz St.Gallen, bis 29. September. www.kultur.sg.ch. Bilder: Loris Scola, Samuel Schalch
Saiten kommt im Septemberheft ausführlich auf Niklaus Meienberg zurück.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.