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Ein paar Ausrufe- und Fragezeichen

Volle Lokremise am Montagabend: Mehrere hundert Kulturinteressierte folgten der Einladung zur Rede von Bundesrat Berset und zur kulturpolitischen Debatte im Anschluss. Diese darf ruhig weitergehen.
Von  Corinne Riedener

Kultur?? Kultur!! am 30.3.15 in der Lokremise St.GallenÜber 300 Leute sassen (und standen) am Montagabend in der Kunstzone der Lokremise St.Gallen. Kultur interessiert offenbar, das ist beruhigend – auch wenn das Wahljahr vermutlich ein klein wenig dazu beitrug. Und Kultur interessiert nicht nur die Institutionen und üblichen Verdächtigen, sondern generationenübergreifend eine ziemlich bunte Menge an Leuten.

Bundesrat und Kulturminister Alain Berset (links) erläuterte in seinem Referat die Kulturbotschaft 2016-2020 des Bundes, Ständerat Paul Rechsteiner (rechts) lobte die kulturelle Aufbruchstimmung in seinem Schlusswort. An der Podiumsdiskussion zuvor debattierte (oben im Titelbild) Historiker Stefan Keller (links) mit Martin Klöti (Regierungsrat SG, rechts) und Martha Monstein (Kulturamtsleiterin TG) sowie (Bild unten) Josef Felix Müller (Künstler) und Kaspar Surber (Journalist und Palace-Mitgründer) über die regionale Kulturpolitik.

Kultur?? Kultur!! – Alles in allem war es ein gelungener Abend. Mit erfreulichen und durchaus auch streitbaren Voten. Ein paar dieser Ausrufe- und Fragezeichen haben wir herausgepickt:

  • Kultur habe Antworten auf die «gewisse Verwirrung» durch Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung oder demografische Verschiebungen, sagte Alain Berset. Sie fördere den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wirke der Zersplitterung der Milieus entgegen. Kultur sei Identität. Und: Aufgrund ihrer Vielfalt brauche die Schweiz eine «kohärente Kulturpolitik». Eine der Massnahmen betrifft die musikalische Förderung, Stichwort Jugend+Musik. Heisst das also, dass es in der Primarschule bald auch Djembé- oder Bağlama-Unterricht gibt?
  • Apropos: Josef Felix Müller erinnerte auch an die Verantwortung der Bildungspolitik. Kreativität müsse im Unterricht verankert werden, forderte er unter anderem und bedauerte die Ausbildungssituation für gestalterische und musische Berufe in der Ostschweiz. Diese ist in der Tat lausig und fördert wohl nicht zuletzt auch den von Martha Monstein beklagten Brain Drain – was aber nicht heissen soll, dass wir uns deshalb ausbildungstechnisch an der neuen «Künstlerfabrik» auf dem Toniareal orientieren müssen. Lieber an etwas weniger Sterilem.
  • Kultur dürfe nicht für soziale Integration missbraucht werden, mahnte Monstein und erntete damit Widerspruch. Zurecht, denn schliesslich soll man nichts unmissbraucht lassen, wenn es um die soziale Integration geht.
  • Kulturelle Teilhabe – das grosse Wort des Abends. Martha Monstein dazu: «Teilhabe darf nicht auf die Jugendlichen reduziert werden.» Ergänzen könnte man: und auch nicht auf Herkunft, Einkommen, Geschlecht oder sonstige Vordergründigkeiten. Und wie Kaspar Surber richtig bemerkte: Teilhabe darf nicht von oben nach unten verordnet werden.
  • Da Kultur nicht an den Grenzen endet, darf man auch fragen, wie sinnvoll denn eine rein kantonale Kulturpolitik ist. Darin war man sich einig. Dafür gibts auch schon Worte: Grenzen «perforieren», wie Stefan Keller es nannte. Oder «Bodenseeregionkultur». Und natürlich auch Projekte, etwa die Expo 2027, auf die sich die Podiumsgäste beriefen. Wobei die kulturelle Teilhabe aller in diesem Fall vermutlich weniger wichtig ist als das aufpolierte Image, die preisgekrönten Kunstprojekte oder das wirtschaftliche Ranking der Bodenseeregion.
  • Regierungsrat Martin Klöti wünscht sich ein Globalbudget für die Kultur: 1 Prozent des kantonalen Haushaltsbudgets. Klingt zwar ein bisschen nach Entwicklungshilfe-Jargon, wäre aber eine ganz ordentliche Stange Geld angesichts der aktuell budgetierten ca. 4.5 Milliarden Franken. Damit liesse sich einiges anstellen – sofern das Geld aus dem Lotteriefonds dadurch nicht entfällt.
  • «Nicht sparen, sondern investieren!», entgegnete Kaspar Surber, als Regierungsrat Klöti von den zähen Kulturdebatten im Kantonsrat berichtete. Soso, antizyklische Investitionen also. Damit sollte sich Herr Klöti als FDP-Mitglied eigentlich bestens auskennen. Ob er dank Surbers keynesianischem Argument bald auch den Rest der Partei auf seiner Seite hat?
  • Klöti zum Dritten: Geht es nach ihm, soll die integrierte Notrufzentrale der St.Galler Kantonspolizei unter der Pfalz zum neuen Kultur-Hotspot der Stadt werden – als Ersatz für den Kulturraum am Klosterplatz, der voraussichtlich Ende 2015 schliesst. Diese Pläne erwähnte er allerdings eher beiläufig. Saiten bleibt trotzdem dran.

 

Kultur?? Kultur!! am 30.3.15 in der Lokremise St.Gallen

Josef Felix Müller, Kaspar Surber und Stefan Keller im Gespräch

 

Bilder: Dani Fels

thurgaukultur.ch war am Montagabend ebenfalls in der Lokremise. Hier mehr dazu. 

 

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